1990: Saddam pokert

Zeitgeschichte Vor 25 Jahren wird Kuwait durch irakische Truppen besetzt. Die Führung in Bagdad fühlt sich von den USA zu dieser Intervention ermutigt – ein folgenschwerer Irrtum
1990: Saddam pokert
Ein zweiter Hitler? Saddam Hussein bei einer TV-Ansprache

Foto: Sepp Spiegl/Imago

Im Sommer 1990 arbeitete ich an einem wissenschaftlichen Projekt in der französischen Provinzstadt Limoges und war die einzige Bewohnerin des ferienbedingt leeren Internats einer École Normale. Wenn ich mir abends – mutterseelenallein – bei Kanal TV5 die Nachrichten ansah, hatte ich erstmals einen angsterregenden Eindruck. Es schien so, als würde mit dem Zusammenbruch des Ostblocks nicht nur Europa, sondern auch der Nahe Osten in einen irrationalen Taumel des „anything goes“ geraten.

Welcher Wahnsinn ritt diesen Saddam Hussein, der seinen Staat in Militäruniform bereiste und jeden Tag in einer anderen Stadt seine Absicht verkündete, das kleine Nachbarland Kuwait zu annektieren, das angeblich historisch zum Irak gehöre? Er versprach nicht nur den Irakern den Anbruch goldener Zeiten, sondern allen Arabern, besonders den Palästinensern im Libanon, in der Westbank und im Gazastreifen. Deren Befreiung wollte er ebenfalls bald in Angriff nehmen. Mein Eindruck einer trunken gewordenen Region verstärkte sich noch, als auch der PLO-Vorsitzende Jassir Arafat, den ich bislang für einen besonnenen Politiker gehalten hatte, neben Saddam auftauchte und dessen Pläne öffentlich unterstützte.

Zwar war das in den kommenden Monaten grotesk aufgeblasene Feindbild Saddam Husseins als zweiter Adolf Hitler noch nicht präsent. Aber TV5 stellte Iraks Präsidenten bereits deutlich genug als großmannssüchtigen Illusionisten dar, um klarzumachen: Der Westen werde nicht dulden, dass die immensen Erdölvorräte des Zwergstaates Kuwait unter die Kontrolle des Irak geraten. So viel stand fest: Weil sich dessen ebenfalls gewaltige Ölressourcen in staatlicher Hand befanden, war ein Zugriff der Ölmultis von außen auf diesen gigantischen Reichtum viel schwieriger als in Kuwait, das 1990 noch eine absolutistische Monarchie war.

Erst sehr viel später erfuhr ich von jenem denkwürdigen Treffen, das am 25. Juli 1990 stattgefunden und April Glaspie, die US-Botschafterin in Bagdad, mit Saddam Hussein zusammengeführt hatte. Letzterer soll dabei in seiner Annahme bestärkt worden sein, dass sich die USA in einen militärischen Konflikt zwischen dem Irak und Kuwait nicht einmischen würden. Aber konnte Saddam wirklich glauben, dass die US-Administration den am 2. August beginnenden Vorstoß seiner Panzer nach Kuwait City billigen würde?

Dass es anders kam, mag ihn verwundert haben. Der irakische Diktator fühlte sich seit seinem Krieg gegen den Iran der Mullahs zwischen 1980 und 1988 sowohl von den USA wie der 1990 noch existierenden Sowjetunion unterstützt. Er glaubte sogar, dass dem laizistischen Irak die historische Mission zukäme, nicht nur das Emirat Kuwait institutionell zu modernisieren, sondern mittelfristig auch die islamischen Regimes auf der Arabischen Halbinsel. „Das Land, das den größten Einfluss in der Region und auf das Erdöl hat, wird seine Überlegenheit als eine unumstrittene Supermacht konsolidieren“, verkündete Saddam prahlerisch. Nicht nur mit seinem Projekt, Kuwait in irakischem Sinne zu modernisieren, fühlte er sich offenbar im Konsens mit großen Teilen der dortigen Bevölkerung. Legitimiert sah er sich auch durch seinen Willen, den Einfluss der USA einzugrenzen. „Wachsam“ müssten die Menschen am Golf – in der arabischen Welt überhaupt – bleiben, damit nicht „die ganze Region von den Vereinigten Staaten nach ihren Wünschen beherrscht wird“. Obwohl er damit durchaus die Stimmung vieler Menschen in seiner Region erfasste, betrieb er doch ein Pokerspiel, das er selbst, vor allem aber sein Land, in den nächsten Jahrzehnten bitter bezahlen musste.

