1963: „Profil“ muss man haben

Zeitgeschichte Als die Mauer steht, holt die DDR-Regierung zu Reformen aus. Der Sozialismus soll attraktiver, die Presse lesbarer werden. Ein eigenes Nachrichtenmagazin ist in Sicht

Auf dem VI. Parteitag der SED im Januar 1963 werden Weichen gestellt. Ein „Neues Ökonomisches System der Planung und Leitung“ (NÖSPL) soll die Wirtschaft mit mehr Effizienz ausstatten. Es bietet Betrieben wie dem Einzelnen mehr Eigenverantwortung und setzt Leistungsanreize. Parteichef Walter Ulbricht ist sich dessen bewusst, dass man für einen solchen Wandel mündige Bürger braucht, wie sie mit einer teils dogmatischen und schematischen Kulturpolitik nicht zu erreichen sind. Deutliches Signal für einen Kurswechsel ist die Abwahl des bis dato maßgeblichen Kulturpolitikers Alfred Kurella aus dem Politbüro. Nicht nur beim Film und in den Theatern beginnt ein – freilich kurzes – Tauwetter, das zwei ernsthafte Versuche zur Reform der Presselandschaft mit einschließt. Hans Otten, Chefredakteur der Neuen Berliner Illustrierten (NBI), wird Anfang 1963 von der für die Medien zuständigen ZK-Abteilung für Agitation und Propaganda damit beauftragt, dem Blatt einen anderen Zuschnitt zu verpassen. Gedacht ist dabei an eine Art sozialistischen Stern. Das Heft soll nicht nur auf 40 Seiten erweitert werden und mit mehr Farbfotos daherkommen, sondern auch authentisch sein, sprich: Konflikte aufgreifen, aus der Produktion wie dem Sozialleben der Republik.

Otten, beseelt von dem Gefühl, dass die Entstalinisierung endlich auch die DDR erreicht, glaubt, dass die menschlichen Ressourcen für die ihm übertragene Mission kaum vorhanden sind. Eine neue Generation von Journalisten, die mit Meinungsstreit im Sozialismus umgehen kann, wäre erst einmal auszubilden. So kommt Otten auf die Idee, den befreundeten, seit 1961 als Korrespondent des schweizerischen KP-Blatts Vorwärts akkreditierten Jean Villain zu bitten, einen Kurs für begabte junge Leute zu leiten. Dafür schreibt die NBI Stipendien aus, die sich mit dem Abdruck von Arbeitsprodukten der Kursteilnehmer gegen das halbe Honorar amortisieren sollen. Villain, der seit 1949 nebenbei Reportagen aus aller Welt für das DDR-Wochenblatt Weltbühne schreibt, sagt sofort zu. Es reizt ihn, die journalistische Kultur der DDR – nach dem Vorbild Egon Erwin Kischs – vom Ideologischen zum Faktischen hin zu verändern und öffentlich zu diskutieren, was bis dahin als sozialistisches Tabu gilt.

Wie hochkarätig der Kurs besetzt war, lässt sich daran ablesen, dass fast alle der Teilnehmer später namhafte Autoren wurden, wie Klaus Schlesinger, Landolf Scherzer, Anne Dessau, Gert Prokop oder Waltraud Hannig. Nicht ohne Widerstände in der Redaktion, aber von Otten durchgesetzt werden etwa Texte von Schlesinger über die mangelhafte Ausstattung einer Wäscherei veröffentlicht, über die Ostberliner Pfandleihe und das letzte Obdachlosenasyl, das noch zwei Dutzend Dauerbewohner hat. Bemerkenswert gerät auch Schlesingers Skizze über den Jüdischen Friedhof in Weißensee und die mit Waltraud Hannig recherchierte Reportage über ein Dorf, das der Braunkohle weichen soll.

Die von Otten sofort in Gang gesetzte Erneuerung der NBI lässt die Verkaufszahlen auf eine Million steigen, löst allerdings in Teilen der SED-Führung und offenbar auch in Moskau Irritationen aus. Auf informellem Wege wird Otten ein vom 29. Juni 1963 datierter, angeblich an Politbüromitglied Albert Norden gerichteter „privater“ Brief eines sowjetischen „Freundes“ der NBI zugespielt, der wie eine Hollywood-Fantasie über stalinistische Ränke anmutet. Konstantin Golinjak kritisiert darin, dass die NBI seit kurzem nicht mehr in der Tradition der Arbeiter-Illustrierte-Zeitung (A-I-Z) der Weimarer Republik stehe, sondern „charmante junge Mädchen, Blumen und Tiere im Farbdruck auf dem Umschlag“ präsentiere, anstatt sich auf den Kampf gegen den Faschismus zu konzentrieren, der hinter der Fassade des westdeutschen „Wirtschaftswunders“ erneut „seine blutigen Krallen nach den Menschen“ ausfahre. Golinjak wünscht sich ausdrücklich wieder mehr Einfluss Alfred Kurellas auf die Publizistik.

