Almosen der Macht

Zeitgeschichte 1918: Die Sozialistinnen Rosa Luxemburg und Clara Zetkin sahen in der Novemberrevolution kaum Chancen für einen radikalen Umbruch. Eine reformistische SPD war zu stark
Almosen der Macht
Clara Zetkin (l.) und Rosa Luxemburg auf einem SPD-Parteitag 1910

Foto: Itar-Tass/Imago

Das rasche Scheitern der Novemberrevolution hatte auch damit zu tun, dass sie sofort auf das Inferno eines Weltkrieges folgte. Der Sozialismus als Alternative für ein marodes System, dem als Soldaten auch die meisten Sozialdemokraten willig gedient hatten, blitzte nur kurz auf. Clara Zetkin und Rosa Luxemburg hatten zu den wenigen Kriegsgegnern gezählt und beurteilten die Chancen wie die Risiken eines Umbruchs wohl am klarsten. Während Luxemburg die Kriegszeit fast ausschließlich im Gefängnis zugebracht hatte, war es Zetkin als 1. Sekretärin der Fraueninternationale gelungen, diese auf Antikriegskurs zu halten. Welche enormen Leistungen hinter konspirativen Aktionen steckten, die sie auch mit Frauen der zu Feinden erklärten Länder organisierte, hat 2016 erst die vollständige Publikation ihrer Kriegsbriefe gezeigt.

Für Zetkin schälte sich anderthalb Monate vor Ausbruch der deutschen Revolution am 9. November 1918 die alles entscheidende Frage heraus: Würde sie in ein parlamentarisches oder ein Rätesystem münden? Im September 1918 schrieb sie an eine nichtöffentliche Konferenz der Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD), an der sie selbst nicht teilnehmen konnte: Die Auflösung der Konstituante in Russland müsse aus der Situation erklärt werden, dass sich die Bolschewiki „Auge in Auge mit einer gegebenen und nicht einer frei gewählten geschichtlichen Situation“ befunden hätten. Statt die sozialistische Transformation in Angriff zu nehmen, mussten sie „die imperialistische Hinterlassenschaft des Zarismus liquidieren, (...) die die Regierung Kerenski mit ihrer zwar wortschönen, aber grundsatzlosen tatfeigen Kriegspolitik“ fortsetzte. Somit sei im Rahmen der bürgerlichen Demokratie kein Ausbruch aus bürgerlicher Herrschaft, noch nicht einmal aus dem Krieg gelungen.

Sie bedaure, dass „die Menschewiki und rechten Sozialrevolutionäre als Gefangene ihres Schemas von der Berechtigung und Nichtberechtigung einer proletarischen Revolution aus Mitarbeitern der bürgerlichen Demokratie zu deren Gefangenen gewordenen sind“. Gewiss habe sich das Proletariat „des Parlamentarismus bis an die äußerste Grenze der Nutzbarmachung“ zu bedienen. Doch gäbe es auch Staatseinrichtungen, „die ein siegreiches Proletariat nicht einfach übernehmen und seinen eigenen Zwecken unterwerfen“ könne. Daher hätten die Bolschewiki in Russland mit den Sowjets Organisationen geschaffen, „die auf breitester demokratischer Basis beruhen, gesetzgebend, verwaltend und ausführend zugleich sind“. Das problematische Zusammenfallen von Judikative und Exekutive hielt Clara Zetkin für ein „Notgesetz, das nur für die Zeit Geltung haben soll, in der die Diktatur der Proletarier und Bauern besteht und bestehen muss“.

Auf die vorrevolutionäre Situation Deutschlands im Herbst 1918 blickend, schrieb sie: „Hoffentlich werden die proletarischen Massen lieber dort stehen, wo man sozialistisch handelnd fehlt, als da, wo das sozialistische Handeln fehlt.“ Sie sei „grundsätzlich gegen eine Einschränkung der Kritik an dem ‚Bolschewismus‘“, wende sich aber gegen Art und Inhalt der Kritik, wie sie von „Kautsky und anderen“ geübt werde. Unrealistisch erschien ihr eine „wohlvorbereitete, wohldisziplinierte friedliche Revolution durch parlamentarischen Mehrheitsbeschluss und nach dem Taktstock mustergültiger Organisationen (…)während über den Wolken Marx und Bismarck, Bebel und Freiherr von Stumm ... einander in die fleischlosen, seligen Geisterarme sinken“.

