1929: Bündische Querfront

Zeitgeschichte Eberhard Koebel wird mit dem Jugendverband dj.1.11 zu einer schillernden Figur. Er pendelt zwischen rechts und links. Ein Burgfrieden mit dem NS-Regime scheitert
1929: Bündische Querfront
Erst „Faschist in Reserve“, später sang Eberhard Koebel Komsomolzenlieder

Foto: CC-BY-SA 2.0/Wikipedia

Anfang Oktober 2013 feierten etwa 60 bündische Jugendgruppen mit einem Zeltlager am Hohen Meißner bei Frankershausen in Nordhessen ein Lager von Wandervögeln und Reformjugendbewegungen, das dort vor 100 Jahren stattgefunden hatte. Die „Meißner Formel“ war 1913 eine Gegenreaktion zum Hurrapatriotismus, der die Einweihung des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig flankierte. Dem wurde ein Selbstbestimmungsrecht der Jugend entgegengesetzt. „Die Freideutsche Jugend will ihr Leben nach eigener Bestimmung vor eigener Verantwortung in innerer Wahrhaftigkeit gestalten“, hieß es.

In den nach dem Ersten Weltkrieg aufblühenden Bünden dominierte das deutschnationale Muster, das bis heute eine Rolle spielt. Bei grün und pazifistisch geprägten Vereinen wird hingegen das kulturelle Erbe des am 1. November 1929 gegründeten Verbands dj.1.11 gepflegt. Deren damaliger Kopf Eberhard Koebel, genannt „tusk“, war eine schillernde Figur, lavierend zwischen rechts und links.

1907 in Stuttgart geboren, hatte er als 18-Jähriger den Ende 1924 aus der Festungshaft entlassenen Adolf Hitler besucht. Später sagte Koebel über sich, er sei zu jener Zeit ein „Faschist in Reserve“ gewesen. Zunächst aber wollte er Ornithologe werden und verbuchte auf diesem Gebiet wissenschaftliche Anfangserfolge. 1927 dann wurde er „Jugendführer“, zielte mit der dj.1.11 auf die Modernisierung des bündischen Lebens und versuchte, die Moralphilosophie von Kant und Rousseau, aber auch problematische vitalistische Elemente Nietzsches jugendgerecht zu deuten. Anders als die der Gesellschaft angepassten „Wiederholenden“ sollten die Jungen durch intellektuelle, ästhetische und handwerkliche Bildung „Selbsterringende“ werden. Ihre Weltanschauung sollten sie sich durch kritisches Lernen und Prüfen schaffen. Nie dürften sie „Aposteln folgen, auch mir nicht, wenn ich mal mit einer Lehre kommen sollte“. Wer seinen lokalen Gesichtskreis erweiterte, der begab sich nach Koebels Auffassung in einen Gegensatz zu engstirnigem Nationalismus, den er als „Kind der Privatwelt“ bezeichnete. Mit seinen „Horten“ fuhr er mehrmals nach Nordskandinavien zu den einst aus Asien eingewanderten Samen. Deren Zeltbau inspirierte ihn, die industriell produzierbare Kohte zu entwickeln, die über zwei Stäben zu errichten und oben offen war, um ein Feuer zu unterhalten. Die Kohte breitete sich weit über die dj.1.11 hinaus in vielen bündischen Gruppen aus.

Zu Koebels Charisma trug bei, dass er ein begnadeter Grafiker, Filmer, Textdichter für Lieder, Autor und Redakteur von Zeitschriften war. Statt Jugendstil dominierte bei ihm das Bauhaus, statt Fraktur lateinische Antiqua. Seine Zeitschrift pläne hatte als bundesdeutschen Nachfolger den pläne-Verlag, ein linkes Plattenlabel für deutsche und internationale Liedkultur.

1929 zog Koebel nach Berlin, wo er krasse soziale Bedingungen kennenlernte. Arbeiter, deren Kinder er in die dj.1.11 aufnehmen wollte, hielten seine Ethik der Jungenschaft für „bürgerlichen Quatsch“ und Klassenkampf für wichtiger. Diese Kontakte und eine ornithologische Expedition, die ihn 1931 nach Nowaja Semlja in der Sowjetunion führte, verstärkten Koebels Linksschwenk. Nun durften auch Mädchen bei dj.1.11 eintreten, während sich die Organisation zusehends dem Klassenkampf zuwandte. 1932 organisierte sie einen Schülerstreik unter dem Motto „Für Schülerspeisung – gegen Panzerkreuzerbau“. In der Kreuzberger Ritterstraße 63 gründete Koebel eine dj.1.11-Wohngemeinschaft. Hier lebten auch zwei jüdische Mädchen, zeitweise der spätere Widerständler Harro Schulze-Boysen. Es fanden Singabende statt, für ältere Jungen Diskussionen mit linken Intellektuellen. Es kamen der Schriftsteller Ludwig Renn, der von Reisen in die Sowjetunion erzählte; Max Hodann, der sexuelle Aufklärung anbot; und Hermann Duncker, der den Marxismus erläuterte.

