Beherzt im Harz

Interview Barbara Ehrt ist Autorin, Malerin, Stadtführerin und Aktivistin. In der uralten Bergbauregion hat sie sich als Heimatdichterin einen Namen gemacht
Beherzt im Harz
„Die Mitschüler nannten mich rote Ostzone“
Foto: Frank Schinski für der Freitag

Im schönen Harz, im beschaulichen Goslar wohnt diese interessante Frau. Sie schreibt dort so etwas wie „linke Heimatliteratur“ und ist damit nicht ganz erfolglos: Barbara Ehrt. Sie hat eigentlich in Berlin Malerei studiert, wohin sie als sehr jugendliche 68erin ausgebüchst war, sie lebte lange Jahre in den Niederlanden und hat schließlich in Goslar als Sozialarbeiterin für Flüchtlinge gearbeitet. Vor über zehn Jahren fing Ehrt an, über die Geschichte der Bergarbeiterfrauen im Harz zu forschen. Daraus entstand zuerst eine kleine Publikation. Später wurden es dann profund recherchierte (Historien-)Romane. Ihre Heimat, der Harz, ist eine Herzensangelegenheit. Ehrt war die Tochter eines der wenigen „Millionäre“ in der DDR. Sie flüchtete mit der Mutter in den Westen, ein lebenslanges Trauma.

der Freitag: Frau Ehrt – man könnte Sie eine linke Heimatautorin nennen, oder?

Barbara Ehrt: Die Harzer Heimatliteratur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war schwülstig. Man schwärmte für krude, altgermanische Bräuche, den untertänigen, braven Bergmann. In der DDR wurde das damals teilweise aufgearbeitet. Im Ost- und Westharz tummeln sich aber noch heute gleichermaßen braune Aktivisten. Diese Volkstümelei vermeide ich bewusst, ich arbeite dennoch Harzer Kultur in meine Bücher ein.

Sie sind im DDR-Teil des Harzes als Tochter eines Sägewerkbesitzers geboren. Wie war Ihre Kindheit in Elbingerode?

Über die Geburt einer Tochter war mein Vater so enttäuscht, dass er Mutter und Kind drei Tage lang einfach ignorierte. Nur allmählich fand er sich mit dem Fehlen eines Firmenerben ab. Ich war eine begabte Schülerin und er konnte mit mir angeben. Die knapp neun Jahre in der DDR waren die schönsten meines Lebens. Und das, obwohl mittelständische Unternehmer in den 1950er Jahren schwere Zeiten durchmachten. Viele Besitzer solcher Betriebe haben den Suizid der Verstaatlichung vorgezogen. Mein Vater war ein vitaler Kämpfer, er liebte seine Arbeit über alles und saß alle Probleme aus. Gelitten hat vor allem meine Mutter, die die Versorgungslücken mit harter körperlicher Arbeit ausgleichen musste, um uns sattzukriegen. Später hat die DDR-Politik den Mittelstand wieder gefördert, und mein Vater hat dann bestens verdient. Sein Betrieb ging erst nach der Wende ein.

Wie kamen Sie nach Goslar? Was sind Ihre Erinnerungen?

Kurz vor dem Mauerbau, im Juli 1961, versuchte meine Tante die Eltern zu überzeugen, dass wir „abhauen“. Mein Vater wollte aber seinen Betrieb nicht aufgeben, meine Mutter war krank, sie wollte zu ihren Eltern in den Westharz. Wir versteckten uns im VW-Käfer der Tante. Wäre ich ein Junge gewesen, hätte mein Vater niemals sein Einverständnis gegeben, und dann wäre meine Mutter auch geblieben. Weil sie als Republikflüchtling schuldig geschieden wurde, bekam mein Vater das Sorgerecht für mich. Darum durfte ich ihn bis zur Volljährigkeit nicht besuchen. Als ich ihn und meine DDR-Verwandten das erste Mal wiedersah, hatten wir uns entfremdet.

