1968: Skeptische Brüder

Zeitgeschichte Der „Prager Frühling“ setzt auf Reformen und schreckt die Bruderparteien der KPČ. Sie sehen den Sozialismus akut bedroht. Ein gemeinsamer Brief soll Prag umstimmen
1968: Skeptische Brüder
Dubček (l.) arbeitete ab 1970 in der Forstverwaltung Bratislava

Foto: Bettmann/Getty Images

Wenn vor fünf Jahrzehnten Demokratiebewegungen nicht nur die westliche Welt aufrüttelten, sondern mit dem „Prager Frühling“ auch den Ostblock, lag das nicht zuletzt daran, dass die Integrationskraft der beiden Hegemonialmächte an Grenzen stieß. Die USA verloren im Vietnamkrieg an militärischem Terrain und moralischem Kredit. Die Sowjetunion musste akzeptieren, dass im sozialistischen Weltsystem nicht nur Jugoslawien und China ausscherten, sondern auch Rumänien nicht mehr gehorchen wollte.

Dass sich auch in der ČSSR der Wille zu mehr Eigenständigkeit regte, schien überfällig. Das Land hatte sowohl demokratische als auch linke Traditionen – warum sollten sie nicht endlich einmal praktisch miteinander verbunden werden? Die 1945 als stärkste Partei aus der ersten Nachkriegswahl hervorgegangenen Kommunisten der Tschechoslowakei waren zunächst eine Koalition mit Vertretern der einstigen Exilregierung eingegangen. Dann aber errichtete der KP-Vorsitzende Klement Gottwald 1948 ein rigides stalinistisches Regime, dessen Repressionen 1951 im antisemitisch grundierten Slánský-Prozess kulminierten. Sein Nachfolger Antonín Novotný tat sich mit einer vorsichtigen Liberalisierung schwerer als Regierungen anderer Ostblockstaaten.

So führte in der industriell gut entwickelten ČSSR der Reformstau zu besonders großem Frust bei Intellektuellen und Künstlern. Die 1963 nach Liblice einberufene internationale Kafka-Konferenz kam zu dem Schluss, das Werk des Schriftstellers sei in der sozialistischen Welt aktuell, da auch sie nach wie vor unter „Entfremdung“ leide. Dies wurde noch jahrelang in der Zeitschrift Literární noviny (später: Literární listy) debattiert, die 1967 dazu überging, die Führung der KPČ offen zu kritisieren. Zudem präsentierten Ökonomen wie Radovan Richta und Ota Šik Konzepte für Reformen, die in Richtung „sozialistische Marktwirtschaft“ wiesen. Der eigentliche Anstoß dafür, dass in der KPČ der Wille zum Kurswechsel reifte, waren jedoch Spannungen zwischen Tschechien und der Slowakei, die zwar wirtschaftlich vorankam, aber von Prag aus allzu bürokratisch regiert wurde. Mit dem Abgang Novotnýs und der Wahl Alexander Dubčeks, der zuvor die Kommunisten der Slowakei geführt hatte, zum KP-Generalsekretär kam es im Frühjahr 1968 zum Umbruch. Die Assoziations-, Presse- und Meinungsfreiheit wurden eingeführt, außerdem angekündigt, es solle ein auf ökonomische Kooperation bedachtes Verhältnis zu Westeuropa, besonders zur Bundesrepublik Deutschland, hergestellt werden. Weil es bei den Wirtschaftsreformen zunächst nur um ein effizienteres, von politischer Bevormundung unabhängigeres Management ging, konnte von Aktivierung der Arbeiterschaft erst einmal keine Rede sein.

Manifest der 2000 Worte

Obwohl auch neue ökonomische Perspektiven den Argwohn der Verbündeten Sowjetunion, Bulgarien, DDR, Ungarn und Polen weckten, war es vorrangig die durch Versammlungs- und Meinungsfreiheit entfesselte Zivilgesellschaft, die alarmierte. In einem gemeinsamen Brief der Staatsparteien dieser Länder an das Zentralkomitee der KPČ vom 15. Juli wurde zwar versichert, dass man die ČSSR nicht „an der Korrektur der Fehler und Mängel, einschließlich der Verstöße gegen die sozialistische Gesetzlichkeit“ hindern und sich weder „in die Planung und Leitung der sozialistischen Volkswirtschaft der Tschechoslowakei“ einmischen wolle noch in deren „sozialistische Demokratie“. Es sei aber offensichtlich, dass die neuen „politischen Organisationen und Clubs“ zu „Stäben von Kräften der Reaktion geworden“ seien. „Die Sozialdemokraten fordern hartnäckig die Schaffung ihrer Partei, sie organisieren illegale Komitees“ und seien bemüht, die Arbeiterklasse zu spalten. Weiter hieß es, antisozialistische Kräfte hätten Presse, Rundfunk und Fernsehen „an sich gerissen“. Es käme zu „einer zügellosen antisozialistischen Demagogie“ und zur „Unterminierung der freundschaftlichen Beziehungen“ mit den Bruderstaaten. Als Hauptbeleg für konterrevolutionäre Obstruktion verwies der Brief auf das von Mitarbeitern der Prager Akademie der Wissenschaften verfasste und verbreitete „Manifest der 2000 Worte“. Darin wurde verlangt, einen Fortgang der Reformen notfalls durch Streik zu erzwingen.

