1871: Feuerschutz für Thiers

Zeitgeschichte Die deutsche Besatzungsmacht in Frankreich stärkt die Versailler Regierung gegen die Pariser Kommune. Sie hilft, die Stadt abzuriegeln und den Aufstand zu ersticken
1871: Feuerschutz für Thiers
Nach dem Sieg paradieren preußische Truppen über die Champs-Élysées

Foto: Henry Guttmann Collection/Hulton Archive/Getty Images

Trotz vieler Inkonsequenzen gilt die Pariser Kommune als erstes Lehrstück sozialistischer Staatlichkeit. Dagegen stand die strikte Übereinstimmung ihrer Gegner. Die unterlegene französische und die triumphierende deutsche Kriegspartei, die eben noch um die Vorherrschaft in Kontinentaleuropa gekämpft hatten, verbündeten sich umgehend gegen die sozialistische Gefahr. Sie taten das aus einem gemeinsamen „europäischen Interesse“ heraus. Der Oberkommandierende der III. Armee, Kronprinz Albert von Sachsen, schrieb am 17. April aus Compiègne an Generalstabschef von Moltke nach Berlin: „Es lässt sich nicht leugnen, dass die ganze Sache, wenn sie anhält, für ganz Europa die größten Gefahren birgt, und dass es wichtig wäre, schnell damit zu Rande zu kommen.“ Er schloss die Frage an, „ob wir nicht der Sache förderlich sein könnten“. Realiter war man „der Sache“ bereits sehr förderlich. Prinz Albert ging es darum, den Einsatz entscheidend zu verstärken. Doch wollte Berlin politisches Feingefühl an den Tag legen: So lange als möglich war der Schein eines nationalen, innerfranzösischen Konflikts zu wahren.

Um „auch unsere damaligen Gegner darüber aktenmäßig aufzuklären, in welch loyaler Weise wir die Interessen der Regierung der Versailler vor Paris stets vertreten haben“, bemühte sich der Stabsoffizier Albert von Holleben um eine Dokumentation des Briefwechsels zwischen dem Oberkommando der III. Armee und Berlin. Danach hatte der französische Präsident Adolphe Thiers schon am 4. März Außenminister Favre ins deutsche Hauptquartier geschickt, um den Transfer von hinter der Loire liegenden 30.000 Mann zu erwirken. Das verstieß zwar gegen den Waffenstillstand, wurde aber prompt gewährt. Es ging darum, 227 Kanonen wieder unter Kontrolle der Armee zu bringen. Für deren Bau wurden von den Parisern Vorauszahlungen erhoben, nun hatte sie die Bevölkerung zur Selbstverteidigung beschlagnahmt.

Das Misslingen des „Kanonenputschs“ führte am 18. März 1871 zur Regierung der Kommune. Laut von Holleben glaubten die nach Versailles geflohenen Honoratioren um Thiers, dass der Aufstand nicht „stehenbleiben, sondern dass man gegen Versailles marschieren werde, was am 19. März Aussicht auf Gelingen hatte, welche am 2. April (…) nicht mehr vorhanden war“. Thiers meinte später, dass ihm nur die Kapitulation geblieben wäre. Er hatte noch 22.690 Mann, die demoralisiert, desorganisiert und zum Teil verdächtig waren, zur Kommune überzulaufen. Dass man im Mai wieder auf 130.000 Mann kam, ging auf die Bereitschaft in Berlin zurück, rasch Kriegsgefangene zurückzuführen.

Das deutsche Oberkommando zog nach dem 18. März die Belagerung um Paris enger. Am 21. März teilte man dem unbekannten „jeweiligen Kommandanten ergebenst“ mit, dass „die deutschen Truppen sich gegen Paris auch fernerhin friedlich und völlig passiv“ verhalten würden, solange der vorläufige Friedensvertrag respektiert werde. Die Festungsmauer werde beschossen, sobald dort Waffen auftauchten.

Am 24. März telegrafierte Bismarck an General von Fabrice – als in preußischem Dienst stehender Offizier französischer Herkunft war er Vertreter des Kanzlers in Frankreich –, die Truppen von Versailles nur aufzustocken, wenn „die französische Regierung die Verpflichtung übernimmt, in kürzester Frist nach Zusammenziehung der mit uns zu vereinbarenden Maximalstärke von Truppen, also etwa drei Tage nachher, die Feindseligkeiten gegen Paris energisch zu eröffnen“.

