Fear sells ...NOT

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Na? Sie leben ja noch? Und das obwohl wir vor 3 Tagen den Untergang der Zivilisation beschlossen haben? Aus, Schluss, Ende vorbei! Daran ändert der zur Kenntnis genommene Minimalkonsens ja auch nichts mehr. Sie haben es wohl nicht begriffen oder unterbewusst sämtliche Kampagnen und Slogans von „The Age of Stupid“ bis „We could have saved ourselves but we didn't“ verdrängt!

Und seien sie Mal ehrlich, als sie am Samstag aufwachten und zum Bäcker zwei Straßen weiter mit ihrem per Standheizung vorgewärmtem Auto fuhren, kamen sie nicht umhin kurz zynisch zu grinsen als das Thermometer -14° Celsius anzeigte und Nachbar Müller mit dem Hund bibbernd an ihnen vorbei joggte. Hätten sie das Radio angehabt, wäre das Grinsen noch etwas breiter geworden, denn sicher hätte Ihnen der Nachrichtensprecher just in diesem Moment mitgeteilt, dass mit Obama auch der Wintereinbruch in den USA Einzug hielt und Washington den Schneenotstand ausrief.

Wer mag denn nach dieser Kältewelle (2 Tage immerhin) noch an „Global warming“ glauben – noch schlimmer – sich damit die nächsten Tage bewußt auseinandersetzen? Der Besuch der Großeltern zum vierten Advent und die Weihnachtsvorbereitungen der kommenden Tage lassen doch das Scheitern der Zivilisation in weite Gedankenferne rücken, oder wollen Sie mir klar machen, dass sie sich jetzt erst Recht klimagerecht aufs Fest vorbereiten? Na, ich hoffe sie haben keine Tanne fällen lassen.

Verschwörungstheoretiker werden wohl soweit gehen und das „zufällige“ Zusammenfallen der Abschlusstagung von Kopenhagen am 18. Dezember mit dem Beschluss des Wachstumsbeschleunigungsgesetzes am 18. Dezember so kurz vor Weihnachten, als gewollt einstufen. Egal wie es ausgegangen wäre, so wohl die Argumentation, Weihnachten hätte seine warme nach Christstollen, Zimt und Nächstenliebe riechende Decke der Glückseligkeit über alles gelegt. Die Pute und der Schnaps sein übriges dazu beigetragen, dass nach dem besten Feuerwerk aller Zeiten an Silvester, spätestens am 1.1. kein Hahn mehr danach gekräht hätte.

Ob man jetzt Zyniker ist oder Verschwörungstheorien nachhängt, macht keinen Unterschied, denn selbst hin bis zum größten Klimaschutzfan wird uns in den nächsten Tagen und Wochen – wie es so schön heißt – die Gegenwart einholen. Und genau darin liegt der Knackpunkt. Der Mensch wird sich immer zunächst mit den gegenwärtigen Problemen beschäftigen und nicht mit dem was in fünfzig oder hundert Jahren sein wird. Wir werden uns zuerst um die drängende Lebenserhaltung kümmern – sprich die Frage, ob ich meine Familie in den nächsten Monaten versorgt bekomme, wird immer wichtiger sein als die Frage, ob es möglich ist den CO2-Ausstoß der Familie zu verringern.

Das Sozial zeitlich Nahe wird uns immer mehr beschäftigen als irgendwelche globalen Zukunftsprognosen. Dabei ist egal wie real die Bedrohung tatsächlich ist, wichtig ist nur inwieweit sie uns sofort und direkt betreffen:

Visionen eines Überwachungsstaates gibt es nicht erst seit George Orwell 1949 seinen Roman „1984“ veröffentlichte. Und doch hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten ganz schleichend eine Modellierung unserer Rechte und ein Eingriff in unsere Privatsphäre stattgefunden, ohne das wir davon Notiz nehmen oder uns groß dagegen wehren. (Als letztes mit dem Abkommen zwischen den USA und der EU zum Zugriff auf Bankdaten der EU durch die USA )

Und wir – der Großteil der Bevölkerung – wehren uns nicht dagegen, weil uns glaubhaft versichert wird, dass diese Abkommen und Gesetze nicht gegen uns verwendet werden, sondern zu unserem Schutz. Schließlich kann es mir ja egal sein ob die Bankdaten von Terroristen abgeglichen werden, ich bin ja keiner. Die Bedrohungslage ist nicht akut greifbar. Die weitergehenden Folgen sind schon wieder zu zeitlich fern oder global, als dass sie uns im Moment beschäftigten.

Auf deranderen Seite gab es fiktive Ereignisse in der Vergangenheit, die als so real empfunden wurden, dass tatsächlich eine sofortige reale Reaktion darauf erfolgte (H.G. Wells Krieg der Welten). Krieg der Welten das 1938 ausgestrahlt wurde führte zu Irritationen und Massenpanik.

Wenn wir also tatsächlich die Weltbevölkerung dazu bringen wollen, den CO2 – Ausstoß gegenüber 1990 um 90% im Jahr 2050 zu reduzieren, dann ist das derzeitige „Marketing“ für diese globale Kampagne nicht das Richtige. „Fear sells“ heißt es im Sozialmarketing. Aber dies – meiner Meinung nach – eben nur, wenn die Bedrohungslage konkret und zeitnah ist.

Meine Empfehlung ist daher, das Ziel der CO2-Reduktion zu verpacken. Die Verpackung wäre ein Gewinn an Wohlstand – sprich im jetzigen System – an Geld. Solaranlagen auf Hausdächern von Eigenheimen verkaufen sich viel besser, wenn man die überschaubare Abschreibungszeit, die Unabhängigkeit vom Strommarkt und das Gewinnpotential nach Abschreibung in den Vordergrund stellt, als wenn man argumentiert, es nicht zu tun wäre ein Verbrechen an der Menschheit.

Verkaufen wir also den Klimaschutz als die Möglichkeit des 21. Jahrhunderts seinen persönlichen Wohlstand zu vermehren, werden wir einen direkten Anstieg der Bemühungen jedes Einzelnen vermerken können. Wir in den Industriestaaten müssen dabei den ersten Schritt machen, denn noch immer gilt unsere Wohlstandsdefinition und unser Lebensstandard in vielen Teilen der Welt als das Maß aller Dinge. Wenn wir aber zeigen können, dass der Einsatz von erneuerbarer Energie und Energie-Effizienz den Wohlstand vermehrt und damit die Lebensqualität verbessert, werden Schwellen- und Entwicklungsländer nachziehen. Mit der Zeichnung einer apokalyptischen Bedrohungslage werden wir das jedenfalls nicht erreichen.



16:36 20.12.2009
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Geschrieben von

S.Heinel

Schreiben gegen die Ohnmacht, gegen geistige Übelkeit, gegen politische Verlogenheit. Schreiben für mehr Wahrheit in der Politik.
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