Wie und wo wurden Sie antifaschistisch, links, feministisch?

Ich glaube, das starke Empfinden für Ausgrenzung und Anderssein entstand durch die unfreiwillige Flucht. Die Mitschüler hänselten mich als „rote Ostzone“. Erst Jahre später, als Austauschschülerin in England, habe ich das erste Mal wegen des totalen Verlusts meines Lebensumfelds geheult. Zu Hause wurde geschwiegen. Ich erlitt damals ein Trauma, das mich bis heute belastet. Ob ich deshalb an meinem 17. Geburtstag die Schule geschmissen habe, um nach Westberlin zu „flüchten“? In dieser Enklave, im Hoheitsgebiet der DDR, konnte ich meinem Vater näherkommen, bei dem ich mich als Kind so geborgen gefühlt hatte. Westberlin war damals Schmelztiegel sämtlicher Aufbruchsbewegungen der 68er-Ära. Aber ich war viel zu jung und wäre in dem Sumpf fast untergegangen. Immerhin hatten die nächtelangen Grundsatzdiskussionen eine starke Wirkung auf mich und haben mich im kritischen, analytischen Denken geschult. Mein Interesse für Schicksale alleinstehender Frauen wurde durch das Leben meiner Mutter und natürlich mein eigenes geprägt.

Und Ihr Engagement für jüdische Schicksale?

Mein Engagement für das Judentum entstand mit der Serie Holocaust von 1979. Inzwischen hatte ich Berlin fluchtartig wieder verlassen und in Kassel mein Kunststudium mit Ach und Krach abgeschlossen. Als Diplom-Pädagogin auf Stellensuche hab ich mich in einen Israeli verknallt. Dann folgte die dritte „Flucht“. Ich wollte gerne jüdisches Leben kennenlernen und bin dem Israeli nach Amsterdam gefolgt. Dort habe ich dann mehrere Jahre im sozialen Bereich gearbeitet.

Manchmal wird es sogar kitschig: die Autorin zu Hause in Goslar
Foto: Frank Schinski für der Freitag

Und warum sind Sie in den Harz zurückgekehrt?

Als die Beziehung auseinanderging, blieb ich noch eine Weile, aber mir fehlten die Berge, und ich kehrte nach Goslar zurück. Und immer, wenn ich wieder wegwollte, ergab sich eine interessante Möglichkeit wie zum Beispiel die Arbeit mit Geflüchteten bei der Arbeiterwohlfahrt, und ich blieb.

Was haben Sie da gemacht?

Von 1993 bis 2000 bin ich in der Arbeit für eine Beratungsstelle völlig aufgegangen. Damals habe ich viel auf die Beine gestellt, zum Beispiel eine Gruppe für binationale Paare. Ich war bei Wohnungs- und Arbeitssuche behilflich, ich bin in Abschiebeknäste gefahren, habe Gerichtsprozesse begleitet, es war eine 60-Stunden-Woche. Die Arbeit entsprach den humanitären Werten, die ich mir als Kind in der DDR, als Jugendliche während der Hippiezeit in Berlin, als Linke und später als Christin angeeignet habe. Leider zog die AWO nach vielen Jahren einen knallharten Schlussstrich unter das Projekt. Ich gewann zwei Arbeitsprozesse. Auch der Öffentlichkeit missfiel das Taktieren des Kreisverbands. Es gab zahllose Zeitungsberichte über das Ende der Beratungsstelle.

Was sagen Sie zur heutigen Flüchtlingsfrage?

Ich fürchte, von den Solidaritätsbekundungen bleibt am Ende nicht viel übrig. Ich finde, Flüchtlinge, besonders Frauen und Mädchen, sollten ihren Aufenthalt nutzen können, um Qualifikationen zu erwerben, Fähigkeiten, die überall gefragt sind, in medizinischen und technischen Bereichen. Leider leben Migranten ohne dauerhaften Aufenthaltsstatus viele Jahre im Leerlauf, bis sie abgeschoben werden.

