Auf dem Weg zur europäischen Leitkultur

Buchkritik Die Streitschrift des Kölner Publizisten Navid Kermani über „Deutschland und seine Muslime“ liest sich nett, bleibt aber leider im Appellativen stecken

Schön kann er sinnieren über seine Kindheit in einer religiösen und zugleich aufgeklärten Emigrantenfamilie aus dem Iran und über das wahrnehmbare, aber keineswegs dramatische 'Fremdsein' in dem gehobenen Mittelschichtenviertel in Siegen, wo er aufwuchs. Jetzt gehört der 1967 geborene Navid Kermani zu den Streitern für die multiple Identität, die Individuen, Gruppen und Gesellschaften der modernen Welt ohnehin hätten, zu der sie sich aber auch freimütig bekennen sollten. Allein – die Wirklichkeit, sie ist nicht so.

In seinem neuen Buch Wer ist wir?: Deutschland und seine Muslime" target="_blank">Wer ist Wir - Deutschland und seine Muslime schildert Kermani, dass sich in islamischen Ländern tiefverschleierte Mittelklasse-Frauen mit größter Selbstverständlichkeit in hochmodernen Shopping-Malls bewegen. Gleichzeitig können aber ihre Söhne Attentate gegen den Westen aushecken.

In Kermanis geliebtem Köln branden die verschiedensten Kulturen fröhlich aufeinander – darunter vor allem auch orientalische. Die meisten Alteingesessenen behaupten zwar, nichts gegen Fremde(s) zu haben und doch – so beobachtet Kermani – nimmt die Zahl derjenigen zu, die zugleich versuchen, sich eine kulturell definierte Insel des 'Eigenen' zu schaffen.

Bei den Deutschen, findet Kermani, halte sich das zumeist im richtigen Rahmen. Multikulturalität funktioniere da am besten, wenn jeder zugleich kulturell Flagge zeigt, ohne sich dabei feindlich abzugrenzen. So bewundert Kermani streckenweise die öffentlichen Diskussionen um den Kölner Moscheenbau, in denen viele „Ureinwohner“ der Stadt nicht die Berechtigung des Baus an sich, sondern nur seine Dimensionen in Frage stellten.

Feindbild Islam

Kermani sieht, dass Muslime in Deutschland tatsächlich oft diskriminiert werden. Trotzdem sollten sie seiner Meinung nach „gelegentlich einmal die Vorzüge unserer westeuropäischen Gesellschaften anerkennen. Ja, es gibt ein Feindbild Islam. Aber die Muslime sollte es mehr beunruhigen, dass es einen Islam gibt, der sich als Feind gebärdet.“

Wenn man einander im interkulturellen Zusammenleben Kompromisse zugestehe, könnten alle nur gewinnen, meint Kermani zu Recht. Diese Linie werde aber nicht nur durch den pauschal gegen den Westen agierenden islamistischen Fundamentalismus in Frage gestellt, sondern auch von einer Reihe prominenter Publizisten, die vorgeben, im Namen der westlichen Demokratie zu fechten. Dazu zählt Kermani Autoren wie Ayaan Ali Hirsi, Leon de Winter, Henryk M. Broder, Ralph Giordano, Neçla Kelek und immer wieder auch Kirchenvertreter.

Sie hätten zwar auf Mißstände aufmerksam gemacht, „die von der Wissenschaft und der Politik oft ignoriert wurden.“ Ihre politischen Forderungen aber könnten „unsere liberale Gesellschaftsordnung zugrunde richten.“

Es wäre schön, wenn Kermani, immerhin ja habilitierter Orientalist, sowohl bei den angesprochenen Missständen als auch bei den Forderungen konkreter geworden wäre. Aber sein feuilletonistisches Schreiben bricht die Analyse oft ab, wenn sie genauer werden müsste. Vermutlich meint er Richtiges, denn dreißig Seiten weiter, auf denen es um andere Fragen geht, kommt er dann doch mal mit eindeutigen Worten auf den Fall Kurnaz zu sprechen, den Fall des in Bremen aufgewachsenen Türken, der viereinhalb jahre im US-Gefangenenlager Guantánamo saß.

Großartige Islamkonferenz

Hier habe sich der deutsche Staat von der antiislamischen Scharfmacherei vereinnahmen lassen und auf voller Linie versagt. Aus Sicherheitserwägungen, aber ohne jeden stichhaltigen Beweis habe er das Gleichbehandlungsgebot und die Fürsorgepflicht gegenüber einem seiner Bürger gröblich missachtet und damit die eigene Ordnung in Frage gestellt.

