Beim Barte des Propheten!

Der Fall Nuhr Auch wenn man gerade nicht den Eindruck gewinnt: Der Humor in der islamischen Welt lebt
Sabine Kebir | Ausgabe 44/2014 179
Beim Barte des Propheten!
Dieter Nuhr beim 18. Deutschen Comedypreis

Foto: Andreas Rentz / Getty Images

Mohammed soll über Späße gelacht haben, bis man die Weisheitszähne des Propheten sah, aber er untersagte Witze, die mit „Lügen“ arbeiten, um Dritten zu schaden. Damit sind natürlich die Verbote von Satire leicht zu begründen. Seit Chomeini Salman Rushdie zum Tode verurteilte, der sich ein Bordell in Mekka ausgedacht hatte, in dem sich Huren zu Werbezwecken die Namen der Prophetengattinnen zulegten, gelten Muslime als humorlos; die Anzeige gegen den Kabarettisten Dieter Nuhr wegen religiöser Beleidigung hat das offenkundig aufs Neue gezeigt. Das trifft aber nur auf Islamisten zu, die – wie Fundamentalisten aller Religionen – keinen Spaß verstehen. Von 1001 Nacht bis Nagib Mahfuz ist die Literatur islamischer Kulturen voller Humor. Auch die Volkskultur kennt viele Gestalten, die unseren Schildbürgern oder Till Eulenspiegel ähneln.

Und dass man hierzulande den aktuellen politischen Humor von Muslimen ignoriert, liegt daran, dass sich weder ein Filmverleih noch ARD oder ZDF je entschlossen, die Filme des ägyptischen Starkomikers Adel Imam zu zeigen. 1992 sah ich inmitten eines begeisterten Publikums in Kairo den Film Der Terrorist. Imam spielte einen verfolgten militanten Islamisten, der sich zur Tarnung in einer modernen Familie versteckt, mit deren Lebensart er in komische Konflikte gerät, aber mehr und mehr davon angesteckt wird. Imam hat immer wieder Islamisten, korrupte Beamte und Politiker satirisch aufs Korn genommen, was den „Diktator“ Mubarak nicht störte. Aber 2012, während der Regierungszeit der Muslimbrüder, wurden Imam eine Geldstrafe und drei Monate Gefängnis wegen „Beleidigung des Islam“ aufgebrummt. Dies löste einen Sturm der Solidarität in der ägyptischen Kulturwelt aus. Das dortige Publikum darf sich wieder auf die Fortsetzung von Imams Humoresken freuen. Dass wir Filme mit politischem Humor aus der islamischen Welt nicht zu sehen bekommen, hängt mit der Rücksichtnahme gegenüber den hier lebenden Muslimen zusammen, auch mit fragwürdigen außenpolitischen Rücksichten. Mein algerischer Mann Saddek el Kebir suchte vergeblich nach deutschen Geldgebern für ein satirisches Filmszenarium, in dem es um galante Berliner Abenteuer zweier Gattinnen eines Golfprinzen ging, der sich samt Harem auf Staatsbesuch in Deutschland befand. Erfolgreich, aber nur im Selbstverlag druckbar war 2002 unser gemeinsamer Roman Zwei Sultane, der die islamischen Diktaturen persiflierte.

Schon während des bis 1988 bestehenden Einparteiensystems hat der algerische Karikaturist Slim oft die Frauenfeindlichkeit langbärtiger Islamisten angeprangert. Die politische Satire ist seitdem weiter aufgeblüht, wenn sie sich auch nicht zügellos entfalten kann. Die Zeitung El Watan musste 2005 eine seit Wochen laufende Kolumne über eine „Aziza“ stoppen, hinter der die Anspielung auf vermutete Homosexualität des unverheirateten Präsidenten Abd al-Aziz Bouteflika erkennbar war. Aber damals ließ auch Gerhard Schröder nicht zu, über die private Frage zu schmunzeln, ob er sich die Haare färbe.

Trotz Rückschlägen blieb Bouteflika Objekt von Karikaturen. El Watan berichtete im Juni, dass an der Universität von Tizi Ouzou in der Kabylei eine Masterarbeit entsteht, die die „Darstellung der Krankheit des Präsidenten in Karikaturen der nationalen Presse“ untersucht. Zum Ärger vieler Algerier hat Bouteflika – obwohl schwer geh- und sprechbehindert – per Verfassungsänderung im April 2014 ein viertes Mandat angetreten.

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06:00 30.10.2014
Geschrieben von

Sabine Kebir

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