Für Stuttgart 21 – von Zahlen und Visionen

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Vorweg


Ich bin Stuttgarter, ich wurde hier vor 32 Jahren geboren und habe die meiste Zeit meines Lebens hier verbracht. Ich bin überzeugter Befürworter von Stuttgart 21. Sie wissen also woran Sie sind, wenn Sie hier weiter lesen.

Die Schwierigkeiten eines Befürworters


Dagegen zu sein ist einfach. Man muss nur montags um 18 Uhr vor dem Nordflügel erscheinen und schon ist man ein Teil der Gegendemonstration. Aber als Befürworter? Das, wofür ich bin geschieht ja bereits und nicht erst seit der Bagger den Nordflügel zerlegt. Man muss nur ein paar Schritte weiter gehen und steht inmitten eines fertigen Teils von Stuttgart 21. Noch einen Steinwurf weiter entsteht die Bibliothek 21. Als Befürworter kann man sich also eigentlich zurücklehnen und zuschauen. Sollte man aber nicht. Gerade jetzt ist es wichtig, die Lanze für Stuttgart 21 nochmals zu brechen. Freilich wäre es lächerlich gewesen, eine Party zum Abrissbeginn des Nordflügels zu veranstalten, oder mit der Kettensäge in den Schlossgarten zu ziehen.
Beides sind nur kleinste Teile einer großen Vision. Und genau in diesem Wort – Vision – liegt das Potential für die Befürworter.

Zahlen und Fakten


Sind für eine sachliche Betrachtung äußerst wichtig und notwendig. Aber den „Zahlenkrieg“ wie es der Blogger mcmac heute in „Stuttgart 21 – Zuspitzungen“ nennt, ist nicht zu gewinnen, von keiner Seite, denn sowohl Gegner als auch Befürworter können auf einen reichen – ihrer Position nützlichen – Zahlen-, Fakten- und Gutachtenschatz zurückgreifen. Allein die Ereignisse ab gestern Abend würden von Gegnern und Befürwortern diametral gegensätzlich interpretiert.

Die Gegner würden sicher sagen, dass der Protest nach wie vor ungebrochen ist, dies zeige schon die Tatsache, dass wieder weit mehr als 20.000 Menschen an der Montagsdemonstration teilgenommen hätten. Die Befürworter würden sich natürlich auf die offizielle polizeiliche Schätzung berufen, die natürlich beweise, dass mit nur noch knapp 8.000 Demonstranten der Protest am abebben sei, nachdem der mediale Hype seit letzter Woche am abklingen sei.

Die Gegner würden sicher aufzeigen, dass mehrere hundert Menschen mitten in der Nacht um jeden Quadratzentimeter im Schlosspark ringen und sie weder Uhrzeit, Witterung oder die drohende Staatsmacht von ihrem Vorhaben abhielte. Die Befürworter interpretierten die Vorkommnisse so, dass es den Parkschützern gerade mal gelungen sei einen einzigen Baum zu besetzen, dass die Sitzblockade nicht mal dem ersten Polizeieinsatz standhielt.

Man gewinnt vielleicht einzelne Schlachten und selbst diese Siege entpuppen sich nach nicht mal 24 Stunden als Niederlagen, aber den Zahlenkrieg an sich wird niemand für sich entscheiden. Er trägt nur dazu bei, dass sich die Fronten noch mehr verhärten.

Visionen


Ich habe meine ganz persönliche Vision von Stuttgart 21. Wie dieses Projekt nach Abschluss einmal wirken wird. Wie die Menschen dort leben werden, wie sich die Stadt verändert haben wird und wie ich mich selbst darin bewege. Es ist eine durch und durch positive Vision. Ich kann sie sehen, fühlen, riechen und schmecken.
Aber während die Gegner Woche für Woche ihre Vision von Stuttgart 21 verbreiten, sie mit negativen Emotionen, Zerstörungs- und Verlustangst füllen, bleiben die Befürworter still oder schlagen sich weiter um die Interpretationshoheit irgendwelcher neuer Gutachten. Wir – die Befürworter – können das so weiter treiben. Möglicherweise überwiegt schon heute, vielleicht eines Tages die Faktenlage und wir können uns als Sieger in der faktischen Debatte auf die Schulter klopfen. Die Angst der Bürger vor der Veränderung ihrer Stadt wird dadurch nicht geringer.
Bisher wurde versäumt diese Vision pro Stuttgart 21 zu zeichnen – von Politikern wie von Bürgern. Es ist Zeit aufzuwachen und als Befürworter ins Jahr 2025 zu reisen und das vollendete Projekt Stuttgart 21 in bunten Farben zu malen und den Menschen, die nur das klaffende Loch im Nordflügel sehen, dieses Bild vorzuhalten.


12:46 07.09.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

S.Heinel

Schreiben gegen die Ohnmacht, gegen geistige Übelkeit, gegen politische Verlogenheit. Schreiben für mehr Wahrheit in der Politik.
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walter-ter-linde | Community
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