Mit den „2000 Worten“ war es tatsächlich gelungen, auch die Arbeiterschaft für den Reformprozess zu interessieren. Dass er damit aus dem Ruder geraten konnte, war der KP-Führung bewusst. So warnte Josef Smrkovský, Vorsitzender der Nationalversammlung, der Aufruf zu Boykott und Streiks überschreite nicht nur die bestehende Gesetzlichkeit. Er könne auch eine nicht mehr beherrschbare innere und vor allem äußere Dynamik auslösen. Dass nach einem gemeinsamen Manöver der Armeen des Warschauer Paktes in der ČSSR die Abzugstermine der ausländischen Verbände immer wieder verschoben wurden, löste in den Medien des Landes Empörung aus und musste als Menetekel verstanden werden.

Das Präsidium der KPČ versicherte in seinem Antwortbrief an die Bruderparteien, man habe die Aufforderung aus den „2000 Worten“ zu „anarchistischen Aktionen und zur Verletzung des verfassungsmäßigen Charakters unserer politischen Reform“ zurückgewiesen, weshalb das Manifest „weder die Partei, die Nationale Front noch den sozialistischen Staat“ gefährde. Man sei sich allerdings bewusst, dass die „2000 Worte“ ermöglicht wurden, weil „wir die Zensur aufgehoben und die Freiheit des Wortes und der Presse gesetzlich verankert haben. Was früher nur als ‚Flüsterpropaganda‘ ... verbreitet wurde, kann nun öffentlichen Ausdruck erhalten.“ Eine Zurücknahme dieses Grundpfeilers der Reformen wurde ausgeschlossen, weil „die absolute Mehrheit der Bürger aller Klassen und Schichten“ dahinterstehe und die KPČ „den Beweis erbringen“ wolle, „dass sie imstande ist, anders als mit den verurteilten bürokratischen Polizeimethoden politisch zu führen und zu leiten“. Künftig wolle die Partei „ihre führende Rolle“ also nicht mehr verwirklichen, „indem sie die Gesellschaft beherrscht, sondern dadurch, dass sie mit größter Ergebenheit deren freier, fortschrittlicher, sozialistischer Entwicklung dient. Sie kann sich Autorität nicht erzwingen, sondern muss sie unaufhörlich durch Taten gewinnen. Ihre Linie kann sie nicht durch Anordnungen, sondern durch die Arbeit ihrer Mitglieder, durch die Wahrhaftigkeit ihrer Ideale durchsetzen.“ Obgleich dies nicht risikofrei sei, gab sich die KPČ überzeugt, dass „die Konsolidierung der politischen Situation günstig verläuft“. Man versicherte, alle Verpflichtungen im antiimperialistischen Kampf zu erfüllen, die man gegenüber den Bruderstaaten eingegangen sei. Auch sollten die Grenzen zum Westen geschützt bleiben. Der Brief hob hervor, dass man bei einer Normalisierung der Beziehungen zur Regierung in Bonn die Interessen der DDR „respektieren und verteidigen“ wolle.

Meine Anfang August 1968 mit einigen Freunden angetretene Reise nach Prag und Böhmen konnten unsere Eltern nicht verhindern, weil wir schon volljährig waren. Ihrer Überzeugung nach war der Einmarsch der „Bruderarmeen“ nur noch eine Frage von Tagen oder Wochen. Den überwältigend schönen Marktplatz von Budweis stellten auch wir uns schon einmal mit sowjetischen Panzern vor – ein scheußliches Bild, das wenig später tatsächlich auf den Bildschirmen präsentiert wurde. Aber noch war es nicht so weit. Beim Trampen erlebten wir die hoffnungsvolle Stimmung, die in der ČSSR damals herrschte. Im Prager Studentenheim in der Slavíkova waren der Briefwechsel zwischen den Bruderparteien und dem Präsidium der KPČ und die „2000 Worte“ in deutscher Sprache erhältlich. Beides habe ich – drei Tage vor der Intervention – in Zeitung verpackt im Abfalleimer der Zugtoilette bis nach Berlin geschmuggelt. Andere, die diese Dokumente im persönlichen Gepäck transportierten, wurden verhaftet.

06:00 15.05.2018
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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