Aushalten von Fremdheit

Komplexe Übergänge Eine Studie über den hohen Preis des interkulturellen Verstehens

Es ist selbstverständlich weder möglich noch notwendig, daß derselbe Mensch alle Gesellschaften, von denen er spricht, aus Erfahrung kennt. Es genügt, daß er überhaupt einmal und lange genug gelernt hat, sich von einer anderen Kultur belehren zu lassen; denn von da ab verfügt er über ein neues Erkenntnisorgan, er hat von neuem Besitz ergriffen von der wilden Region seiner selbst, die nicht in seiner eigenen Kultur eingeschlossen ist und über die er mit den anderen Kulturen in Verbindung steht. Fortan kann er selbst, an seinem Arbeitstisch und selbst aus weiter Ferne die Korrelationen einer noch so objektiven Analyse anhand einer wahrhaften Wahrnehmung überprüfen.« Nach dieser zweifellos richtigen Maxime Maurice Merlau-Pontys müßten Lehrer, die Schulklassen mit ausländischen Kindern vorstehen, einen Teil ihres Lebens oder der Ausbildung in fremdkulturellen Gefilden absolvieren. Da dies nicht verallgemeinerbar ist, kann es Lehrern von Nutzen sein, wenn eine Kollegin, die dieses besondere Engagement entwickelt hat, ihre Erfahrungen wissenschaftlich präsentiert.

Daß ein Blick in den Koran - oder die Kenntnis essentialistischer Vorstellungen über islamische Kulturen nicht ausreicht, um Kinder aus dieser Welt in Deutschland pädagogisch angemessen zu betreuen, fiel Hiltrud Schröter nicht erst auf, als sie mit einer Spezialklasse für Kinder aus den verschiedensten Ländern konfrontiert war. Selbst marokkanische Kinder waren sich untereinander fremd, wenn sie aus berberophonen und arabophonen Gebieten kamen. Es war die ihr auffallende Selbständigkeit und die oft, aber nicht immer damit einhergehende scheinbare Unterwerfung unter familiäre Werte bei marokkanischen Berbermädchen, die Schröter veranlaßte, deren Kultur nicht nur zu erforschen, sondern die entsprechenden Gebiete auch zu bereisen. Seit 1988 bekam sie an der Universität Frankfurt/Main die Möglichkeit, ihre Forschungen wissenschaftlich weiterzuführen. Ihre Prinzipien: Erstens: Durch wirkliches Einlassen auf die andere Kultur wird die eigene als begrenzt erfahren. Zweitens: Das macht freier in der Wahrnehmung der anderen Kultur: deren Fremdheiten kann als gewachsene und damit zumindest zum Teil notwendige Form komplexer Lebenszusammenhänge gedeutet werden. Drittens: Kulturen sind im ständigen Wandel begriffen, zudem leben immigrierte Kinder sowohl in ihrer alten und in einer neuen Kultur. Gerade die Komplexität dieser Übergänge ist zu beachten, um jene besonders gegen Mädchen mögliche Gewalt zu minimieren, die in kulturellem Umbruch viel leichter ausbricht als im Rahmen festgefügter Ordnungen. »Das Wissen über fremde Kulturen muß ergänzt werden durch ein Wissen über Verhalten in Umbruchphasen und Transformationsprozessen.«

