Stoffe des Lebens (III)

Kommende Konflikte abhandene Strategie und Informationen als materielle Gewalt
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Kreis aus dauerndem Anfang

Die Crux der Erweiterung von Stoffströmen besteht auch ohne die spezifisch verschärfenden Additionen der gegenwärtigen Wirtschaftsweise wie sittenwidriges Bankensystem, profitgesteuerter Drang nach billiger Arbeitskraft oder Sollbruchstellen als verbreitete Produktpolitik.

Sie spitzt sich mit schwer zu überschätzender Geschwindigkeit zu, weil Informationen als Trigger der Stoffströme sich immer sprunghafter paaren und vermehren. Omnipräsent, nahezu unabhängig von Ort und Zeit, per Klick beieinander, flirren sie ständig verfügbar im Web. Selbst eigentlich sorgsam gehütete technologische Geheimnisse erlauben Zugriff wie im Selbstbedienungsladen. Telekommunikation verkürzt Entscheidungsintervalle. Beschleunigungsmomente der analogen Welt eskalieren das Geschehen. Machtvoll saugen Großstädte Leistungsträger und hungrige Neulinge aller Bereiche an. Ein Hauptmotiv liegt in Geschwindigkeit. Binnen wenig mehr als einer halben Stunde erreicht man hier die jeweils richtigen Personen, um wichtige Informationen direkt zu erhalten, weiter zu geben und auszutauschen. Metropolisierung bedeutet informationelle Potenzsteigerung, und sie vollzieht sich rapide. Mit dem Englischen setzte sich inzwischen eine Lingua franca der diplomatischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Welt durch. Verzögerungszeiten für mündliche oder schriftliche Übersetzungen entfallen. Forschungsergebnisse werden zunehmend gleich auf Englisch veröffentlicht und nehmen unmittelbar am wissenschaftlichen Vermehrungsbetrieb teil. Wen wundert’s also, dass sich die Zahl der jährlich weltweit angemeldeten Patente in nur anderthalb Jahrzehnten auf mehr als zwei Millionen verdoppelte. Sie drängen zur Realisierung, und das bedeutet: Es werden Informationen zur materiellen Gewalt.

So ist es nun. Die Menge der irdischen Stoffe wiegt endlich, und Zivilisation heißt permanent wachsender Stoffumsatz. Um beides zu vereinbaren, gibt es nur eine Lösung. Die Tatsache wachsender Stoffströme darf nicht gleichbedeutend sein mit Stoffverbrauch. Der Weg, höhere Umsätze von Stoffen zu ermöglichen, besteht in ihrem möglichst verlustlosen Umschlag, in ihrem permanent wiederholten Gebrauch statt Verbrauch.

Am konsequentesten hat das Braungart im Cradle-to-Cradle-Konzept, von der Wiege zur Wiege, ausgearbeitet. Darin kommt das Prinzip Müll nicht vor. Es bestehen zwei peinlich von einander getrennte Kreislaufsysteme – das der biologischen und das der technischen Stoffe. Die biologischen Kreisläufe werden von allen Schadstoffen frei gehalten. Die Reste eines Zyklus nähren unmittelbar den nächsten. Um dauernde technische Kreisläufe zu ermöglichen, werden die Erzeugnisse, ihre Produktion und ihr Vertrieb so konzipiert, dass, wenn die Produkte verschlissen oder überholt sind, sie in ihre Einzelteile zerlegt und einem neuen Verarbeitungszyklus zugeführt werden können. Eine zunehmende Anzahl von Cradle-to-Cradle-Waren beweist: Das Konzept ist praktikabel. Es gibt inzwischen Haarwäsche, die man gefahrlos trinken könnte. Büromöbel und Fernsehapparate, die sich bis ins letzte Teil auseinander nehmen und wieder verwerten lassen. Teppiche und Wandfarben, die die Raumluft reinigen.

Braungart widerspricht der These vom zu verkleinernden ökologischen Fußabdruck. Der Mensch müsse vielmehr faustisch lustvoll einen möglichst großen hinterlassen, jedoch einen solchen, der seine natürlichen Lebensbedingungen verbessert. Diesen lebensgemäß radikalen Optimismus nennt er Öko-Effektivität. Bei ihm gibt es nicht einfach Re-Cycling. Er unterscheidet zwischen Down-Cycling, in dem Stoffe nach ein oder zwei zusätzlichen Nutzungen dennoch als Abfall verloren gehen, und dem Up-Cycling als Methode, ihre Qualität zu erhöhen.

