Stoffe des Lebens (II)

Kommende Konflikte, abhandene Strategie und Informationen als materielle Gewalt
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Stoffe wie kein Wald vor lauter Bäumen

Die Enquete „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ setzte eine philosophische Grundlegung an den Beginn ihrer Arbeit. Darin standen die Moderne, das Zeitalter der industriellen Revolution als Ausgangspunkt allen wirtschaftlichen Wachsens. Das ist zu eng betrachtet. Angesichts von Sein oder nicht Sein erhebt sich die Frage: Wie aber hältst Du’s mit den Stoffen, Evolution, in allen Epochen gesellschaftlichen Wirtschaftens?

Die biologische Entwicklung bescherte die genannten 11,85 Billiarden Tonnen Grünzeug, Fleisch und Blut als lebendige Biomasse. Hinzu kommen Mengen toter bzw. trockener Biomasse, die zudem nach geologischer Umwandlung als Erdöl, Kohle oder Kalkstein die Erdkruste verändern. Auf anfänglich kaum messbare Spuren von Leben folgen trotz dramatisch lebensvernichtender Naturkatastrophen stoffliche Prozesse, deren Ausmaß das Vorstellungsvermögen in Menge und Differenziertheit übersteigt.

Nach allgemein geläufigen, dem Urvater Darwin entlehnten Deutungsmustern von Evolution dürften sie so nicht stattgefunden haben. Mutation, eine Umwelt knapper Nahrung und Selektion bilden hier das bestimmende Dreieck. Wie die Artenmenge überhaupt entsteht, aus der sich auslesen lässt, und wie sich die Auserlesenen dann auf ihre Umwelt auswirken, bleibt unterbelichtet.

Das Mysterium des Lebens als in Qualität und Quantität über sich selbst hinaus Schwingendes neu zu erhellen, gelang den Biologen Smith und Szathmáry. Sie stellen ein atemberaubendes Dauerereignis von eigendynamischen, beweglichen, sich miteinander in viele Dimensionen selbst erweiternden Informationen vor. Am Anfang des Organischen existieren einige wenige Informationen in sehr einfachen Molekülen. Sie replizieren, also kopieren sich selbst, sie kooperieren miteinander, kombinieren sich zu neuen, komplizierter werdenden Anordnungen. Immer vielfältiger und ausgeklügelter verschlüsseln sie die Trigger für künftige stoffliche Entwicklungen. Die Anzahl und die Speicherkapazität der genetischen Codes wachsen. Nach mehreren Qualitätssprüngen gibt es Arbeitsteilung und Kooperation zwischen Lebewesen, sexuelle Vererbung, das Wunderwerk menschliches Hirn - und gewaltige Biomasse.

Außer dem Menschen brauchen alle Lebewesen für den Austausch und die Vermehrung von Informationen direkten Kontakt, an einem gegebenen Ort, zu einem gegebenen Zeitpunkt. Stoffe als Informationsträger und Informationsgehalt sind eins. Es findet unmittelbare Aktion statt.

Das ändert sich während der sozialen Evolution grundlegend. Zur Aktion tritt die Reflektion, die virtuelle Spiegelung der Welt. Damit lösen sich die Informationen von den Stoffen, und ihre Vermehrungsmöglichkeiten katapultieren sich ins Unermessliche. Menschen sehen eine Realität und denken sich dazu, was sie wollen. Im Unterschied zum Ganter, der ein fossiles Saurierei nicht wecken wird, operieren sie mit Informationen aus früheren Realitäten. Ihren Wünschen, Interessen und Bedürfnissen folgend, ordnen und kombinieren sie die realen Dinge nach Imaginärem. Je mehr Informationen menschliche Sozialgefüge aufnehmen, vorhalten und in Kombination setzen, desto mehr und desto komplizierter gestaltete Stoffe bewegen sie mit umso größerer Geschwindigkeit. Darin besteht eine Regelmäßigkeit des zivilisatorischen Prozesses.

Aufwärts und Wachsen ein weißer Schimmel

Gesellschaftlicher Fortschritt findet, aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, als unablässige professionale und soziale Ausdifferenzierung statt. Seit den Ackerbauern und Viehzüchtern entstehen unentwegt neue Berufe. Ein jeder fordert umbauten Raum, Werkzeuge, Maschinen, Material, Hilfs- und Transportmittel, Behältnisse oder anderes – und damit immer wieder Stoffe. Die von den zunehmenden Professionen bereit gestellten Waren und Dienstleistungen dienen dann nicht einfach der Befriedigung von Bedürfnissen oder dem Konsum. Sie stellen in der sozialen Evolution bedeutende Symbole dar.