Den ersten Punkt ist Schröter unter anderem im Selbstversuch in Marokko angegangen. Sie hat die schamlosen Blicke ganz normaler Männer ertragen, denen sie unweigerlich an Orten ausgesetzt war, in denen keine soziale Kontrolle durch die Dorfgemeinschaften existierte. In Abarbeitung des zweiten Punktes konnte sie mittels ihres Wissens erfassen, daß dies tatsächlich ein ganz normales Verhalten in Gesellschaften ist (in anderen, auch europäisch-mittelmeerischen Regionen durchaus ebenfalls noch anzutreffen), in denen der patriarchale Frauentausch und der Ausschluß der tauschfähigen Frauen aus der Sphäre selbstbestimmter Sexualität noch vorherrschend ist. Statt skandalisiert zu reagieren, begriff Schröter, daß es in den betreffenden Gebieten einfach für die Männer (noch) nicht nötig ist, das sich im Westen und natürlich auch in Teilen der islamischen Welt immer mehr durchsetzende (aber eben durchaus nicht ›natürliche‹)-Prinzip männlicher Selbstdisziplinierung der Triebpotentiale zu entwickeln. Wird die fremde Kultur dermaßen objektiviert und die eigene damit relativiert, verwundert nicht, daß Schröter bei marokkanischen Berberfrauen sehr unterschiedliche Reaktionen auf die Konsequenzen der noch bestehenden Praxis des Frauentausches vorgefunden hat: sie reichen von unbewußter Akzeptanz bis zu verschiedenen Formen des Leidens und des Widerstands. In der Emigration trifft das fremde Wertesystem auf das deutsche. Die Konsequenzen, die nach außen nicht immer sichtbar werden, sind oft dramatisch.

Die Fallstudie einer als Kind nach Deutschland gekommenen Berberin, die erfolgreich die Schule abgeschlossen und ein ebenso erfolgreiches Berufsleben hat, wodurch sie in den Augen der Mutter den gestorbenen ›Vater ersetzt‹, offenbart, daß die junge Frau ihre scheinbar perfekte Entwicklung in Deutschland - freiwillig - mit Verzicht auf Sexualität bezahlt, weil sie die mütterliche Toleranz nicht überfordern will. Lehrern, die für ausländische Kinder oft viel mehr als ›Lehrer‹ bedeuten, nämlich Repräsentanten der anderen Kultur, wobei sie teilweise Funktionen ausfüllen, die normalerweise Eltern zukommen und zudem oft sehr rasche, auch spontane Entscheidungen treffen müssen, rät Schröter, den Normenbruch, den Mädchen aus islamischen Kulturen oft wünschen und auch ansatzweise versuchen, nur dann zu unterstützen, wenn er energisch von den Mädchen selbst ausgeht. Zur Warnung zitiert sie ein entsetzliches Beispiel: Die aus der Türkei stammende fünfzehnjährige Eilif mußte täglich im Schwimmbad mitansehen, wie ihre Brüder und ihre kleine Schwester badeten. Sie bekam von einer italienischen Freundin einen Badeanzug geliehen und stieg selbst ins Bassin. Am Tag später kam sie mit offensichtlichen Prügelspuren in die Schule, hatte aber Angst zuzugeben, daß sie zu Hause geschlagen worden war.

Schröter rät also eher zu behutsamem Umgang mit der fremden Kultur: »Wenn auch ein Minimum an Verständigung immer möglich ist, so bewahrt doch nur Wissen - zumindest über fremdkulturelle Gerechtigkeitsentwürfe in Verbindung mit kulturspezifische Regelung der Sexualität - vor Fehleinschätzung und unangemessenem Handeln, wie es im Fall Eilif passiert ist. Das war ein Fehler, aus dem zwar die Beteiligten viel gelernt haben, das junge Mädchen aber mußte allein ungeschützt die Folgen tragen.«

Die aus Wissen erwachsene Behutsamkeit soll zugleich nicht verleiten, alles zu akzeptieren, was die fremde Kultur ausmacht. Schröter erinnert daran, daß die islamischen Gesellschaften durchaus in der Lage waren, Kulturmerkmale wie Blutrache und Sklaverei zu überwinden und daß es deshalb nicht unrealistisch ist, heute die Abschaffung des Frauentauschs und seiner Konsequenzen zu unterstützen. Aber oberste Leitlinie sollte die sichere Vermeidung von Gewaltgefahren sein.

Hiltrud Schröter: Arabesken. Studien zum interkulturellen Verstehen im deutsch-marokkanischen Kontext. Peter Lang-Verlag, Frankfurt am Main 1997, 278 Seiten, 81,50 DM

02:00 16.04.1999
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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