Corona, Klimakrise und Kapitalismus

Klimawandel Die Corona-Krise ist auch ein Beleg des Scheiterns der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Dennoch wird es Raum für eine Neuorientierung geben - wir müssen ihn nutzen
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Corona, Klimakrise und Kapitalismus
Das Verfeuern von Kohle, PKW mit Verbrennungsmotoren und Rüstungsgüter sind definitiv keine Güter auf der Höhe der Zeit

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Die Corona-Krise ist auch ein Beleg des Scheiterns der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Denn sie offenbart, dass unsere Wirtschaftsordnung nicht krisenfest ist und bestehende Ungleichheiten noch weiter verstärkt. Gleichzeitig wird die Krise Raum für eine Neuorientierung bieten. Wir müssen diese Interventionsfenster für den dringend notwendigen Umbau nutzen, nur so können wir die Klimakrise bewältigen.

Corona lässt wichtige Schlüsse über die Funktionsweise unserer Gesellschaft zu. So zeigt sich aktuell unter anderem, dass Staaten in der Krise handlungsfähig sind, wenn sie denn nur wollen. So zeigt sich aktuell aber auch, dass Krisenbewältigung auf nationaler Ebene stattfindet und von staatlicher Seite autoritär und nicht solidarisch organisiert wird. Und nicht zuletzt zeigt Corona, dass unser aktuelles Wirtschaftssystem in einer tiefen Krise steckt. Wenn Preise für lebensnotwendige Güter wie Atemschutzmasken innerhalb weniger Wochen um 3.000 % steigen; wenn darüber gesprochen wird, dass die Rettung von Menschenleben finanziell sinnvoll sein muss, dann ist klar: der kapitalistische Markt funktioniert auch in Krisenzeiten – jedoch nach seinen eigenen und destruktiven Regeln. Er funktioniert nicht zum Wohle der Menschen, sondern einzig, um Profite zu schaffen.

Darüber hinaus müssen wir feststellen: sowohl die Corona-Pandemie als auch die Klimakrise sind vor allem soziale Krisen. Sie verschärfen die bestehenden Ungerechtigkeiten. Während Reiche die soziale Isolation in Landhäusern mit großen Grundstücken erleben, verschlimmert der aktuelle Lockdown soziale Probleme für arme Menschen massiv. Die Zunahme häuslicher Gewalt in engen Wohnungen oder finanzieller Kollaps durch zu geringes Kurzarbeitergeld sind nur zwei der zahlreichen Folgen. Die Ungleichheit während der Pandemie zeigt sich als besondere Tragödie aus dem kapitalistischen Tollhaus, wenn 40.000 Erntehelfer*innen eingeflogen werden, während 20.000 Menschen in den griechischen lagern gefangen gehalten werden.

Kann ein solches System wirklich die Lösung sein, wenn Millionen Menschenleben auf dem Spiel stehen? Ist ein System, was dazu tendiert, immer mehr Bereiche einer Marktlogik zu unterwerfen wirklich ein System, dass gut für die Mehrheit der Menschen ist? Ist ein System, dass das Verhältnis zwischen Mensch und Natur fundamental verändert hat und somit den Grundstein für vermehrte Epidemien legt, unsere Zukunft? Wir sagen nein! Die aktuelle Corona-Krise offenbart, dass der Kapitalismus im Niedergang ist. Corona wird die fundamentalste wirtschaftliche Krise seit dem zweiten Weltkrieg zur Folge haben. Die nachfolgende Wirtschaftskrise wird somit der Kulminationspunkt der kapitalistischen Vielfachkrise seit 2008 sein. Corona muss daher der Punkt sein, an dem wir die ökonomische Ordnung in Frage stellen und nach neuen Lösungen suchen.

Denn schon jetzt haben wir nicht nur mit Corona und den Folgen zu kämpfen, wir stehen mit der Klimakrise schon seit Jahren vor einer noch größeren gesellschaftlichen Herausforderung. Der kapitalistische Imperativ unendlichen Wirtschaftswachstums stößt auf eine endliche Erde. Ein entgrenzter Kapitalismus trifft die planetaren Grenzen, deren Überschreiten unvorstellbare Katastrophen nach sich ziehen würde. Ähnlich wie bei Corona werden durch die Klimakrise Millionen Menschenleben bedroht. Auch hier ist die Bedrohung ungleich verteilt: Menschen im Globalen Süden sind stärker betroffen als im Globalen Norden. Und hierzulande sind ärmere Menschen stärker gefährdet als reiche.

Um die Auswirkungen der Klimakrise zu bewältigen eignet sich die kapitalistische Gesellschaftsordnung nicht. Denn seit Jahren sind die weitreichenden Auswirkungen der Klimaerhitzung bekannt. Nichtsdestotrotz wird weiterhin der Klimakiller Kohle verfeuert, steigt der Absatz von SUVs und werden technische Produkte so hergestellt, dass sie nicht möglichst lang funktionieren, sondern maximale Profite generieren. Auch hier funktioniert der kapitalistische Markt seiner Logik nach prächtig, für den Planeten jedoch tödlich. Covid19 und die Klimakrise machen klar: wir können uns einen nach kapitalistischen Regeln funktionierenden Markt nicht länger leisten.

Wir müssen die Corona-Krise als Moment begreifen, der Fenster öffnet, Neues zu probieren und zu gestalten. Eine neue Wirtschaftsordnung, in der nicht mehr Wachstum und Profitlogik als oberste Maximen gelten. Eine Wirtschaftsordnung, in der nicht Ausbeutung von Mensch und Natur die Voraussetzungen sind. Eine Wirtschaftsordnung also, die nicht kapitalistisch ist. Es braucht eine bedarfsorientierte, lokal produzierende und am Gemeinwohl ausgerichtete Wirtschaft. Es braucht eine Wirtschaft, in der die öffentliche Daseinsvorsorge kommunal organisiert ist. Es braucht eine Wirtschaft, deren industrieller Kern nicht in der Mitte des 20. Jahrhunderts stecken geblieben ist, sondern deren Industrie auf der Höhe der Zeit produziert. Das Verfeuern von Kohle, PKW mit Verbrennungsmotoren und Rüstungsgüter sind definitiv keine Güter auf der Höhe der Zeit.

An genau einer solchen Utopie arbeiten wir in der Klimagerechtigkeitsbewegung seit Jahren. Wir wollen, dass soziale, ökonomische und ökologische Ungleichheiten abgebaut werden, dafür steht der Begriff der Klimagerechtigkeit. Bei Klimacamps haben wir vorgemacht wie dies aussehen kann. Wir wollen ein System überwinden, in dem viele die Folgen der Lebensweise weniger tragen. Genau für eine solche andere Wirtschaftsordnung kämpfen wir. Vor Corona, trotz Corona und nach Corona umso entschlossener.

Ronja Weil ist eine der Sprecherinnen des Bündnisses Ende Gelände

Maximilian Becker ist Aktivist und unter anderem aktiv bei Ende Gelände und #unteilbar

13:02 03.05.2020
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Ronja Weil & Maximilian Becker

Ronja Weil ist eine der Sprecherinnen von Ende Gelände. Maximilian Becker ist Aktivist bei Ende Gelände und #unteilbar.
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