Schlagabtausch mit dem Iran

Eigentlicher Hintergrund der Invasionspläne Saddams war die angespannte ökonomische Lage, in der sich der Irak nach dem jahrelangen Schlagabtausch mit Iran befand, bei dem die Saddam-Armee auch Kuwait verteidigt hatte. Nicht nur die damit beanspruchten Ausgleichszahlungen des Emirats waren ausgeblieben. In der Grenzregion zwischen beiden Staaten kam es überdies zum Streit um ein auf irakischem Gebiet liegendes Ölfeld, das durch eine Querbohrung aus Kuwait angezapft worden war. Obendrein blieb es Saddam Hussein verwehrt, die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) zu einer Drosselung der Fördermengen zu bewegen, um den damaligen Preisverfall aufzuhalten. Dies war den USA sehr wohl bekannt. Dennoch glaubte Saddam aus den sibyllinischen Sätzen von Botschafterin April Glaspie Ende Juli 1990 herauszuhören, sein Feldzug gegen Kuwait werde in Washington toleriert. Glaspie wörtlich: „Ich denke, dass ich verstehe. Ich habe hier jahrelang gelebt. Ich bewundere Ihre außerordentlichen Anstrengungen, das Land wieder aufzubauen. Wir verstehen das, und unsere Meinung ist, dass Sie die Mittel haben sollten, den Irak weiter zu entwickeln. Zu den arabisch-arabischen Konflikten wie dem Grenzstreit mit Kuwait haben wir keine Meinung.“

Saddam begriff nicht, dass sein Land nur als Marionette im Kampf gegen die iranische Theokratie gedient hatte und die USA keineswegs an einer institutionellen Modernisierung des Nahen Ostens interessiert waren. Vielmehr blieb der damalige Präsident George Bush senior fest entschlossen, die Emirate am Golf als strategische Partner zu behandeln. Auch wenn sie einer restaurativen Programmatik gehorchten, die nicht nur der eigenen Bevölkerung jeglichen demokratischen Fortschritt verweigerte, sondern Millionen von ausländischen Arbeitskräften einem Status der Sklaverei aussetzte. So wurde die Annexion Kuwaits zum Auftakt einer unerbittlichen, unverhältnismäßigen Gegenreaktion der USA und – durch Wirtschaftssanktionen – des Westens insgesamt.

Im Januar 1991 begann schließlich ein Luft- und Bodenkrieg („Operation Wüstensturm“) gegen den Irak, in dessen Verlauf Kuwait befreit wurde. Die oft unkontrolliert wirkende brutale Gewalt, mit der die irakische Armee niedergerungen wurde, machte der US-Fernsehkanal CNN in zuvor nie gekannter Direktheit öffentlich. Es war ein neues Zeitalter der Kriegsberichterstattung angebrochen. Dabei erinnerte die Verbreitung medialer Lügen über Saddams Armee an die Dreistigkeit deutscher Kriegspropaganda vor und im Zweiten Weltkrieg. Zunächst wurde behauptet, die irakischen Soldaten hätten im August 1990 beim Einmarsch in Kuwait City sogar die Tiere im Zoo niedergemetzelt. Einem Menschenrechtskomitee des US-Kongresses berichtete ein 15-jähriges Mädchen, das angeblich als Hilfsschwester in einer Geburtsklinik gearbeitet hatte, mit eigenen Augen gesehen zu haben, wie Iraker in die Säuglingsstation eingedrungen seien, Babys aus den Brutkästen gerissen hätten und sie auf dem Boden hätten sterben lassen. Die Anti-Saddam-Stimmung war weltweit dermaßen aufgeputscht, dass auch Amnesty International diese Version des Geschehens kolportierte. Jahre später konnte nachgewiesen werden, dass die Episode erfunden und das Mädchen die Tochter von Saud Nasir al-Sabah, dem kuwaitischen Botschafter in den USA, war, der zur Familie des Emirs gehörte.

Ein bedenklicher Aspekt der antiirakischen Propaganda war auch deren starke personelle Fokussierung auf Saddam Hussein, während die Hoffnungen und Leiden des irakischen Volkes bestenfalls am Rande eine Rolle spielten und auch künftig nicht ins mediale Blickfeld gerieten. Bis heute wird suggeriert, die Befreiung von ihrem Diktator sei den Irakern jeden Preis wert gewesen – auch die komplette Zerstörung der eigenen Zivilisation und den Zerfall ihres Staates.

Präsident Bush senior sah damals von einer Okkupation des Landes ab. Wahrscheinlich in der Erwartung, die Armee oder das Volk würden Saddam über kurz oder lang stürzen, ließ Bush zu, dass sich der Diktator weiter an der Macht halten konnte. Um ihn zu beseitigen, entfachten die Vereinigten Staaten im März 2003 einen weiteren Krieg, dessen Folgen verheerend sein sollten und nichts mit den Wünschen der Menschen im Irak zu tun hatten.

06:00 05.08.2015
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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