Abschied von den Idealkörpern

Medien Die Initiative des Europäischen Parlaments zum Verbot sexistischer Werbung sollte sich nicht auf Geschlechterrollen beschränken

Kann die EU sexistisch diskriminierende Reklame stoppen, - etwa nach dem Vorbild des Feldzugs gegen das Rauchen? Zuerst kamen die Pflichtaufdrucke mit drastischen Warnungen vor der Gesundheitsschädlichkeit des Tabaks. Dann durften zigarettenwerbende Models nicht mehr jünger als 25 Jahre alt sein, schließlich kam das generelle Werbeverbot. Und nun ist das Rauchen so gut wie ganz aus dem öffentlichen Raum verbannt.

Es ist schon erstaunlich, dass 504 Abgeordnete bei 110 Gegenstimmen und 22 Enthaltungen kürzlich für den Antrag der schwedischen Abgeordneten Eva-Britt Svensson gestimmt haben, sexistische Werbung zu verbieten - zumal sie der Fraktion der Vereinigten Linken angehört. Was wie parlamentarische Routine aussieht, ist in Wahrheit eine Facette eines wichtigen Kulturkampfs. Es darf ruhig einmal daran erinnert werden, dass es im Realsozialismus zwar durchaus noch Frauendiskriminierung gegeben hat, ihre öffentliche Inszenierung aber unerwünscht und weitgehend unterbunden war. Und selbst wenn eine Frau mal für ein Waschmittel warb, wusste doch jeder, dass die dargestellte Frau nicht nur im Haushalt arbeitete, sondern auch berufstätig war.

Die breite Zustimmung zum Svensson-Antrag zeigt, dass die Tage des sich ganz dem Gatten- und Kindeswohl opfernden Heimchens am Herd gezählt sind. Dieses Emblem hatte sich der Westen nach dem Zweiten Weltkrieg auf seine Fahnen geschrieben. So unwahrscheinlich es heute klingt, suggerierten diese Bilder damals doch auch eine spezifische Form von Gleichberechtigung: während der gut verdienende männliche Familienvater im Beruf mit modernsten Maschinen umging, schienen auch die Frauen an der Welt der sich ständig revolutionierenden Technik in Form von immer besseren Haushaltsgeräten teilzuhaben. Sie erregten den Neid der berufstätigen Ostfrauen, die technische Haushalthilfen wahrscheinlich noch besser hätten brauchen können.

Weil die europäische Grenze zwischen den Systemen mitten durch Deutschland verlief, blieb die - eben auch durch Werbung betriebene - Idealisierung des weiblichen Heimchens in der Bundesrepublik länger virulent als in anderen westlichen Ländern wie Frankreich und Skandinavien. Da die Familie aber gerade eine der größten Umstrukturierungen der Menschheitsgeschichte erlebt, verliert Reklame mittels traditioneller Geschlechterrollen auch ihre Wirkung und wird sich wohl irgendwann selbst abschaffen. Aber Sexismus in der Werbung erschöpft sich bei weitem nicht in der klischeehaften Zuschreibung von Geschlechterrollen im Haushalt. Schon heute gilt die massenhafte, stets überdimensionierte Zurschaustellung fast nackter Idealkörper in der Werbung als schädlich für die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen. Die eigenen und die Abweichungen potentieller Partner von diesen Idealkörpern erschweren auch bei Älteren das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen - und zwar nicht nur sexuelle.

Haushaltsgeräte könnten künftig von geschlechtslosen Phantasiewesen aus der digitalen Comicwelt beworben werden. Aber kann die Mode- und Kosmetikindustrie gezwungen werden, auf die Anrufung der Geschlechterängste zu verzichten, die durch die Präsentation von Idealkörpern erreicht wird, deren Bild man gegen klingende Münze angeblich leicht näher kommt? Werbung gilt vielen auch als Sparte der Kunst oder sogar als die eigentliche Kunst unserer Zeit. Daher werden sich auch die Verteidiger der Kunstfreiheit zu Worte melden. Sie könnten zu Recht einwenden, dass die Menschheit seit Jahrtausenden Bildnisse von Idealkörpern öffentlich ausstellt. An diesem Punkt müssten die Reglementierungsabsichten dann auf Grenzen treffen. Doch wie auch immer diese Auseinandersetzung ausgehen wird: Es bleibt das Verdienst der Vereinigten Linken, sie initiiert zu haben - hoffentlich nicht mit einer Eintagsfliege.

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Geschrieben von

Sabine Kebir

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