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Mr. Jones hatte sich für das Caffé Nero in der Bridge Street entschieden, weil er Kaffee aus „Fair Trade“ Handel bevorzugte. Es war 11 Uhr 30 und einer der wenigen Tage an denen die Glocken von Westminster Abbey läuteten.Er hatte sich gerade gesetzt nachdem er seinen Espresso Ristretto an der Bar bekommen hatte (*), als diese große äußerst attraktive Frau das Café betrat Glücklicherweise nahm sie an einem der anderen Tische ihm gegenüber Platz.

Er entschied sich die Initiative zu ergreifen und begab sich auf die Toilette. Als er nach angemessener Zeit zurück an seinen Platz schlenderte– er hatte schließlich nicht gemusst – fummelte er unauffällig an seinem Handy herum und machte eine Aufnahme der Frau. Am Tisch zurück betrachtete er das Foto auf dem hochauflösenden Display. Er grinste, die biometrischen Daten waren überaus ansprechend, das Facebook-Profil gefiel ihm auch sehr gut. Als Mr. Jones allerdings den Abstract ihrer Dissertation, die literarischen und musikalischen Vorlieben und ihren politischen Blog überflogen hatte, entschied er sich, die Frau nicht kennen lernen zu wollen. Er hatte genug Antworten erhalten um zu wissen, dass sie und er keine Zukunft miteinander haben würden und an etwas kurzfristigem war er schließlich nicht interessiert. Zeitverschwendung dachte er. Kurz darauf verließ er das Caffé Nero ohne zu bemerken, dass ihm die Frau, die ihn die ganze Zeit heimlich beobachtet hatte, einen wehmütigen Blick hinterher warf. Gerne hätte sie etwas über den äußerst attraktiven Mann erfahren, der ihr da so abwesend gegenüber gesessen hatte.(**)

Die „Augmented Reality“ ist keine Fiktion. Jedenfalls keine, die sich nicht in nächster Zeit umsetzen ließe. Schon gibt es die ersten Anwendungen für die neue Generation von Mobilfunk-Telefonen, die einem ins Bild einblenden, wo sich die nächste U-Bahn – Haltestelle befindet und wann die nächste Bahn fährt. GPS und Sensoren für die Lage im Raum machen es möglich. Eine weitere Anwendung zeigt einem in der jeweiligen Szene Twitternachrichten anderer Twitter in der Umgebung an – inklusive genauer Position und Entfernung versteht sich. Und das, da sind sich die Kenner der Branche einig, ist erst der Anfang.

Sie werden Recht behalten. Schenkt man dem Titelthema des SPIEGEL (offline) „Ende der Privatheit“ Glauben. So ist Google auf dem besten Weg das Internet mit dem Outernet zu verschmelzen. Und das Nexus One scheint das Werkzeug dazu zu sein. Das „Ende der Privatheit“ mag zwar tatsächlich in greifbare Zukunft zu rücken, und die SPIEGEL-Autoren durchleuchten Google und seine Ambitionen in dieser Hinsicht bis in den letzten Winkeln. Hier soll es aber nicht um Datenschutz und Privatsphäre gehen. Bashing aus dieser Richtung gibt es schon genug.

Viel Schlimmer ist doch, dass Google auch Garant für das Ende der Kommunikation oder gelebter Zwischenmenschlichkeit werden könnte.. Schon jetzt glaubt Google, so der SPIEGEL, „dass sich die innersten Wünsche der Nutzer errechnen lassen.“ Ambivalenter geht es nicht mehr.

All diese Kommunikationshilfen, die Datensammlung im Internet, die ganzen Enduser-Gadgets und Apps und weiß Gott noch Alles. All dieses gefühlte „Haben müssen“ zur Erleichterung des modernen Lebens, wird am Ende dazu führen, dass wir nicht mehr miteinander reden müssen, weil wir sowieso schon alles voneinander wissen.

Und Mr. Jones der bereits in der augmented reality angekommen ist, hat sich immerhin ein Gespräch erspart, da auf Grund der Daten, die er in Sekundenschnelle abrufen konnte, die Wahrscheinlichkeit zu niedrig war, dass aus ihm und der Frau etwas hätte werden können. Wozu also noch die Zeit verlieren, sich durch ein vielleicht angenehmes Gespräch zu hangeln, nur um am Ende qualvoll feststellen zu müssen, dass die augmented reality die Antwort auf die Frage nach der Zukunft schon wusste, bevor sie sich Mr. Jones stellte.

