Stoffe des Lebens (I)

Langer Aufsatz über kommende Konflikte, abhandene Strategie und Informationen als materielle Gewalt
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Die Hornberger wussten immerhin, sie hatten geschossen. Das ist, verglichen mit dem Ausgang der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“, ein hohes Maß an Gewissheit. Nach den Sondervoten geurteilt, konnte es sich bei der hier ausgetragenen Disziplin auch um Tauziehen oder Bockspringen gehandelt haben. Entsprechend belustigt hallte im Frühsommer 2013 das Medienecho. Im Reigen der strategierelevanten Pendants, der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie von 2002 und des Koalitionsvertrags, klingt die bespottete Disharmonie jedoch angemessen.

Alle drei politischen Statements gehen mit einem Grund-Konflikt um, der sich seit der frühen Industrie in irrlichternden Gestalten bewegt. Im 19. Jahrhundert bildeten Rousseaus edler Wilder sowie Proudhons einfache Warenproduktion einerseits und Darwins Evolutionstheorie plus Marx’ Fortschrittsoptimismus andererseits seine philosophischen Pole.

Aktuell und zugespitzt heißt er: Wirtschafts-Wachstum oder nicht Wirtschafts-Wachstum? Es handelt sich um eine Frage von Shakespeareschem Format.

Variationen von Jein doch

Die Unübersichtlichkeit der Materie führte dazu, dass 2002 mit der „Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung“ gleichzeitig Wirtschafts-Wachstum bejaht und seine unbedingte Voraussetzung Konsum verneint wurde. Darin besteht ein unauflösbarer Zielwiderspruch. Der Titel Strategie repräsentiert keine Strategie, sondern hauptsächlich eine Debatte, in der Postwachstum und Wachstumszwang als ideologische Bastionen parallel laufen.

Solange keine besonderen Untiefen die ökonomischen Fahrwasser aufrühren, lässt sich unter der Überschrift Nachhaltigkeit ein Anschein von Burgfrieden und Balance erzeugen. Müssen sichtbare Abgründe umsteuert werden, navigiert man nach der Einsicht:

Ohne Konsumenten am Ende der Kette findet keine Produktion statt. Soziale und politische Verwerfungen folgen auf dem Fuß; womit auch Rückfälle in vordemokratisches Konfliktverhalten drohen. Sie sind die unmittelbarste und zuerst abzuwendende Gefahr für offene Gesellschaften. Deshalb war die 2008 in Reaktion auf die Finanzkrise realisierte Abwrackprämie eine richtige Maßnahme. Und eben deshalb nehmen – so das Ergebnis einer Expertenbefragung von Griefahn – Umweltaktivisten in Asien, Afrika und Lateinamerika im Unterschied zu denen der westlich-industrialisierten Welt: Wachstum und Produktion als selbstverständliche Notwendigkeit.

Als Leistungen der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ stehen: Erstens zerriss sie Nebel. Die Kontradiktion von Wirtschafts-Wachstum JA und Konsum-Wachstum NEIN wurde wieder sichtbar. Zweitens traf sie als Ausgangspunkt ihrer Aufgabenbeschreibung die Feststellung: Wirtschafts-Wachstum, gemessen am Brutto-Inlands-Produkt, gibt wenig Auskunft über den Gesamtzustand der Gesellschaft. Drittens blitzte wenigstens in der Debatte (Jänicke) die Stofffrage auf, und dass es strategisch um Wachstum und Schrumpfung geht. Was das BIP über die Wirkungen von Wirtschaft und Konsum auf die Natur aussagt, bewegt sich ja gleichfalls im Ungefähren.

