1919: Lawine in Turin

Zeitgeschichte Auch in Italien entsteht nach dem Ersten Weltkrieg eine Rätebewegung. Aus den Betrieben heraus werde sie den Staat übernehmen, hofft Antonio Gramsci
1919: Lawine in Turin
Gramsci-Wandbild in Orgosolo auf Sardinien, 1975

Foto: Mondadori Portfolio/Getty Images

In Turin, dem größten Industriezentrum des Landes, wo damals zwei Drittel der Bevölkerung in Fabriken arbeiten, wird 1915 und 1917 energisch gegen die Waffenproduktion gestreikt. Hat das schon die Regierung alarmiert, so erst die erkennbaren Sympathie der Arbeiterschaft für die Oktoberrevolution in Russland. Daraufhin werden im März 1919 Soldaten der Brigade Sassari aus Sardinien in die Stadt verlegt. Bald darauf, am 1. Mai 1919, erscheint die erste Ausgabe der von den Marxisten Antonio Gramsci und Palmiro Togliatti gegründeten Wochenzeitung L’Ordine Nuovo, die sich der kulturellen wie politischen Bildung der Arbeiter widmen will. In einem Arbeiterdemokratie betitelten Artikel vom 21. Juni wirft Gramsci die Frage auf, wie die „ungeheuren, vom Krieg entfesselten Kräfte“ des Proletariats „diszipliniert werden“ und „eine politische Form“ erhalten könnten. Wäre sie geeignet, „zum Gerüst des sozialistischen Staats“ zu werden? Derartiges, so der Autor, dürfe man weder von der Sozialistischen Partei noch den Gewerkschaften erwarten. Hingegen könnten sich die in Turin seit 1912 existierenden Internen Betriebskommissionen zu Fabrikräten entwickeln und zu „Organen der Arbeitermacht“ werden, um „den Kapitalisten in allen seinen Funktionen der Leitung und Verwaltung“ zu ersetzen.

Kern der Idee ist es, dass die Fabrikräte – im Unterschied zu den Betriebskommissionen, über deren Zusammensetzung nur Gewerkschaftsmitglieder entscheiden – von allen in einem Werk Arbeitenden gewählt werden, auch von Nichtorganisierten, Angestellten und Technikern. Dergestalt demokratisch legitimiert, sollten sie nicht mehr allein zwischen Unternehmern und Arbeitern vermitteln, sondern für die Arbeitermacht im Betrieb wie die „Arbeiter- und Bauernmacht im Staat“ kämpfen. Damit werde sich, schreibt Gramsci, „ein weites Feld konkreter revolutionärer Propaganda“ eröffnen, die alle anderen, noch unorganisierten „revolutionären Energien verknüpft und konzentriert“, indem sie auch andere Kategorien von Werktätigen einbeziehe: „Kellner, Kutscher, Straßenbahner, Eisenbahner, Straßenkehrer, Privatangestellte, Verkäufer usw.“ So könnten Stadtteilräte entstehen, dazu Bauernräte auf dem Land.

Der Extrakt dieser Theorie, dass die Eroberung der Macht im Betrieb der Eroberung von Staatsmacht vorausgehen könne, entsprach weder der zögerlichen Linie der damaligen Sozialisten unter Filippo Turati noch der Parteilinken wie Giacinto Serrati und Amadeo Bordiga. Ganz anders optiert die Redaktion von L’Ordine Nuovo. Das Blatt geht auf die revolutionären Motive der Turiner Industriearbeiterschaft ein und wird zum Kommunikator für eine sich formierende Rätebewegung. Damit diese von internationalen Erfahrungen profitiert, publiziert die Zeitung Texte von John Reed über die Arbeitsweise russischer Räte. Es erscheinen Aufsätze zum ungarischen Rätesystem, über ähnliche Gremien in England und in den USA, dazu Artikel von Nikolai Bucharin, dem Ungarn Béla Kun (der Freitag 12/2019), dem Schweizer Kommunisten Jules Humbert-Droz und natürlich von Lenin.

Am 20. und 21. Juli 1919 kommt es zu einem Solidaritätsstreik mit den Sowjetrepubliken in Russland und Ungarn, gegen die von der Entente – mit Ausnahme Italiens – gegenrevolutionäre Truppen mobilisiert sind. Der selbst aus Sardinien stammende Gramsci hat die Männer der Brigade Sassari immer wieder in ihrer Sprache agitiert, nicht auf Arbeiter zu schießen. Weil damit zu rechnen ist, dass sich Militärs und Arbeiter verbrüdern, wird die Einheit zwei Tage vor Streikbeginn plötzlich abgelöst. Am 18. Juli, um zwei Uhr nachts, ziehen die Soldaten unter dem Beifall der Bevölkerung ab.