Google-Chef Schmidt leitet diesen „praktischen Nutzen“ in einem Dreisatz her:

„Je mehr wir über Sie wissen, desto besser können wir die Resultate auf Sie zuschneiden“

"Unser Ziel ist, dass Sie eine Frage stellen, und Google gibt Ihnen die eine und immer richtige Antwort“

„Was soll ich morgen tun? Welchen Job soll ich annehmen? Was sagen Sie mir für meine Zukunft voraus?“

(SPIEGEL)

Das ist es was wirklich Angst macht. Denn bisher hat Google auch die verrückten Ideen verwirklicht und das erfolgreich.

Die verrückte Idee etwas zu erschaffen, dass die „Antwort auf Alles“ weiß, hatte schon einmal jemand. Douglas Adams lässt in The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy, einen Computer „Deep Thought“ erfinden, der sich anschickt genau diese Frage zu beantworten. Die Antwort lautet bekannter Weise „Zweiundvierzig“.

Es bleibt nur die vage, wenn auch unbegründete Hoffnung, dass Googles neue Software „Googles“ floppt. Es ist der Algorithmus den Mr .Jones einsetzt um sich über die Frau vor ihm klar zu werden. Wenigstens aber sollte es so lange wie in Adams' Roman dauern, bis Google alle Fragen der Menschheit beantworten kann. Siebeneinhalb Millionen Jahre. Dann bliebe noch genug Zeit für ein wenig Kommunikation und Zwischenmenschliches. Anderenfalls befürchte ich endet es wie im Roman:

„»Na schön«, sagte Deep Thought. »Die Antwort auf die

Große Frage ...«

»Ja ...!«

»... nach dem Leben, dem Universum und allem ...«, sagte

Deep Thought.

»Ja ...!«

»... lautet ...«, sagte Deep Thought und machte eine Pause.

»Ja ...!«

» ... lautet ...«

»Ja ... !!! ... ???«

»Zweiundvierzig«, sagte Deep Thought mit unsagbarer

Erhabenheit und Ruhe.

Es dauerte lange, lange, ehe wieder jemand sprach.“

*Den Espresso Ristretto musste Mr. Jones übrigens nicht umständlich an der Theke bestellen. Sein Nexus One hatte aus der Vielzahl an verfügbaren Daten über Mr. Jones seine Vorlieben errechnet und ihn kurz bevor die obige Episode startete auf das Caffé Nero hingewiesen. Es war nur ein Click auf „Ok“, der den Kaffeewunsch so in die Warteschlange der Kaffeemaschine im Nero reihte, dass die Tasse pünktlich zur Ankunft Mr. Jones' bereit stand. Ob überhaupt ein Barista anwesend war, weiß ich nicht. Wahrscheinlicher ist, dass der Espresso per Direktabbuchung bezahlt wurde.


**Die Handlung der Episode ist frei erfunden. Es gibt allerdings tatsächlich ein Caffé Nero in der Bridge Street in dem man einen Espresso Ristretto trinken kann, der aus Bohnen, die dem Fair Trade Handel entsprechen, gebrüht wurde.
Was außerdem vergessen wurde zu erwähnen ist, dass vor 11 klassische Musik und nach 11 Jazz gespielt wird. Mr. Jones wäre also in den Genuss von Jazz gekommen. Tatsächlich schlagen auch die Glocken der Westminster Abbey an manchen Tagen gegen 11 Uhr 30, so zum Beispiel dieses Jahr am 23. Mai.

Ob man allerdings dann auch das Glück hat eine große attraktive Frau dort zu treffen, kann ich nicht sagen. Auch nicht wie der Espresso Ristretto dort schmeckt, ich war nie dort - Google schon.


18:47 13.01.2010
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Geschrieben von

S.Heinel

Schreiben gegen die Ohnmacht, gegen geistige Übelkeit, gegen politische Verlogenheit. Schreiben für mehr Wahrheit in der Politik.
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