Weil Menschen nicht als Einzelne, sondern nur in Gemeinschaft überleben, spricht schon Darwin von dem Bedürfnis nach sozialer Zuwendung als einem Primärinstinkt. Um Anerkennung zu erhalten, muss bewiesen werden, dass man sie verdient, was eben auch demonstrativ geschieht. Elias und Bourdieu zeigen, wie daraus ein zivilisatorischer Fahrstuhleffekt entsteht. Die politisch ökonomisch kulturellen Spitzen von Gemeinschaften oder Gesellschaften stellen sich seit jeher durch besondere Häuser, Kunstwerke, Möbel, Gefährte oder anderes als Erfolgreiche zur Schau. Mit wenigen Ausnahmen steigt der große Rest ihnen nach, indem er zur gleichen Lebensweise, den gleichen Annehmlichkeiten und eben auch zu den stofflichen Symbolen von Erfolg hineifert. Damit verlieren die ursprünglichen Symbole ihre Beweiskraft. Die Spitzen statten sich der weiterhin nötigen Unterscheidung wegen – Bourdieu spricht von Distinktionsbedürfnis – unablässig neu aus. Sichere offene Gesellschaften mit demokratischem Konfliktverhalten kosten also Stoffe. Und: Es frisst notwendig die Innovation die Effizienz auf, einfach, weil sie auch effizient hergestellte Produkte gegen die nächsten austauscht und dafür fortwährend neue Stoffe braucht.

Seit etwa zehn Jahren gibt es eine mathematische Darstellung des Vorgangs. Der Netzwerktheoretiker Barabási untersuchte Ende der 1990er mit seinem Team das noch junge WorldWideWeb und das Internet. Weil diese spontan, selbstregelnd aus den Interessen, Bedürfnissen und Wünschen von Individuen, Institutionen und Unternehmen treiben, bieten sie einen strukturellen Modellfall für gesellschaftliche Entwicklung. Barabási & Co kartographierten das Netz mithilfe von Robots, einer Art Cookies, zu mehreren Zeitpunkten. Anschließend arbeiteten sie an einer Formel, die die Veränderungen zwischen den Daten-Erhebungen, also das Wesen der Netz-Veränderungen, mathematisch erfasst. Die endlich funktionierende Formel beinhaltet als entscheidende Koeffizienten: einen für Wachstum und einen dafür, dass die Akteure bevorzugt Verbindung zu starken Netzknoten herstellen.

Was Barabási gelang ist nichts anderes als der abstrakteste Ausdruck des kultursoziologischen Wissens von Bourdieu und Elias, gleichzeitig der Erklärungscode dafür, dass in statistischen Diagrammen sich die Kurve des globalen Pro-Kopf-Konsums immer steiler von der relativ sachten Aufwärtslinie der Weltbevölkerung entfernt.

In diesem Zusammenhang zwischen informationellem wie stofflichem Wachstum und Orientierung an den Avancierten besteht eine, wenn nicht die Elementardynamik menschlicher Zivilisation.

Um zu erreichen, dass die Menge der täglich durch Menschen bewegten Stoffströme sinkt, braucht es Außerordentliches. Formel-1-Rennen trägt man zum Beispiel in Eierkisten oder Nahverkehrsbussen aus. Die Bundeskanzlerin radelt, rudert oder fährt mit der Bahn zu Staatsbesuchen. Stars und Sternchen des Entertainment tragen alte Kleider. Winters packen sie wie einst für Dorffeste ihre Highheels in Tüten. Sie benutzen öffentliche Verkehrsmittel bis an die Kanten der roten Teppiche, wo sie dann die Schuhe wechseln.

Erwartbar nichts davon passiert. Deshalb knurrt der Hunger nach Stoffen zukünftig sicher gewaltiger als jetzt, und ganz sicher bleiben die irdischen Vorkommen daran endlich.

Das läuft auf die Wahl zwischen sozialen und ökologischen Desastern hinaus, wogegen Effizienz kein hinreichend innovatives Mittel ist.

08:23 16.02.2014
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