Anfang September 1919 bilden sich erste Fabrikräte. Bald besetzen 30.000 Metallarbeiter der verschiedenen Fiat-Filialen ihre Werke und beschließen, fortan in Eigenregie zu produzieren. Im Büro von Firmengründer Giovanni Agnelli sitzt jetzt der sozialistische Arbeiter Parodi. Die Redakteure des L’Ordine Nuovo gehen ein und aus. Da die Turiner Arbeiter die Kontrolle über völlig intakte Werke gewonnen haben und es ein Teil der Techniker akzeptiert, mit den Räten zu kooperieren, kann die Produktion bei Fiat zu etwa zwei Dritteln aufrechterhalten werden. Dass der Nachschub an Materialien wie der Absatz stocken, wird für temporär gehalten. Man rechnet mit einem Ausgreifen des Rätesystems auf andere Landesteile. Unternehmer und Staat scheinen vor der neuen Macht zu kapitulieren. Antonio Gamsci schreibt, dass die Räte „innerhalb einer Stunde 120.000 Arbeiter mobilisieren“ konnten. „Eine Stunde später bewegte sich diese Lawine bis ins Stadtzentrum und fegte sämtliche Straßen und Plätze von der ganzen nationalistisch-militaristischen Canaille frei.“

Battista Santhià (1889 – 1988), damals Mechaniker, gibt 1967 zu Protokoll, die Vollversammlung der Turiner Räte habe damals eine größere Autorität besessen „als die Partei und die Gewerkschaft“. Gramsci habe dafür geworben und auch erreicht, dass statt erprobter Genossen Arbeiter aus dem Süden oder Leute gewählt wurden, die aus der ländlichen Umgebung kamen und in Turin arbeiteten. Da die Räte-Idee schwer verleumdet wurde, sah er es als wichtig an, wenn ein Bauernsohn, der in sein Dorf zurückkehrte, sagen konnte: „Ich bin Mitglied des Fabrikrates.“ Nicht zuletzt sollte damit Spaltungen entgegengewirkt werden, wie sie zwischen agrarischem Süden und industrialisiertem Norden sowie zwischen Sozialisten und Katholiken bestanden. Battista Santhià wies 1967 darauf hin, es seien „auch anarchistische Gewerkschafter mit uns einverstanden“ gewesen, „sogar Elemente aus den weißen Gewerkschaften“. Maurizio Garini, selbst ein libertärer Gewerkschafter, bestätigte Ende der 1960er Jahre, Sozialisten und Anarchisten hätten in der Turiner Rätebewegung effektiv zusammengewirkt. Gramsci sei eben ein Sozialist mit libertären Zügen gewesen und habe das Prinzip, alle Betriebsangehörigen wählen zu lassen, mit den Anarchisten durchgesetzt. Widersprochen habe er jedoch, als die Frage aufkam, ob der gemeinsame Kampf gegen den Kapitalismus in eine Gesellschaft ohne Staat münden müsse. Auch anarchistische Arbeiter, so Gramsci, dürften nach der Machteroberung froh sein, wenn ihre Klasseninteressen nicht mehr im Kampf, sondern über die Neuorganisation des Staates gesichert würden.

Auch wenn die Rätebewegung überzeugt war, dass sie die Fabriken fest in der Hand hatte, holten die Industriellen mit den Faschisten, der Regierung und dem Heer längst zum Gegenschlag aus. Alle Bemühungen, die Sozialistische Partei zum aktiven Beistand für die Räte zu bewegen, liefen ins Leere. Regierungschef Giovanni Giolitti bot sich als Vermittler zwischen den Industriebaronen und den Arbeitern an. Aber das Patronat weigerte sich, die Räte als Verhandlungspartner anzuerkennen. Stattdessen versprachen die Unternehmer kleine soziale Zugeständnisse.

Im März 1920 dann drangen erste Truppen in die besetzten Betriebe ein, in denen sich auch die Arbeiter bewaffnet hatten. Noch wurden Zusammenstöße vermieden, bis Anfang April 50.000 Militärs schweres Geschütz in Turin auffuhren. Der Staat wollte eine Gegenoffensive der Arbeiter provozieren, die aber mit erneutem Generalstreik reagierten, an dem über 200.000 Menschen teilnahmen. Gramsci kam während des Streiks mehrfach in die Fiat-Zentrale und riet dringend von bewaffneter Gegenwehr ab, weil mittlerweile sicher war, dass Turin nicht genug Unterstützung aus anderen Regionen erhalten würde. Zwar blieb das große Blutbad aus, doch kam es zu blutiger Konfrontation zwischen sozialistischen Arbeitern und den faschistischen Banden Benito Mussolinis. Bewaffnet aus den Depots des Staates fungierten Letztere als dessen extralegale Terrortruppen.

Schließlich wurde im September 1920 die Arbeit wieder aufgenommen. Arbeiter, die zu den Räten gehört hatten, waren größtenteils entlassen, die Räte selbst in Betriebskommissionen zurückverwandelt.

06:00 25.07.2019
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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