Wenig später geht auch eine Kritik aus der SED-Agitationskommission, einer ZK-Instanz, bei Otten ein. Danach informiere die NBI neuerdings nicht enthusiastisch genug, sondern zu nüchtern über das Wirtschaftsgeschehen der DDR, „das Wort und die Politik der Partei“ kämen zu kurz, wie auch die Polemik mit dem Klassenfeind. Diese für Otten und Villain beunruhigenden Warnschüsse bedeuten jedoch noch nicht das Ende des Projekts. Teile des Politbüros halten am Reformkurs fest. Im Frühjahr 1964 erhält Otten sogar – direkt aus dem hohen Hause – einen zweiten, noch ambitionierteren Auftrag. Er soll ein dem westdeutschen Spiegel Paroli bietendes Nachrichtenmagazin konzipieren, das nicht nur die sozialistische Interaktion zwischen Bürgern und Wirtschaft befeuern, sondern ebenso internationale Ausstrahlung haben soll. Auch für dieses geheim vorzubereitende Projekt arbeitet Otten mit Jean Villain zusammen.

Das Profil getaufte Magazin soll ab September 1964 erscheinen. Um der Auseinandersetzung mit der Bundesrepublik eine sachliche Grundlage zu geben, wird Villain zuvor mit einem schmalen Devisenbudget ausgestattet, um dort einige Themen für die NBI und Profil zu recherchieren. Wie er in seinen Memoiren schreibt, war es nicht möglich, „in einer Periode hektischer, alles korrumpierender Hochkonjunktur (…) über Massenbewegungen oder größere Streiks zu berichten“. In Betracht kommen daher Sujets wie der Touristenrummel um Hitlers Obersalzberg-Residenz, die in Stuttgart beschlossene Errichtung eines „Zentralbordells“, Interviews mit Nervenärzten über die Folgen von Arbeitsstress, die seit dem Mauerbau steigende Zahl von „Gastarbeitern“, Zechenschließungen oder Wohnungsnot. Nachdem die NBI die erste dieser Reportagen gedruckt hat, wird die Publikation aller weiteren von der SED-Agitationskommission verboten.

Trotzdem überleben die Projekte „neue NBI“ und Profil den Sturz Nikita Chruschtschows als KPdSU-Generalsekretär im Oktober 1964, die Machtübernahme durch Leonid Breschnew und das Ende der Tauwetter-Periode noch um einige Wochen. Doch hat sich Otten nervlich aufgerieben und seine Gesundheit vernachlässigt. Eine Operation wegen Magenkrebs verhindert, dass er an der Endredaktion von Profil im August 1964 teilnehmen kann. Zwei Monate später werden schließlich 1.800 Exemplare der Pilotnummer gedruckt und an einen ausgewählten Kreis zur Beurteilung verschickt. Dann herrscht beredtes Schweigen, nicht einmal eine Empfangsbestätigung fällt ab, bis es Ottens Frau gelingt, den ins SED-Zentralkomitee beförderten ehemaligen Parteisekretär des Berliner Verlages daraufhin anzusprechen. Der riskiert die Auskunft, dass über Profil sehr viel diskutiert werde, „eine Halbe-halbe-Stimmung“ herrsche und einige Genossen „tatsächlich ganz happy“ seien. Nichts davon erfahren die Macher der Nullnummer offiziell.

Das Ende für eine reformierte NBI und das Geheimvorhaben Profil besiegelt das 11. ZK-Plenum der SED im Dezember 1965. Auf Betreiben Erich Honeckers befasst es sich nicht wie geplant mit dem NÖSPL, sondern mit Kulturpolitik. Ottens Funktion in der NBI übernimmt ein linientreuerer Genosse. Er selbst sieht sich auf einen unverfänglichen Chefredakteur-Posten im Wissenschaftsverlag abgeschoben und stirbt 1971. Auch für Villains Reporterkurs ist es vorbei, die für einige der Teilnehmer geschlossenen Verträge löst die NBI auf. Fast alle 1.800 Exemplare der Profil-Nullnummer werden eingesammelt und vernichtet. Als eine der wenigen Spuren blieb in Jean Villains Archiv eine Werbegrafik für die Rückseite erhalten, mit dem Text: „Haben Sie Profil??? Profil ist das illustrierte Nachrichtenmagazin. Profil berichtet aus dem In- und Ausland auf 68 Seiten. Profil informiert sachlich, real und aktuell. Profil-Leser können urteilen. Profil muss man haben!“

Info

Zum Weiterlesen: Jean Villain Bitte nicht stürzen! Wie der DDR „Profil“ abhanden kam und weitere Zeitungsmacher-Geschichten aus Deutsch-Fernost MV Taschenbuch 2004, 123 S.

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06:00 20.10.2021
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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