punkislam

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RE: Taqwacore von Michael Muhammad Knight erscheint bei Rogner & Bernhard | 21.03.2012 | 02:56

@popkontext

So jetzt habe ich den Film und die Doku gesehen und das erläutert so einiges, was den Hype und die Zweifel um das Ganze angeht.

Dass du mich nicht als "Deutsche" bezeichnet hast, nehme ich dir eigentlich auch gar nicht übel, ich wollte es nur einmal in die Runde werfen. Und da hast du absolut Recht: Der sprachliche wie intellektuelle Umgang mit Begrifflichkeiten bzgl. Migranten, ihrer -hintergründe, sowie dem Islam (-ismus!!!), liegt weit hinter dem im angelsächsischen Raum, aber auch hinter dem in anderen europäischen Ländern, die eine tiefer ausgeprägte koloniale Vergangenheit und somit Auseinandersetzung mit "dem Anderen" haben. (Obwohl, man könnte anmerken, dass Deutschland mit "den Anderen" durchaus so seine eigene Erfahrung gemacht hat. Die Frage ist wieviel hat man wirklich daraus gelernt im jetzigen Umgang mit "den Anderen"?)
Schmerzhafterweise hat das auch Herr Augstein in seiner Herangehensweise an die Diskussionsfragen demonstriert...(Der ultimative Hit: der Antisemitismus-Vorwurf...duh ja, v.a. bei Muslim Punks vorzufinden...v.a. denen die gay sind vermute ich...)

Ich stimme dir zu, dass Taqwacore sicherlich auch die Ansätze eines orthodoxen Islams propagieren *kann*. Bei genauerem Hinsehen wird jedoch klar, dass dies ja gar nicht die Absicht von MMK sein kann, da er die fundamental sakralen Elemente des Islams so grundlegend auseinandernimmt. Ich denke, dass seine Interpretation des Punks und des Islams in einigen Punkten zusammenläuft: In der Freiheit der gesellschaftlichen Interpretationen von Konventionen, der Auflehnung gegen die seit Jahrhunderten dominierende Orthodoxie (d.h. der bestimmenden *Autorität* im islamischen Raum) und der Freiheit des (evt. "spirituellen") Individuums.

Es gibt nur wenige, die "unsere" islamisch geprägte kulturelle Identität - egal wie religiös oder säkular-nicht als *unaufgeklärt* diskreditieren. (Auch "unter uns", siehe Necla Kelek u.a.) Daher freut es mich umso mehr, wenn es *aufgeklärte Weiße* wie dich gibt, die diese Standpunkte nachvollziehen können.

Im Grunde genommen unterstreicht Knight das selbst in seinem Dokumentarfilm: Die Differenzen innerhalb der muslimischen SzeneN sollen gewürdigt werden, und somit auch jeder in seiner eigenen Unterschiedlichkeit.

Leider muss man sagen, dass eine solche Position innerhalb der muslimischen Gemeinschaft, ob im Westen oder Osten, leider immer noch nur von einer sehr kleinen Minderheit artikuliert wird. Und ich glaube, dass sein Buch eben diesen interessanten Beitrag leistet: Das Sesam-Tor zu einem neuen Umgang mit dem eigenen sozio-kulturellen Erbe zu öffnen...;)

Er kommt im Mai ja wieder, und dann ins Haus der Kulturen. Ich kontaktiere dich übers magic social media und halte dich informiert, es wäre natürlich ubercool, wenn man mal die Bands nach Deutschland einladen könnte!

RE: Taqwacore von Michael Muhammad Knight erscheint bei Rogner & Bernhard | 20.03.2012 | 17:40

Ich sollte mich wohl auch einmal zu Wort melden, damit nicht wieder nur "über" diejenigen gesprochen wird, die man vermeintlich zu kennen scheint.

Danke an Popkontext für die gute Zusammenfassung, sie ist auch recht wertneutral gelungen. Spannend wäre es auch, sich die Diskussion auf reboot.fm noch einmal anhören zu können, ist sie schon geladen?

Ich möchte mich nur zu einigen Punkten von hallojule und Dir äußern.

Zum einen finde ich das die Diskussion mal wieder gezeigt hat, dass die Kommunikationslücke zwischen der muslimisch *geprägten* und der "deutschen" Mehrheit immer noch recht groß ist - was sich auch in den Reaktionen des Publikums zeigte- und wie schon oft gesagt, dass Thema "Islam" in Europa immer noch eine ziemliche Sprengkraft innehat.

B., du hast mich in deinem Blog als "junge Frau, mit indischen Wurzeln" beschrieben, du hättest aber auch junge Deutsch mit indischen/muslimischen Wurzeln beschreiben können (wie es eher in englischsprachigen Diskursen geschieht, "British-Asian" is a normality right?)

Es ist einfach für die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland, und damit meine ich auch und vor allem die Eliten im Journalismus (Augstein verwies auf "those who are in charge of the media"), in der Politik und den Medien, identitäre Positionen als solche zu disqualifizieren (s. Kommentar von Hallojule), da sie ja eben von der Norm abweichen. Ich kann Popkontext nur darin bestärken, dass anekdotische Beispiele durchaus Symptome gesellschaftlicher Entwicklungen und Zustände sein können. Und wenn wir ehrlich sind, wieviele junge "Migrantionshintergründler" gibt es schon in den besagten Eliten, um einem Anteil von annähernd 1/4 der Gesamtbevölkerung eine Stimme zu verleihen? An den Universitäten sind nur 8% von uns vertreten, also lange nicht genung, um eine demokratische Repräsentanz in der Gesellschaft zu befähigen.

Warum Punk und Islam nicht das gleiche sind wie christlicher Pop, liegt auf der Hand: MMK hat mit seiner radikalen "Fuck-all-this-shit"-Attitüde das möglich gemacht, was viele junge Muslime sich wegen der starken religiösen oder kommunalen Taboos nie trauen würden: Die islamischen Dogmen radikal in Frage zu stellen.

Er tut nicht nur dies, sondern greift ein weit verbreitetes Gefühl unter SÄKULAREN sowie religiösen, jungen Muslimen "im Westen" auf, gesellschaftlich - aufgrund ihrer "Andersartigkeit", die eben doch viel mit ihren kulturell-religiös unterschiedlichen Wurzeln, i.e. "Islam", zu tun haben - (IMMER) noch nicht akzeptiert zu werden, geschweige denn adäquat repräsentiert oder respektiert werden. (Dies gilt in allen Sphären der Öffentlichkeit, ich könnte hier im Speziellen v.a. auf unseren hierarchischen und teilweise rassistisch geprägten Bürokratieapparat verweisen.)

Christlicher Pop hingegen verherrlicht den weißen (?!) Herrn Jesus, damit noch mehr irregeleitete Schäfchen dem Opium des Volkes verfallen, will heißen: Er hat in keinster Weise die identitäre politische Sprengkraft, die Diskurse um "den Islam" in einem postkolonialen Zeitalter mit sich bringen.

Ich will nicht weiter ausschweifen und würde mich freuen, wenn ihr heute auch zum Screening von "Taqwacores", dem Film zum Buch kommt: New Yorck im Bethanien, Mariannenplatz 2, 10997 Berlin, heute 20.00 Uhr. Bei der Gelegenheit könnte man dann ja weiterdiskutieren...