Am 17. November 1918 schrieb sie an die aus der Haft entlassene Rosa Luxemburg: „Das Proletariat errang die politische Macht, fast ohne ernstlich gekämpft zu haben.“ Stattdessen hätten die Arbeiter als Gladiatoren des Imperialismus Prügel vom Imperialismus der Entente bezogen. „Nach der proletarischen Demut und Selbstbesudelung der Kriegsjahre fürchtete die Bourgeoisie das ‚klassenbewusste‘ Proletariat der Scheidemänner nicht mehr. Man habe gern die billige Gelegenheit genutzt, „einer sozialdemokratischen Regierung die Liquidierung der Erbschaft des Weltkrieges an den Hals zu hängen. Indem aber proletarische Massen zu Trägern des Kampfes wurden, griff dieser über die Grenzen der politischen Demokratie, einer bürgerlichen Revolution, hinüber“. Man habe diese Grenzen überspringen müssen „angesichts der Fragen, die durch den Weltkrieg, den Bankrott des internationalen Imperialismus, den katastrophalen Zusammenbruch der bürgerlichen Welt aufgerollt wurden“.

Zetkin sah bereits die Gefahr der „Niederwerfung der Revolution“ unter dem Deckmantel der Demokratisierung: „Die konstituierende Nationalversammlung ist derdeckende Schild der bourgeoisen Gegenrevolution.“ Noch sei fraglich, „ob das Proletariat die Macht mit der Bourgeoisie teilen will“, ob es also auf die Macht verzichten oder um sie kämpfen werde. Es war bereits absehbar, dass sich der größte Teil des Proletariats unter Führung der SPD „mit Almosen der Macht begnügen“ würde.

Eine lückenhafte Zetkin-Rezeption in der DDR und die berühmte kritische Äußerung Luxemburgs zur russischen Revolution erweckten den Anschein, dass deren unmittelbare Lehren von beiden unterschiedlich beurteilt wurden, wobei Luxemburg fälschlich in die Nähe des SPD-Theoretikers Karl Kautsky geriet. Sie schrieb aber in einem Fragment über Krieg, nationale Frage und Revolution, dass der Bolschewismus das „Stichwort für den praktischen revolutionären Sozialismus, für alle Bestrebungen der Arbeiterklasse zur Machteroberung“ sei. „In diesem Aufreißen des sozialen Abgrunds im Schoße der bürgerlichen Gesellschaft, in dieser internationalen Vertiefung und Zuspitzung des Klassengegensatzes liegt das geschichtliche Verdienst des Bolschewismus, und in diesem Werk – wie immer in großen historischen Zusammenhängen – verschwinden wesenlos alle besonderen Fehler und Irrtümer des Bolschewismus.“

In ihrem Artikel Nationalversammlung oder Räteregierung empfahl Luxemburg im Dezember 1918 dem deutschen Proletariat, sich genauso wenig mit der Nationalversammlung zufriedenzugeben wie die Bolschewiki mit der Konstituante: „Entweder Nationalversammlung oder die ganze Macht den A.-u. S-Räten (Arbeiter- und Soldatenräten), entweder Verzicht auf den Sozialismus oder schärfster Klassenkampf im vollen Rüstzeug des Proletariats gegen die Bourgeoisie: Das ist das Dilemma.“ Auf „parlamentarischem Wege, durch einfachen Mehrheitsbeschluss den Sozialismus verwirklichen“ sei eine „himmelblaue Phantasie aus dem Wolkenkuckucksheim“, die „nicht einmal mit der geschichtlichen Erfahrung der bürgerlichen Revolution, geschweige mit der Eigenart der proletarischen Revolution rechnet“. In Frankreich habe das Bürgertum nach 1789 schnell die „kompakte Majorität“ gewonnen. Dann aber sei es zum Aufstand der Vendée gekommen, zur Emigration, zum Verrat der Generäle, zu den Intrigen des Klerus und den Koalitionskriegen des feudalen Europas.

Schließlich sei „das einzige Mittel, den Sieg der Revolution zu sichern, die Diktatur und als deren Abschluss die Schreckensherrschaft“ gewesen. „So wenig taugte die parlamentarische Majorität, um die bürgerlichen Revolutionen auszufechten!“ Rosa Luxemburg bekräftigt, das Proletariat müsse, als Klasse konstituiert, „die ganze politische Macht in seiner Hand sammeln“. Die „politische Gleichberechtigung“ werde „erst Fleisch, wo die wirtschaftliche Ausbeutung mit Stumpf und Stil ausgerottet ist“. Demokratie beginne erst, „wenn das arbeitende Volk die politische Macht ergreift“.

Luxemburg und Zetkin hatten immer mit dem Ende 1918 absehbaren Scheitern der Rätebewegung gerechnet. Auf dem Gründungskongress der KPD plädierte Luxemburg am 1. Januar 1919 – gegen die Mehrheit – für die Teilnahme an den Wahlen zur Nationalversammlung.

06:00 10.11.2018
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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