Thiers widersetzte sich zunächst solcher Order – bis Bismarck drohte, die ganze französische Armee aufzulösen. Von Holleben zitierte ein Protokoll über Verhandlungen am 27. März in Rouen, wonach die französische Seite ihr Ehrenwort gab, zugestandene Truppen „ausschließlich zur Wiedereinnahme von Paris und Niederwerfung des dortigen Aufstandes sowie zum Schutze von Regierung und Nationalversammlung in Versailles“ zu verwenden. Kaiser Wilhelm I. forderte, dass die französische Regierung „tunlichst bald und mit aller Kraft den Angriff auf Paris beginne, weil eine Fortdauer des gegenwärtigen Zustandes die deutschen Interessen gefährden könne“. Die benannte von Moltke in einem Brief vom 4. April 1871 an Ludwig von Schlotheim, den Generalstabschef von Prinz Albert: Berlin habe „allergrößtes Interesse“, dass die Nationalversammlung, „für uns das offizielle Frankreich und die Regierung, mit welcher wir den Preliminarfrieden geschlossen, auch am Ruder bleibt und nicht durch eine andere verdrängt wird. Die Erneuerung des Krieges um des Geldes willen können wir nicht wünschen. Die bereits besetzten Landstriche sind mehr oder weniger schon erschöpft. Auch bei Okkupation neuer Departements unter dauernder Pfandnahme einer Provinz (...) werden wir unsere Rechnung nicht finden. Die Umwälzungen, welche in Frankreich chronisch geworden sind, würden uns zwingen, fortwährend gerüstet zu bleiben, und selbst in einer langen Reihe von Jahren vermöchten wir nicht, Milliarden herauszuwirtschaften. Unsere Forderung ist so groß, dass ganz Frankreich sie nur aufbringen kann, indem es seine Zukunft engagiert. (…) Solange die französische Regierung Paris nicht unterworfen hat, kann sie ein Ansehen im Lande nicht gewinnen; es fehlt ihr der finanzielle Kredit, ohne welchen die kolossalen Zahlungen nicht zu leisten sind.“

Trotz Bedenken, sie könnten gemeinsame Sache mit den Aufständischen machen, genehmigte von Moltke Versailles weitere Soldaten, damit es „so bald wie möglich zur Aktion“ käme. Deutsche Truppen sollten nur im Notfall eingreifen, „in die eigentliche Stadt mögen die Franzosen selbst einrücken und den Straßen- und Barrikadenkampf durchführen“.

Von Schlotheim antwortete am 8. April, dass der Kampf um Paris am 2. April begonnen habe, aber „ohne nennenswerte Resultate“ verliefe. Immerhin sei es gut, dass die Versailler Truppen angreifen; „je länger sie das tun und je mehr Blut geflossen ist, umso weniger ist ihr Übertritt zu den Aufständischen zu befürchten“. Sollte sich ein Misserfolg andeuten, müsse die deutsche Einkreisung verschärft und Paris ausgehungert werden. Prinz Albert schlug vor, „die Abschließung auf unsere Hand“ auszuführen. Sollte allerdings eine mögliche Übergabe der Stadt in Aussicht stehen, sei auf Versailles zu verweisen, „da es doch nicht in der Absicht liegt, Paris zu besetzen und für Herrn Thiers den Gendarmen zu spielen“.

Von Moltke antwortete: „Nichts wäre natürlicher, als Paris von beiden Seiten abzusperren“, was man Versailles seit Wochen vorschlage. Dort wolle man dies den Deutschen aufbürden. Thiers und Favre würden gern öffentlich „über die Vergewaltigung der deutschen Barbaren wehklagen und als Wohltäter von Paris die Verbindung nach Süden freigeben“. Man solle erneut damit drohen, keine Kriegsgefangenen mehr zu schicken.

Am 10. Mai unterzeichnete Favre in Frankfurt den Friedensvertrag. Man vereinbarte noch engere militärische Kooperation. Von Moltke depeschierte: Misslinge der Angriff der Versailler, sei deren Verfolgung von Paris aus durch neutrales Gebiet nicht zuzulassen, sondern „unter Anwendung aller zur Verfügung stehenden Mittel“ abzuweisen. Jedoch „wollen Seine Majestät nicht, dass deutsche Truppen in die Straßenkämpfe von Paris verwickelt werden“. Ein Rapport des Oberkommandos der III. Armee berichtet von einer Konferenz am 11. Mai, auf der von Schlotheim und der Stabschef des französischen Oberbefehlshabers Mac-Mahon die Aufgaben beider Seiten für einen Überraschungsangriff in der Nacht vom 21. zum 22. Mai absprachen. Das wurde hinfällig, weil zur gleichen Zeit der Verräter Jules Ducatel den Versaillern das Tor von Saint-Cloud öffnete. Die Deutschen erfuhren davon um 19 Uhr. Um 23 Uhr befahl Berlin: für Paris den gesamten Personen- wie Telegrafenverkehr zu Lande und zu Wasser kappen! Jedoch durften fünf Kanonenboote der Versailler über die Seine in die Stadt eindringen.

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06:00 24.03.2021
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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