Wie haben Sie sich neu orientiert, nachdem Sie Ihre Arbeit für Geflüchtete verloren hatten?

Ich habe mich als Künstlerin neu erfunden, habe gemalt, Bilder verkauft, eine Galerie eröffnet, Künstler wie Gesine Storck und Otto Schmidt nach Goslar geholt. 2009 fing ich an zu schreiben. Auch einen Kultursalon habe ich gegründet, was im provinziellen Goslar nicht sonderlich erfolgreich war, aber es gibt ihn noch. Ich organisiere Veranstaltungen mit Referenten zum Thema Harz, Bergbau, Altlasten, Kultur, Kräuterwanderungen, politisches Kabarett, es gibt in diesem Jahr eine montanhistorisch- literarische Wanderung ins Elbingeröder Bergbaugebiet.

Ein Bergmannslied

Barba Ehrt steht in einer langen Tradition: Goethe, Novalis und viele mehr haben dem Bergbau in ihren Dichtungen und Liedern ein Denkmal gesetzt. Die Geschichte des Harzer Bergbaus ist mehr als 3.000 Jahre alt. Zwar wurde bereits 968 am Rammelsberg bei Goslar Silber gewonnen, doch erst später erlebten Silberabbau, Eisenerzgewinnung, Verhüttung und Verarbeitung bis zum Ende des 18. Jahrhunderts einen Boom. Das hatte Folgen für die Umwelt, die Flusslandschaften des Harzvorlands sind bis heute mit Schwermetallen belastet. Um 1900 wurden schon Schachtteufen von 1.000 Metern erreicht.

Das machte die Förderung immer aufwendiger, gleichzeitig zeigte die Globalisierung schon eine Fratze, die Bergbaubranche musste mit dem In- und Ausland konkurrieren. Es folgten Raubbau während des Ersten Weltkriegs und sehr niedrige Metallpreise mitten in der Weltwirtschaftskrise, es kam zu einer Stilllegungswelle der großen Bergwerke im Harz. Staatsräson und Planwirtschaft: Eine Renaissance erlebte der Bergbau nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der Zeit der DDR. Der Bergbau inspirierte Wissenschaft und Technik. Alfred Nobel experimentierte im Harz mit Dynamit. In Clausthal wurde 1834 das Drahtseil erfunden. Der Erfinder der Dampfmaschine, James Watt, besuchte den Harz. 1988, nach über 1.000 Jahren, wurde die Erzförderung im Rammelsberg eingestellt.

Seit 1992 gehört Rammelsberg zusammen mit Goslar zum UNESCO-Weltkulturerbe. Dunkel, heiß, dreckig, aber auch frei, gerecht, kameradschaftlich, so soll es unter Tage zugegangen sein. Ein alter Spruch lautet: „Vor der Hacke ist es dunkel. Vielleicht kommt da nur taubes Gestein, vielleicht aber wieder etwas glänzend Wertvolles.“

Ihre erste Publikation war die Broschüre „Eine kleine Geschichte des Harzes“, man liest sie wie eine Wirtschaftsgeschichte.

Mich interessieren die harten Lebens- und Arbeitsbedingungen der einfachen Leute. Mir fiel auf, dass sich seit Jahrhunderten tonnenweise Literatur zum Harz angesammelt hat, mit umschweifigen, oft positivistischen Beschreibungen. Ich war aber auch auf interessante sozialhistorische Texte aus dem 18. und 19. Jahrhundert gestoßen, wobei ich der Geschichte meiner Vorfahren näherkam. Ich wollte nun die Harz-Geschichte bewusst kurz und nüchtern zusammenfassen: Im Harz war ein patriarchalisches Industriegebiet entstanden, in dem zum Nutzen der Bergherren eine Art Auslese der Tüchtigsten stattfand. Dabei waren die Leidtragenden nicht nur lohnabhängige Männer. Im Bergbau waren Frauen tabu, aber sie waren für das Überleben der ganzen Sippe verantwortlich, für Kinder, Eltern, Groß- und Urgroßeltern. Sie schleppten zentnerschwere Tragekiepen auf dem Rücken über den Harz, nur sie konnten zu Fuß im tiefen Schnee die Bergbevölkerung mit Nahrungsmitteln versorgen. Manche Frauen waren hochschwanger, und manchmal kehrten sie ohne Lohn zu ihren hungrigen Kindern zurück.