Dass Koebel sich der KPD anschloss, stieß in Teilen der dj.1.11 auf Ablehnung. In ein Pfingstlager am pfälzischen Eiswoog-Stausee zog er als schwarz gekleideter Donkosak unter roter Fahne ein und sang zur Balalaika Komsomolzenlieder. Eine Mehrheit der Mitglieder sah dadurch die versprochene politische Neutralität verraten. Es kam zur Spaltung, Koebel, der auch „Stammesführer“ für die Pfadfinder des Arbeitersportvereins Fichte war, blieben vorrangig die Berliner Mitglieder treu. 1932, in der Juli-Ausgabe von pläne, rief Koebel dazu auf, KPD zu wählen. Sie sei eine Partei, die die mit dem Versailler Vertrag auferlegten Reparationszahlungen konsequent ablehne und die Klassenfrage lösen werde, indem sie das Privateigentum an Produktionsmitteln entschieden beseitige. „Zehn Millionen Arbeiterfäuste möchten produzieren zum allgemeinen Nutzen. Sie dürfen nicht, denn es soll nur zum Nutzen der Kapitalisten produziert werden. Faschismus, National-Sozialismus, das ist Befestigung des Kapitalismus mit grausamsten Mitteln“, so Koebel.

Darüber im Bilde, wer die Nazis waren, sah er 1933 für den Erhalt der dj.1.11 keinen anderen Weg, als sich dem NS-Regime anzubiedern. Koebel verhandelte mit HJ-Führer Baldur von Schirach, um die dj.1.11 als Gruppe in die HJ zu führen und selbst Einfluss auf die Nazijugend zu nehmen. Wie etliche Linke machte auch er sich Illusionen über die vielleicht noch offene Richtung der „nationalsozialistischen Revolution“, zumal die sich mit der Linken entwendetem Kulturgut schmückte. Obwohl im Juni 1933 alle bündischen Strukturen verboten wurden, übernahm die HJ für ihre Zeltlager zunächst die Kohte. In einem Rundbrief Koebels vom Mai 1933 stand, wie weit seine Anhänger dem Regime entgegenkommen sollten. Er sah Deutschland in einen kriegerischen Weltkonflikt gleiten, bei dem er freilich eine antikapitalistische Perspektive sah: „der nächste kampf ist ein außenpolitischer, und er muss uns auf der seite des hitlerdeutschland sehen. […] nicht schwäche und weichheit, sondern wehrhaftigkeit bewahrt uns davor, als sündenbock für die weltkrise mit besetzung und brutalster ausnützung durch den westlichen kapitalismus bestraft zu werden.“

Um Vertrauen der Nazis buhlend, wollte Koebel in die NSDAP und in die SS eintreten, doch ohne Erfolg. Im Januar 1934 wurde er verhaftet, blieb durch Folter und zwei Selbstmordversuche dauerhaft geschädigt. Durch Intervention seiner Mutter, die zur nazistischen Hautevolee Stuttgarts zählte, und die schriftliche Verpflichtung zum Rückzug aus der Jugendbewegung, wurde Koebel im Juni entlassen und floh ins Exil.

Obwohl von den Nazis unerbittlich verfolgt, leisteten Teile der dj.1.11 Widerstand. Wie der damalige Lehrling Gerhard König berichtet, sei Koebel zu einem illegalen Fichte-Treffen gekommen und habe dazu aufgefordert, „das NS-Jungvolk zu unterwandern“. Der Jugendzug Tyrker in Kreuzberg habe noch bis 1937 die Lieder der dj.1.11 gesungen. Helmut Hirsch, ein jüdisches Mitglied, fuhr 1935 aus dem Prager Exil illegal nach Deutschland, um eine Säule am Reichsparteitagsgelände in Nürnberg zu sprengen. Er wurde vorher gefasst und hingerichtet. Auch gehörte die dj.1.11 zur Vorgeschichte der Weißen Rose, Hans Scholl war 1935 bis 1937 Führer einer illegalen Gruppe in Ulm.

In englischen Exil engagierte sich Koebel für die dort gegründete Freie Deutsche Jugend (FDJ). Nach dem Krieg wollte ihm Erich Honecker in diesem Jugendverband eine Funktion geben, was Intrigen verhinderten. Als Spion verdächtigt, wurde Koebel 1951 aus der SED ausgeschlossen. Der als dogmatisch geltende Alfred Kurella beharrte indes darauf, dass Koebel nie von der Parteilinie abgewichen sei. 1990 hat die PDS den 1955 in Berlin Verstorbenen rehabilitiert. Auch diesen letzten Lebensabschnitt hat die eben erschienene Studie von Eckard Holler, Auf der Suche nach der Blauen Blume. Die großen Umwege des legendären Jugendführers Eberhard Koebel-tusk, materialreich dokumentiert.

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06:00 23.09.2020
Geschrieben von

Sabine Kebir

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Ausgabe 43/2020

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