Ab in die Sahara

Algerien Migranten werden rüde nach Niger abgeschoben, wollen aber wiederkommen
Ab in die Sahara
„In Niger erwartet uns nichts als der schleichende Tod“, sagt einer, der es wissen muss

Foto: Ryad Kramdi/AFP/Getty Images

In Deutschland wird gestritten, ob und – wenn ja – wie viel Migration von jenseits des Mittelmeeres zu verkraften ist, und in welchen Fällen Migranten abgewiesen werden können. Kaum ins Bewusstsein tritt, dass durch diskrete Übereinkünfte mit der EU die Abwehr subsaharischer Migranten in Nordafrika immer effizienter betrieben wird. Algerien zum Beispiel hat mit Mali und Niger Verträge sowohl über Arbeitsmigration als auch Rückführungen ausgehandelt. In der Konsequenz heißt das, von Zeit zu Zeit werden Menschen abgeschoben, die ihre Arbeit verloren oder keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Dies trifft Frauen, Jugendliche und häufig Kinder, die von Schlepperorganisationen gezielt zum Betteln nach Nordalgerien gebracht wurden, wo es 18 Zentren gibt, die ihnen humanitäre Hilfe leisten.

Da es sich um Muslime handelt, gibt es keine kulturellen oder ideologischen Gründe, weshalb algerische Bürger, die diese Klientel seit Jahren schon großzügig unterstützen, dies heute weniger tun sollen. Sie helfen, während ihr Staat Gelder nach Mali und Niger transferiert, um den Menschen dort eine ökonomische Perspektive zu sichern. Trotzdem wächst der Flüchtlingsstrom, sodass allein nach Niger zwischen 2014 und 2017 etwa 70.000 Menschen zurückgeführt worden sind.

Clowns im Angebot

Seit in Mali 2012 ein Bürgerkrieg ausgebrochen ist, der sich kaum eindämmen lässt, passieren jedoch auch Menschen die Grenze nach Algerien, die aus anderen Ländern der Westafrikanischen Wirtschaftsunion kommen. In der herrscht Freizügigkeit – nicht jedoch in Algerien. So kam es Anfang Juli zu einer international aufsehenerregenden Abschiebung von 350 Migranten über die Grenze nach Niger. Dafür sollen algerische Behörden verantwortlich sein, die das freilich bestreiten und darauf verweisen, dass es sich um eine Aktion unter Kontrolle des Flüchtlingshilfswerks UNHCR gehandelt habe. Tatsächlich wurden die 14 klimatisierten Busse nicht nur von Gendarmen eskortiert, sondern auch vom Algerischen Roten Kreuz und Pascal Reyntjens, dem Repräsentanten der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Algier. Auch die Journalistin Salima Tlemçani, bekannt dafür, die heißen Themen anzufassen, hat den Konvoi begleitet, der sich am 28. Juni gegen 21 Uhr vom nahe Algier gelegenen Badeort Zeralda in Richtung Sahara in Bewegung setzte.

In der 400 Kilometer weiter südlich bereits in der Steppe liegenden Stadt Laghouat wurden im Morgengrauen Versorgungspakete ausgegeben. Eine Krankenstation versorgte Migranten, die sich schlecht fühlten. Ein verletzter Junge im Alter von sechs oder sieben Jahren, dazu etliche schwangere Frauen, die von der Reise völlig überanstrengt waren, mussten ins Krankenhaus gebracht werden und durften erst einmal bleiben. Um die 300 Kilometer weiter südlich, in Ghardaia, fand sich auf einem Ausstellungsgelände ein Couscous für die Migranten angerichtet. Gut gemeint, aber doch irgendwie makaber, hatte man zudem den Auftritt einiger Clowns organisiert, um die zahlreichen Kinder „zu unterhalten“. Aus Orten der algerischen Sahara stießen weitere Busse mit Migranten zu dem aus Algier kommenden Transport. Die Verzweiflung vieler Migranten hatte in Hassi Lefhel schließlich einen kritischen Punkt erreicht, sodass einige versuchten, in die Wüste zu fliehen, wo sie von den Gendarmen schnell eingefangen und wieder zurückgebracht wurden. Ein junger Mann, der in Algier vergeblich nach Arbeit gesucht hatte, sagte der Journalistin Tlemçani: „In Niger erwartet uns nichts als der schleichende Tod“. Andere, die in Algerien vom Betteln gelebt hatten, erzählten, dass ihr Einkommen im Vergleich zu den Verhältnissen in Niger „traumhaft“ gewesen sei. Dort könne niemand mehr Bettlern etwas geben. Immer wieder versicherten die zum Teil schon mehrfach abgeschobenen Migranten, sie würden versuchen, umgehend zurückzukehren.

Noch weiter im Süden, in In Salah, ist ein Durchgangslager für Tausende Migranten im Bau. Wer jetzt hier durchgeschleust wird, kann immerhin schon duschen.

Nach 43 Stunden erreicht der Konvoi Tamanrasset, wo ein solches Camp bereits fertiggestellt ist. Hier hätten sich die Abgeschobenen ausruhen können, wäre es nicht zu einem gewaltsam ausgetragenen Konflikt zwischen Migranten gekommen, die gebettelt haben, und denen, die sich als Arbeitsnomaden deklarieren. Letztere nehmen für sich in Anspruch, immer leicht eine Beschäftigung gefunden zu haben, bis man sie aufgriff. Währenddessen prüften Konsularbeamte aus Niger mit modernsten Mitteln die Identitäten, doch weder diese Prozedur noch die Präsenz von Vertretern des UNHCR beim Grenzübertritt noch die Begleitung des Algerischen Roten Kreuzes bewirkten, dass der Empfang in Niger vorbereitet war.

Korruption der Eliten

Auf einer bilateralen Konferenz über diese Defizite am 16. Juli in Algier wurde daher vereinbart, dass Algeriens Regierung der von Niger künftig hilft, kompetentes Personal für die Repatriierung auszubilden. Wobei feststeht, dass Niger weiterhin keine abgeschobenen Migranten aus Drittstaaten „empfangen“ will.

Während die Europäer noch diskutieren, ob und – wenn ja – wie humanitäres Engagement die Migration mindern kann, bleibt völlig ausgeblendet, dass die Fluchtgründe nicht zuletzt durch die imperiale Praxis ehemaliger Kolonialstaaten entstehen. Im Fall von Mali und Niger ist es Frankreich, das sich – weitgehend unterstützt von der Bundeswehr – auch mithilfe militärischer Kontrolle Zugang zu den Rohstoffen der Region sichert. In Niger profitieren französische Konzerne von der größten Uranausbeute der Welt. Die Gewinne allerdings kommen nicht im Geringsten dem Land zugute, in dem der Rohstoff gefördert wird, stattdessen geht der Abbau mit hemmungsloser Zerstörung der Umwelt einher. Dass Länder wie Niger so etwas zulassen, lässt sich nur mit der Korrumpiertheit ihrer Eliten erklären.

Damit sich in dieser Hinsicht etwas ändert, sollten die EU-Europäer nicht länger über veruntreute Entwicklungsgelder klagen. Geboten wäre eine konzentrierte Aktion gegen eine endemische Bestechlichkeit, die ein neokoloniales Wirtschaftssystem und einen regionalen Migrationszyklus am Laufen hält.

06:00 28.07.2018
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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