Aus Kermanis Sicht sind solche Entgleisungen selten. Mit den meisten Maßnahmen der Bundesregierung, die die Immigranten betreffen, ist er sehr zufrieden. Obwohl er Sympathien für das Modell des französischen Laizismus durchblicken lässt, findet er die deutsche Islamkonferenz, an der er selber teilnimmt, „großartig“.

Er stimmt ein in den großen Chor derjenigen, die über den Zusammenbruch des Ostblocks immer noch erleichtert sind und sieht – allzu optimistisch – eine „europäische Leitkultur“ entstehen, die „anders als die Religionen mit ihrem notwendigen Anspruch auf Allgemeingültigkeit – auf der Partikularität beruht“.

Dass ein Großteil der Probleme zwischen Islam und Christenheit soziale und ökonomische Ursachen haben, lässt Kermani hin und wieder durchschimmern, aber in die Tiefe geht er bei diesem Problemkreis nicht. So hält er sich ziemlich lange dabei auf, den Fundamentalismus für eine Ideologie der Mittelschichten zu halten, obwohl sich gerade in seiner Person bestätigt, dass auch die Aufklärung sowohl in islamischen Ländern als auch unter islamischen Immigranten im Westen vor allem durch Menschen aus den Mittelschichten vorangetrieben wird.

Kermani weiß oder will nichts wissen von den Finanzströmen, die aus der arabischen Halbinsel, aber auch aus dem Iran weltweit fließen, um islamistische Netzwerke aufzubauen. Dass gerade die Mittelschichten von diesen Geldern nur profitieren, wenn sie sich einer – oft als scheinheilig erkennbaren – fundamentalistischen Lebensweise befleißigen, dürfte diese besser erklären als die Behauptung, dass dahinter vor allem Globalisierungsängste und Identitätssuche steckten.

Auf Deutsch schreiben

Mangels analytischen Tiefgangs bleibt Kermani eigentlich immer wieder im Appell zur gegenseitigen Toleranz stecken. Die politische und selbst die kulturelle Ebene eines Problems werden meist nur im Anriss oder gar nicht diskutiert. Deshalb bringt er es auch fertig, ohne jede Erklärung Deutschland aufzufordern, „seinen Lehrerinnen“ zu erlauben, „das Kopftuch zu tragen“.
Störend ist auch Kermanis ständige Koketterie mit den eigenen Stärken und Schwächen. Der Wissenschaftler mag es nicht, wissenschaftliche Texte auf Englisch zu verfassen. Er kenne „keinen Wissenschaftler, der so halsstarrig wie ich darauf beharrt, Deutsch zu schreiben. Die geschriebene deutsche Sprache ist meine Heimat; nur sie atme ich, nur in ihr kann ich sagen, was ich zu sagen habe.“

Das gelte aber nur für die geschriebene Sprache. Zu seinen Kindern spreche er nur persisch. „Mit der gesprochenen deutschen Sprache verbinde ich nicht Gefühle der Vertrautheit, Wärme, Geborgenheit, ich spreche Deutsch auch viel zu schnell. Ich fühle mich nicht wohl darin.“

So nett das alles klingt, es reicht nicht aus, holzschnittartige Vorurteile gegen den Islam zu widerlegen, indem man immer nur sich selbst als Beispiel darbietet. Zwar spricht hier ein sympathischer, weltoffener Muslim zu uns, aber die von dem Buchtitel Wer sind wir geweckten Erwartungen bleiben unerfüllt.

Obwohl der Autor entschieden gegen den Essentialismus Stellung bezieht, finden sich in seinem Buch – außer über seine eigene Person – keine soziologische Betrachtungen, Daten, Interviews mit oder über Muslime in Deutschland. Der Autor schwimmt also im Fahrwasser der allgemeinen Feuilletonisierung von Literatur und Wissenschaft. Umgekehrt wäre es besser. Dass dem bereits vielfach Geehrten kürzlich höhere Weihen wie der Hessische Kulturpreis auf infame Weise vorenthalten wurden, war sicher nur ein kleiner Stolperstein auf dem Weg in eine glänzende publizistische Zukunft.

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11:45 24.08.2009
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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Ausgabe 27/2020

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