Gesetzt den Fall, alle, die in ehelichen oder sonstigen Gemeinschaften leben, kommen auf folgende Idee: Sie gründen Ich-AG’s. Anschließend stellen sie sich ihre jeweils erbrachten Dienstleistungen wie Wäsche Waschen, Kinder Betreuen oder Einkaufen in Rechnung und zahlen sich – nach Mindestlohn-Stundensatz - gegenseitig aus. Dann schnippt das BIP um etwa dreizehn Prozent nach oben. Keinem Baum krümmt sich davon ein weiteres Blatt, denn es werden ja keine anderen Tätigkeiten verrichtet als zuvor. Verfallen hingegen in Krisenzeiten Unternehmen aus Kostengründen darauf, ihre Giftfässer nicht durch Spezialisten entsorgen zu lassen, sondern heimlich zu verklappen, dann treten Umweltschäden bei sinkendem BIP ein. Stoffliches und Wirtschaftswachstum sind zweierlei. Das BIP verrät hauptsächlich die arbeitsteilig erbrachten und verrechneten Leistungen, Umwelteinflüsse hingegen nur bedingt. Dafür ist Licht auf die konkrete Art und Weise von Produktion zu werfen.

Wovon die kommende Regierung absieht. Sie beschwört „Effizienz und Innovation.“ Im Koalitionsvertrag erscheinen „Wachstum“ oder Zusammensetzungen damit 55 mal, das Wort „Schrumpfung“ null mal, Schöpfungen um „nachhaltig“ insgesamt 71 mal, was wenig hilft. Ökologiebewegte nehmen sie als irreführendes Etikett für einen Geist, in dem der interessierte Moment die allgemeine Perspektive besiegte. Demonstrationen gegen die neuerliche Energie-Wendung zeugten davon.

Das Schauspiel der politischen und Lobbyistengefechte um die Energiewende lässt an Dramatik nichts zu wünschen übrig. Es steht für eine weit fortgeschrittene Entwicklung. Denn man weiß, worum es überhaupt geht. Im Übergang zu alternativen und regenerativen Energien als in sich widerspruchsfreiem Lösungsprinzip besteht ein breiter grundsätzlicher Konsens. Davon ist das Thema der stofflichen Ressourcen weit entfernt

Mit Abstand gefragt

Um hier etwas wie Klarheit über die menschlichen Lebenschancen auf der konkret gegebenen Erde zu erlangen, bedarf es eines Schritts in abstrakte Distanz und des Blicks auf elementare Tatsachen und elementare Fragestellungen.

Menschenkörper sind Gebilde aus hauptsächlich Sauerstoff, Kohlenstoff und Wasserstoff plus raffinierter kleiner Beimengungen weiterer chemischer Elemente. Damit diese Stoffe in Fluss, also lebendig bleiben, beziehen die Körper aus ihrer Umgebung wiederum Stoffe, die sie jeweils zum Teil in Energie wandeln, sich einverleiben und ausscheiden. Sie befinden sich im Stoffwechsel mit ihrer Umgebung. Kann dieser aus sozialen oder ökologischen Gründen nicht stattfinden, verenden sie.

Von nicht auszuschließenden militärischen Extremfällen hier schweigend, stellt die physische Existenz der Gattung Mensch spätestens seit dem 1972er Bericht an den Club of Rome, angesichts von Klimaveränderungen, Schadstoffakkumulationen, Bodenerosion usw. absehbar keine Gewissheit, sondern lediglich eine von zwei Möglichkeiten dar. „Stoffe“ drängen sich als analytisches Kriterium auf, weil das pure Leben aus ihnen besteht.

Sobald sie die Perspektive markieren, beleuchten harte Fakten nackte Kaiser.

Vierzig Jahre Nachhaltigkeitsbewegung bewirkten zahlreiche positive Veränderungen, auch in Wirtschaft und Konsum. Bioprodukte und technische Erzeugnisse mit Umweltzertifikat finden zunehmenden Absatz. „Grün“ wurde zum schlagenden Werbeargument. Aus einer Tonne der Erde entnommener Stoffe gewinnt man vierzig Prozent mehr Erzeugnisse als vor dreißig Jahren. Der westliche Durchschnittskäufer konsumiert anders und umweltbewusster als damals.