Sie schreiben historische Romane über Frauen aus dem Harz. Es geht märchenhaft zu, manchmal wird es sogar kitschig, aber es folgen stets plötzliche Übergänge zu hartem Realismus.

Harz-Geschichte ist faszinierend, ich musste einfach weiterschreiben: mittelalterliche Erzählungen, Harz-Krimis, jetzt ein E-Book mit Kurzgeschichten. In den historischen Romanen liegt mein besonderes Augenmerk auf Themen wie Kindsmord, Vergewaltigung und auch Prostitution in der frühen Neuzeit. Für Amanda und der Venezianer fuhr ich nach Venedig, um die Verbindung der spätmittelalterlichen Mangansuche im Harz für die venezianische Glasindustrie besser zu verstehen. In die realen Hintergründe habe ich eine fantastische Handlung gewoben, in der etwa Jakob Fugger in Goslar einen Mord begeht. Das kreative Schaffen der Glasbläser aus Murano steht den Machenschaften eines Goldmachers am Hof von Wolfenbüttel gegenüber. Und wieder beschreibe ich Frauenschicksale. Bei aller Liebe zur gründlichen Recherche, die mich vor und beim Schreiben beseelt, will ich auch unterhalten, das bringt gelegentlich Entgleisungen ins Kitschige mit sich.

Wenn Sie nicht reisen, wo sonst finden Sie Ihr Material?

Ich habe mir als zertifizierte Stadtführerin eine umfangreiche Recherchesammlung von historischen Texten zugelegt, ich nutze die Bibliothek der Universität Clausthal-Zellerfeld und die Bestände des dortigen Oberbergamts, das hiesige Stadtarchiv, Bibliotheken vor Ort, Landesarchive und Auskünfte von Zeitgenossen. Für einen kunsthistorischen Aufsatz habe ich zahlreiche Dissertationen und Abbildungen im Internet als Quellen zitieren können, ohne nach Wien oder Salzburg reisen zu müssen. Das ist toll.

An welches Publikum denken Sie beim Schreiben? Wie bewerben und vertreiben Sie Ihre Bücher?

Vielleicht ist es ein Fehler, an kein bestimmtes Publikum zu denken. Ich schreibe, weil mich ein Thema, ein Ereignis anspricht. Das unabhängige, freie Schreiben ist sehr reizvoll. Dagegen sind Werbung und Vermarktung echte Probleme. Bei meinem Einsatz an den verschiedensten Fronten bin ich oft überfordert. Bisher konnte ich mich nicht entschließen, mir einen „richtigen“ Verlag zu suchen. Der Buchmarkt ist ein knallhartes Geschäft, und ich mag die Vermarktungsrechte meiner Bücher einfach nicht leichtfertig vergeben. Meine Bücher bleiben vorerst in der Region. Ich veröffentliche bei einem kleinen regionalen Verlag, der sich vom Copyshop über die Großdruckerei zum Verlag gemausert hat. Er vertreibt jetzt umfangreiche Bestände an Harz- Literatur. Der Krimi, den ich gerade schreibe, spielt im Harz und während des Kriegs in der Normandie, ein ziemlich schwieriger Bogen, der aber spannend und stimmig gespannt sein will.

Info

Amanda und der Venezianer Barbara Ehrt Papierflieger-Verlag 2015

06:00 15.02.2017
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
Schreiber 0 Leser 13
Avatar

Kommentare