Algerien: Unverhoffter Segen

Entspannung Erdgaspreise sorgen in Europa für Krisenstimmung, in Algerien lassen sie die Wirtschaft aufblühen. Und das Ansehen von Präsident Abdelmadjid Tebbounes steigt mit der Historikerkommission zur Aufarbeitung der Beziehung zu Frankreich weiter
Algerien atmet auf: die gestiegenen Erdgas-Preise machen das Land wieder liquide
Algerien atmet auf: die gestiegenen Erdgas-Preise machen das Land wieder liquide

Foto: Ryad Kramdi/AFP via Getty Images

Ein extrem gestiegener Preis für Erdgas bereitet den Europäern größte Sorgen, derweil wirkt er sich in Algerien wie ein unverhofft vom Himmel fallendes Manna aus. Nachdem das Land über ein Jahrzehnt lang ziemlich klamm war und sich dies auf den Staatshaushalt auswirkte, werden nun unvollendet gebliebene Großprojekte fertiggestellt, darunter das für internationale Wettkämpfe ausgelegte Sportstadion mit 50.000 Plätzen in der kabylischen Metropole Tizi Ouzou. Dazu dürfen Lehrer, medizinisches Personal, Rentner und Arbeitslose mit deutlich höheren Bezügen rechnen. Sogar Kulturschaffende erhalten wieder Zusagen für Subventionen.

Die zurückliegenden mageren Jahre führten zu keiner sozialen und politischen Katastrophe wie beim Fall der Erdölpreise in den 1980ern. Diesmal war die Situation ein Anstoß, um das Land weniger abhängig von Importen zu machen. Die gesteigerte Produktion an Stahl, Zement und Agrarerzeugnissen hat nicht nur der Selbstversorgung gedient. Sie ermöglichte 2021 Ausfuhren für etwa fünf Milliarden Dollar. Das klingt nicht sonderlich imposant, ließ aber immerhin die Exporte verdreifachen, die neben dem Handel mit Öl und Gas abgewickelt und vorrangig durch afrikanische Länder abgenommen wurden. Der Wert des Warenaustauschs dürfte im Einzelfall inzwischen deutlich über dem liegen, was westliche Staaten in Afrika verbuchen.

Arabischer Gipfel in Algier

So findet Präsident Abdelmadjid Tebboune, der bei seinem Amtsantritt 2019 kaum Vorschusslorbeeren erhielt, mehr Akzeptanz in der Bevölkerung. Und das nicht nur, weil er Korruptionsverbrechen von Ex-Ministern und Wirtschaftsbossen verfolgen lässt. Algerien kann zudem seine traditionelle Rolle als Konfliktvermittler im Nahen Osten und in afrikanischen Staaten mit neuem Elan ausspielen. Für Anfang November hat Tebboune zu einem Arabischen Gipfel geladen, für den bereits Staatsoberhäupter der Golfmonarchien ihre Teilnahme zusagt haben. Fast sensationell mutet es an, dass Mohammed VI., der König von Marokko, bisher nicht abgesagt hat. Wegen verstärkter marokkanischer Versuche, eine Unabhängigkeit der Westsahara mit nahezu allen Mitteln zu verhindern, hatten sich die Beziehungen zwischen beiden Ländern zuletzt extrem abgekühlt. Vor einem Jahr brach Algier die diplomatischen Beziehungen ab und stellte im Februar auch die Gaslieferungen ein, was Marokko stark unter Druck gesetzt hat. Um für Entspannung zu sorgen, ist eine Gipfelteilnahme Marokkos denkbar, obwohl Brahim Gali, der Präsident der Demokratischen Arabischen Republik Westsahara, teilnimmt.

Schließlich konnte Rabat eine Wiederaufnahme in die Afrikanische Union nur erreichen, indem es auch dort der Präsenz einer auf Souveränität bedachten Vertretung der Westsahara zustimmte. Ebenfalls unnachgiebig ist Algerien in der Frage einer Zwei-Staaten-Lösung für Israel und Palästina. Zu erwarten ist, dass sich Marokko und Golfstaaten, auch wenn sie die diplomatische Beziehungen mit Israel aufgenommen haben, dieser Position anschließen.

Einen besonderen Prestigegewinn verzeichnete Tebboune Ende August beim Besuch des französischen Präsidenten. Geschwächt im eigenen Land, in dem mehrere Millionen Menschen mit algerischen Wurzeln leben, benötigte Emmanuel Macron einen erfolgreichen außenpolitischen Auftritt und versuchte, mit der in sechs Jahrzehnten algerischer Unabhängigkeit nie glückten Aussöhnung endlich voranzukommen. Er reiste mit einer 80-köpfigen Delegation, der auch Führungspersonal aus den Streitkräften und Geheimdiensten angehörte. Macron stellte mehr Visa in Aussicht, dazu die Aufnahme von bis zu 8.000 algerischen Studenten und mehr kulturelle Kontakte, die besonders der Filmwirtschaft zugute kommen sollen. Er umwarb die einstige Kolonie salbungsvoll wie eine lange hingehaltene Braut. Beide Länder verbinde „eine Geschichte des Respekts, der Freundschaft – und ich wage zu sagen: der Liebe“, so der Tenor. Die unglückselige gemeinsame Geschichte soll demnächst eine binationale Historikerkommission aufarbeiten. Tebboune war angetan und ließ Macrons Maschine beim Abflug aus Algier von vier algerischen Kampfjets des russischen Typs Suchoi eskortieren.

Weihnachts-Wunschprämien-Wumms

Schenken Sie neue Inspirationen und Perspektiven – für Ihre Liebsten oder Sie selbst. Entdecken Sie den Freitag als kluge Geschenkidee und sichern Sie sich Ihre Wunschprämie.

Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
Schreiber 0 Leser 14
Avatar

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden
%sparen