Aber: Er konsumiert nicht weniger, sondern mehr. Effizienz fängt den damit gestiegenen Ressourcenbedarf nicht auf. Man spricht von Rebound-Effekten. Soweit sich dies bis jetzt faktisch überblicken lässt, ändern ökologische Vorsätze als ethische Instanz nichts daran, dass der tägliche Pro-Kopf-Konsum steigt. Gleichzeitig vermehrt sich die Population Mensch bis zu einer Anzahl von mindestens neun Milliarden. Ebenso gleichzeitig treibt die nachholende Entwicklung in Schwellen- und jungen Industrieländern Produktion und Konsum voran. Damit beschleunigt sich voraussichtlich die evolutionäre Tendenz des wachsenden Stoffumsatzes. Während der steinzeitliche Mensch täglich 35 Kilogramm verursachte, beansprucht der moderne mit 1320 Kilogramm beinahe das Vierzigfache. (Huber) Sofern man Asiaten, Afrikanern, Lateinamerikanern und Westlichen der unteren Chancenskala nicht abspricht auch Menschen zu sein, ist ihnen modernes Konsumverhalten als Recht zuzusprechen. Nehmen sie das wahr, braucht es fünf Erden zur Bedarfsdeckung.

Also konzentrieren sich die einen um Grenzen der ökologischen Tragekapazität bzw. der Biokapazität der Erde und verlangen einen kleineren ökologischen Fußabdruck ihrer Gattung. Die Biosphäre selbst wirft Zweifel an der Denkrichtung auf. Sie scheint unverwüstlich. Aus winzigen Spuren organischer Stoffe wuchs im Lauf der letzten vier Milliarden Jahre eine jeweils lebendige Biomasse von etwa 1,85 Billiarden Tonnen. (Li-Hun Lin) Dies trotz mehrerer Großereignisse wie Kometeneinschläge, Eiszeiten oder Vulkanausbrüche, die jedes mal bis zu zwei Dritteln allen irdischen Lebens forderten. 99 Prozent aller jemals entstanden Lebensarten erloschen. Dennoch herrscht eine Biodiversität, deren Spezies auch nur zahlenmäßig zu erfassen unmöglich ist. Schätzwerte bewegen sich bis zu 112 Millionen Arten. Bei der ökologischen Tragekapazität handelt es sich nicht um eine fixe, sondern um eine dynamische Größe. Neue Wesen schaffen neue Tatsachen, wie einst die Blaualgen Luft. In dieser Fähigkeit übertrifft die Gattung Mensch alles andere. Seit jemand erstmals ein Samenkorn absichtsvoll in die Erde steckte, dehnte sie für sich die ökologischen Wachstumsgrenzen aus.

Die Gegenrichtung baut auf wissenschaftlich-technischen und technologischen Fortschritt, auf Effizienz und auf die Tendenz der sogenannten De-Materialisierung. Ihre Devise: Menschlicher Erfindungsgeist bringt neue und sparsame Lösungen. Wir schätzen Technologiefolgen vorausschauend ab. Innovationen gehen also im Prinzip in die richtige Richtung. Hier stellt die statistisch erfasste Entwicklung des Stoffbedarfs die Diktion infrage. Er eilt den Einsparungen durch Effizienz voraus. Nachweislich stimmt die Annahme nicht, dass aus der sinkenden Materialmenge je einzelnem Erzeugnis eine Senkung der Gesamtmenge der in Produktion und Konsumption verwandten Stoffe folgt. Mit der Perfektionierung von Erzeugnissen geht ihre zunehmend massenhafte Verbreitung einher. Den Riesencomputern von vor 50 Jahren stehen nicht nur handkleine Festplatten und daumennagelkleine Chips mit exponentiell höherer Rechenleistung gegenüber. Es gibt auch beide nicht nur in ungeheurer Anzahl. Man baut sie zudem in unübersehbare, ehemals ungekannte Geräte ein, zu denen sich Kabel, Router, Server, Modems und eine Menge gewaltiger Großrechner addieren. Nicht annähernd rasant, dennoch ähnlich verhält es sich mit Staubsaugern, Autos, Kühlschränken oder Fernsehapparaten und so fort.

Die durch Menschen bewegten Stoffströme wachsen unaufhörlich.

Wird fortgesetzt:

II

Stoffe wie kein Wald vor lauter Bäumen + Aufwärts und Wachsen ein weißer Schimmel

III

Kreis aus dauerndem Anfang + Kabinett der Spiegelungen + Literatur

09:36 14.02.2014
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