1977: Märchenhafte Reise

Zeitgeschichte Erstmals reist mit dem Ägypter Anwar al-Sadat ein arabischer Führer nach Israel. Dieser Staatsbesuch wie die damalige Versöhnung wirken aus heutiger Sicht fast surreal
1977: Märchenhafte Reise
Schalom! Sadat (links) wird von Israels Premier Begin begrüßt

Foto: Ya‘akov Sa‘ar/GPO/Getty Images

Als Präsident Anwar al-Sadat am 19. November 1977 auf dem Ben-Gurion-Flugplatz in Tel Aviv landet und ihn die damals von Menachem Begin geführte israelische Regierung herzlichst begrüßt, ist das für viele Menschen in den islamischen Ländern ein Schock. Man wertet diese Reise als schweren Verrat, besonders an den Palästinensern. Hatte Ägypten es denn nötig, einen Separatfrieden mit Israel anzustreben, was die staatliche Anerkennung einschloss? Immerhin war es seiner Armee im Oktoberkrieg 1973 – in Deutschland bekannter als Jom-Kippur-Krieg – gelungen, die als uneinnehmbar geltenden israelischen Befestigungsanlagen der Bar-Lew-Linie zu stürmen und eine als unbesiegbar geltende Armee zum Rückzug über den Suez-Kanal zu zwingen. In der Folge erhielt Ägypten den im Sechs-Tage-Krieg 1967 verlorenen Sinai zurück.

Die Fernsehbilder von Ende November 1977 zeigen, was heute undenkbar ist: Die zwölf Meilen lange Strecke bis Tel Aviv, die der Konvoi mit Präsident Sadat zurücklegt, säumen jubelnde Israelis. Viele tragen arabischsprachige Transparente, auf denen immer wieder der Wunsch nach Frieden zum Ausdruck kommt. Am nächsten Tag, dem 20. November, besucht Sadat, der im renommierten Jerusalemer King-David-Hotel wohnt, den von einer religiösen Stiftung aus Jordanien verwalteten Tempelberg. Im Felsendom hält er eine Rede, um zu versichern, dass sein Besuch in Israel gleichermaßen dem Frieden wie der Sache der Palästinenser dienen solle. Das betont er auch in seiner berühmten Rede vor der Knesset, in der ausdrücklich verneint wird, das Ziel sei ein Separatfrieden mit Israel. Stattdessen, so Sadat, wolle er eine umfassende Friedensregelung. Und die müsse die Rückgabe aller von Israel besetzten Gebiete einschließlich Ost-Jerusalems garantieren sowie die Anerkennung eines palästinensischen Staates gemäß dem Völkerrecht. Auch wenn Sadat vor diesem Auftritt einen Kranz am Denkmal für gefallene israelische Soldaten niedergelegt hat, erscheint es aus heutiger Sicht erstaunlich, dass die Knesset ihm begeisterten Beifall zollt. Ganz anders fallen die Reaktionen in Ost-Jerusalem, im Gazastreifen und in der Westbank aus. Fernsehbilder zeigen palästinensische Männer und Frauen (Letztere oft in moderner westlicher Kleidung), die erklären, dass sie dem Besuch Sadats reserviert bis feindselig gegenüberstehen. Ihre Führung, die PLO, deren Hauptquartier sich damals noch in Beirut befindet, wusste nichts von der überschwänglichen Verbrüderung in Tel Aviv. Damit brüskiert wird besonders PLO-Chef Yassir Arafat, der überall in der arabischen Welt als legitimer Ansprechpartner für die Angelegenheiten der Palästinenser gilt und drei Jahre zuvor seine legendäre Rede vor der UN-Vollversammlung in New York gehalten hat. Darin hieß es, sollte es dazu kommen, wolle er bei einer „umfassenden Friedensregelung“ gleichberechtigt am Tisch sitzen.

Ungeachtet des Affronts gegenüber der PLO wirkt Sadats Reise der Versöhnung in all ihren Etappen eindrucksvoll. Erklären lässt sich das nur aus den geopolitischen Umständen in jener Zeit. Die USA schienen mehrere Jahre vor dem Ende des Vietnamkrieges darum bemüht, das politische Feld des Nahen Ostens neu zu erschließen. Eine Chance dazu bot sich 1970 nach dem Tod des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser. Nachfolger Anwar al-Sadat war bereit, nicht nur das Militärbündnis mit der Sowjetunion aufzugeben, sondern auch der ägyptischen Ökonomie, die den Weg der Industrialisierung als sozialistische Staatswirtschaft eingeschlagen hatte, einen radikalen Kurswechsel zu verordnen. Der ist unter dem arabischen Begriff Infitah (Öffnung) in die Geschichte eingegangen. Und das aus gutem Grund, denn mit der Öffnung des ägyptischen Markts für ausländische Kapitalströme scherte ein Staat der sogenannten dritten Welt und der Bewegung der Nichtpaktgebundenen, einer bis dahin antiimperialistischen Front, aus. Deren einsetzender Zerfall ging dem des Ostblocks voran.

