Abschied

Linksbündig In Bayern wackeln die Kirchen

Seit Schornsteine und Fernsehtürme die Kirchtürme überragen, sollte man meinen, dass auch die katholischen Kirchgänger die protestantische Weisheit begriffen hätten, dass sich die Nähe zu Gott nicht danach bemisst, wie nah der Kirchturm an die Wolken reicht. Doch anstatt die Muslime zum Beginn ihres Fest-und Fastenmonats Ramadan zu beglückwünschen, hat Edmund Stoiber es für wichtiger gehalten, eine Warnung auszusprechen: Moscheen, deren Bau in Deutschland nun endlich auch als unumgänglich anerkannt ist, dürfen nicht höher sein als Kirchen!

In Zeiten, in denen Terrorgefahr nun von Islam-Konvertiten auszugehen scheint, in Bayern zusätzlich die Vogelcholera lauert und ein Gammelfleischskandal nach dem anderen auffliegt, ist es fast verständlich, dass die Sorge vor dem drohenden Untergang des Abendlandes in diesem Bundesland besonders virulent ist. Und obwohl es längst erwiesen ist, dass eine würdige öffentliche Repräsentanz der Muslime in Deutschland ihre Position innerhalb der Bevölkerung sehr verbessern würde, hat Stoiber ihnen zugerufen: Macht euch klein! Da Muslime in größerer Zahl meist in Wohngegenden leben, in denen die Kirchen nicht sehr hoch sind, hieß dies, dass es eigentlich gleich bei den Hinterhofmoscheen bleiben kann.

Mit seinem Diktum hat Stoiber das Schreckensbild einer Moschee heraufbeschworen, die höher ist als der Kölner Dom. Verschwörungstheoretisch gesehen, scheint dieses nationale Kulturdenkmal auch von innen längst durch den Islam bedroht, wenn nicht schon halb erobert zu sein. Schließlich könnten abstrakte Pixel-Fenster von Gerhard Richter ohne Weiteres auch eine Moschee schmücken, da sie das islamische Verbot von figürlichen Darstellungen des Religiösen respektieren.

Die Vogelgrippe kann eingedämmt, Gammelfleischskandale können kleingehalten werden. Und Gerichte müssen erst prüfen, ob man wirkungsvolle Bomben wirklich aus Wasserstoffperoxid bauen kann, das bislang eher zur Herstellung von Blondinen benutzt wurde. Irreparables Unheil hat Stoiber bislang eigentlich nur von weiblicher Seite erfahren. Die Art, wie ihn Angela Merkel mit unbeirrbarer östlicher Frauenpower als Kanzlerkandidaten auskonkurriert hatte, wird er nicht verwinden. Die zweite Katastrophe war die Landrätin Pauli, eine weibliche Herausforderung aus Bayern selbst, deren Privatleben Stoiber für so unkatholisch hielt, dass er es überwachen ließ. Dass er darauf seinen Abschied einleiten musste, zeigte dem ganzen Land, wie sehr in Bayern die Kirchen ins Wanken geraten sind.

Von Frau Pauli war zu erwarten, dass sie aus der Defensive eine Offensive machen und weitere Angriffe planen würde. Stoibers Verlautbarung über die Größenverhältnisse von Kirchen und Moscheen waren ein günstiger Moment, in dem sie der überraschten Öffentlichkeit einen wahrhaft revolutionären Vorschlag unterbreiten konnte, der für alle bayrischen Kirchenvertreter bis hin zum Papst eine der größtmöglichen Provokationen darstellt: Ehen sollen künftig nicht mehr auf ewig, sondern nur für sieben Jahre geschlossen und nach diesem Zeitraum nur nach gründlicher Prüfung durch die Partner weitergeführt werden. Dass Frau Pauli ihre Idee aus dem Kabarett hat, spricht überhaupt nicht gegen sie. Schließlich ist das Kabarett eine zivilgesellschaftliche Institution, von der man schon immer erwartet hat, nicht nur mit scharfer Kritik, sondern auch mit beherzten Vorschlägen ins politische Leben hinein zu wirken. Die Idee könnte dem Wahlvolk gefallen, dem die unverschämten Kosten, die hierzulande für Scheidungen aufzubringen sind, zu Recht auf die Nerven gehen.

Das Abendland mag untergehen, Bayern aber sicher nicht. Nicht nur, weil es zu jedem Stoiber auch eine Gegenfigur wie Frau Pauli hervorbringt, lieben wir Bayern sehr. Es hat schöne, klare Seen und würzige Wälder, es hat die Alpen und eine putzige Hauptstadt, in der sich Großmannssucht und echte Großzügigkeit sympathisch ausbalancieren. Die gute Nachricht für Bayern ist: Der Transrapid wird nun doch gebaut, die erforderlichen Bundesmittel werden vom Wirtschaftsminister endlich zur Verfügung gestellt. Und außerdem beginnt auf der Münchener Wiesn gerade auch das Oktoberfest, das die bayrische Wirtschaft ebenfalls sehr stärkt. Diese größten bacchantischen Gelage der Welt könnten allerdings viel mehr Gewinn einfahren, wenn die Muslime sich endlich integrieren und sich dem fröhlichen Massenkonsum von Bier und Schweinsweißwürstchen nicht weiter verweigern würden.


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Geschrieben von

Sabine Kebir

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