Kabinett der Spiegelungen

Das Tempo der fortströmenden Stoffe verlangt nach der von Braungart beschriebenen

Produktions- und Konsumptionsweise als strategischem Ziel wirtschaftspolitischer Gestaltung. Immerhin eine dafür nötige Einsicht eint das relevante Personal: Ohne Industrie oder hinter ihrem Rücken sind der Mensch und seine natürlichen Existenzbedingungen nicht zu retten. Ob deshalb Hoffnung schimmert oder heiße Luft sich über alten Straßen spiegelt, bleibt zu erwarten. Eine Strategie in Braungarts und Jänickes Sinne erfordert spezifische Aussagen. Unternehmen der neuen Produktionsweise bedürfen der Förderung, während solche der fatalen Stoffvernichtung schrumpfen – müssen.

Der Koalitionsvertrag jedoch tut Unspezifisches kund. Nicht die Politik entscheidet über zielführendes Wachstum, sondern die nicht einmal um Obsoleszenz und Transport-Tonnenkilometer schrumpfenden Interessen der gegebenen Industrien dominieren es mit Lobbys und allem, was dazu gehört. Innovation als ungerichtete Beschwörungsformel und Effizienz als für sich unzureichende Methode erzeugen zusammen eine Täuschung und nicht einmal den Anschein von Strategie. Als Wege zu künftig benötigten Stoffen rangieren Beschaffung auf den globalen Märkten und Recycling gleichwertig. Im Zweifelsfall geringeren Rang nehmen die stofflichen Interessen anderer Länder ein. Die Denkschleife mutet bekannt an. Wenn die deutsche Regierung von Griechenland fordert, es möge sich um Wettbewerbsfähigkeit bemühen, dann spricht sie weltweit hörbar über die rausgestreckte Zunge: Nahe kommen lassen wir euch aber nicht, wir wollen Exportsieger bleiben. So verliert man leichter Freunde und Verbündete, als man globale Lösungen gewinnt.

Die sie in Reichweite bringen können, nämlich zivilisatorisch junge Unternehmer als Träger einer neuen industriellen Revolution, haben die Finanz- und Risikosorgen aller Start-Ups und mehr politische Wortführer gegen als hinter sich. Vertreter der Effizienztheorie bestimmen die Ökologiepolitik. Über diverse Verbände und Lobbyisten bis hin zu den Gewerkschaften bandeln die Unternehmen der alten Generation mit der Großen Koalition. Kein Geld nicht gewohnt sind die Liberalen und wegen der Abwahl mehr denn je auf die Logik von Parteispende und Gegenleistung angewiesen. Wenn die Linke das Ende der Massenproduktion und die Verzwicktheiten der neuen Produktionsrealitäten überhaupt bemerkt hat, verbirgt sie das gut. Als politische Lobby für eine zivilisatorisch neue Unternehmensgeneration fällt sie bis auf weiteres jedenfalls aus. Bleiben die Grünen mit ihrem ermöglichenden New Grean Deal, der aber selbst in Wahlkämpfen leicht in Vergessenheit gerät.

Unter kommendem Mehltau und national begründeten Interessen herrschender Industrien verblasst Deutschland als globales ökologisches Vorbild. Indessen demonstriert China in Afrika entwicklungs- und stoffpolitische Potenz. Es bevorratet sich mit Stoffen, indem es dem Kontinent zu Infrastruktur verhilft. Dies mit ungewissen globalen Nebenwirkungen für Offenheit und Demokratie.

Zeit bedeutet Managern Geld. In der Hauptsache ist sie abnehmende Währung für verpasste oder genutzte Chancen.

Literatur:

Barabási, A.-L.: Linked. How Everything is Connected to Everything Else and What It means for Business, Science and Everyday Life, New York, 2003,

Bourdieu, P.: Die feinen Unterschiede, Frankfurt a.M., 2008

Braungart, M./McDonough, W.: Cradle to Cradle: Remaking the Way We Make Tings, New York, 2002, deutsch: Einfach intelligent produzieren, Berlin, 2003

Braungart, M./McDonough W.: Intelligente Verschwendung. The Upcycle. Auf dem Weg in eine neue Überflussgesellschaft, München, 2013

Eich, D./Leonhard R.: Umkämpfte Rohstoffe, Berlin, 2013

Elias, N.: Über den Prozess der Zivilisation, Frankfurt/Main, 1997

Jänicke, M. Statement, http://www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse17/gremien/enquete/wachstum/drucksachen/17_Statement_J__nicke.pdf

Smith, J. M./Szathmáry, E.: The Origin of life. From the Birth of Life to the origins of Language, Oxford, 2009

09:37 16.02.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 13

Dieser Kommentar wurde versteckt
Dieser Kommentar wurde versteckt