Freilich musste Sadat behutsam vorgehen. 1971 hatte er noch einmal den Freundschaftsvertrag mit der Sowjetunion erneuert, duldete aber in den folgenden Monaten deren Militärberater nur noch in beschränkter Zahl. Neben der Infitah war das die wichtigste Voraussetzung, um genügend Unterstützung aus Washington für eine spektakuläre militärische Operation wie den Jom-Kippur-Krieg zu erhalten. Sadat konnte damit nicht nur die Ehre seiner in den vorherigen Kriegen mit Israel gedemütigten Armee wiederherstellen. Er gewann auch an Statur in einer ägyptischen Gesellschaft, die noch unter dem Eindruck ihres charismatischen Führers Nasser stand. Um sich zu profilieren, wertete Sadat nicht zuletzt die unter seinem Vorgänger unterdrückten Muslimbrüder auf. Deren Sozialarbeit half, ausbleibende Erfolge in der Wirtschaftspolitik zu kompensieren, was der Glaubensgemeinschaft politisch mehr helfen sollte als Sadat.

Es muss viel Überzeugungsarbeit der US-Diplomatie gegeben haben, um in Israel die Bereitschaft zu erzeugen, dass es zum Arrangement mit dem ägyptischen Präsidenten kommt. Auf dessen erste, schon kurz nach seinem Amtsantritt im Oktober 1970 erfolgte Friedensinitiative – er bot die für den Welthandel so wichtige Wiedereröffnung des Suez-Kanals an, sollte sich Israel vom Sinai zurückziehen – hatte Premierministerin Golda Meir noch klar ablehnend reagiert. Wäre sie konzilianter aufgetreten, hätte sich womöglich der äußerst verlustreiche Jom-Kippur-Krieg vermeiden lassen.

Ende November 1977 zählte die nun ehemalige Regierungschefin zu den Honoratioren, die Sadat auf dem Flugplatz Ben Gurion erwarteten. Meir begrüßte ihn besonders herzlich, um ihm bei einem späteren Treffen zu sagen, wie sehr sie sich als Großmutter für ihre und seine, Sadats, Enkel, ein friedliches Zusammenleben zwischen Israel und einem Führungsstaat der arabischen Welt wünsche.

Ein Jahr nach dem Sadat-Besuch in Israel kam in Camp David unter US-Vermittlung der erste Vertrag zwischen einem arabischen Staat und Israel zustande und besiegelte einen Separatfrieden. Beide Länder tauschten auch Botschafter aus, was Ägypten insofern teuer bezahlen musste, als daraufhin die meisten arabischen Länder ihre Botschafter für Jahre aus Kairo abzogen. Besonders verstimmt zeigte sich Syrien, das im Jom-Kippur-Krieg als Ägyptens Alliierter eine zweite Front eröffnet und versucht hatte, die Golan-Höhen zurückzuerobern, dabei aber weitgehend erfolglos blieb. Im Unterschied zu Sadat hatte sich der syrische Präsident Hafiz al-Assad nicht mit Washington abgestimmt.

Man sollte es sich nicht zu einfach machen und Sadats heute märchenhaft wirkende Reise nur nach damaligen Maßstäben beurteilen. Es war gewiss überfällig, dass ein arabischer Staat den Anfang machte, den Staat Israel anzuerkennen. Letztlich hat sich später auch die PLO in diese Richtung bewegt, was wiederum den Osloer Friedensprozess 1993 ermöglichte, der zu einer ersten gegenseitigen Anerkennung zwischen einer israelischen und einer künftigen palästinensischen Regierung führte. Israels Wortführer dabei war Yitzhak Rabin, dem – zusammen mit Yassir Arafat – für den Mut zu diesem Versöhnungsprozess der Friedensnobelpreis verliehen wurde. Rabin fiel 1995 wegen seines Bemühens um Verständigung einem Attentat zum Opfer. Arafats Leben ging 2004 unter zweifelhaften Umständen, quasi in Isolationshaft, zu Ende. Sadat war schon lange zuvor, 1981 – nicht zuletzt wegen des Abkommens mit Israel – bei einer Militärparade zum Gedenken an die Erstürmung der Bar-Lew-Linie 1973 – von einem ägyptischen Islamisten getötet worden.

Neben mehreren Intifadas und einer entmutigten israelischen Friedensbewegung ist die deprimierende Geschichte der Versöhnung von einst auch durch das Schicksal dieser historischen Figuren geprägt, die persönlich für das bezahlten, was sie taten. Weshalb eigentlich ist die Erinnerung an sie merkwürdig verblasst?

06:00 19.11.2017
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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