Bis zum letzten Mann?

Türkei / Russland Das NATO-Großmanöver „Defender“ wurde abgesagt. Wie geht es weiter in Syrien?
Bis zum letzten Mann?
Protestierende stoppen einen Panzer auf der Autobahn M4, die Aleppo und Latakia verbindet

Foto: Aaref Watad/AFP/Getty Images

Dass die Türkei und Russland in der syrischen Provinz Idlib gemeinsam Patrouillen fahren, erstaunt die Gemüter. Handelt es sich bei der Türkei nicht um ein NATO-Mitglied? Musste sie als solches nicht eingebunden sein in das klar gegen Russland gerichtete Großmanöver „Defender“? Nein, an dieser Übung, die wegen des Coronavirus abgebrochen wurde, nahm die Türkei nicht teil. Womöglich wegen der in Syrien notwendigen Abstimmungen mit Russland war das Manöver von vornherein auf die USA und andere NATO-Alliierte beschränkt.

Als deren Partner kann Präsident Erdoğan zurzeit kaum bezeichnet werden. Die NATO hat ihm das zu verstehen gegeben, indem sie den Erwerb von Patriot-Luftabwehrraketen zum Einsatz gegen die syrische Armee nur genehmigen wollte, hätte er darauf verzichtet, das von Russland erworbene System der S-400-Raketen zu installieren. Die NATO macht kein Hehl daraus, dass sich die Türkei selbst darum kümmern muss, die negativen Folgen zu minimieren, die ihr aus dem jetzt weitgehend vorhersehbaren Ergebnis des Syrienkriegs erwachsen.

Dass russisch-türkische Einheiten längs der vierspurigen Autobahn M4, die Aleppo und Latakia verbindet, patrouillieren, war eigentlich schon seit Oktober 2019 geplant. Nur regte sich dagegen Widerstand bei den Teilen der Zivilbevölkerung, die sich von der türkischen Armee und den mit ihr abziehenden Dschihadisten im Stich gelassen fühlten. Die Patrouillen wurden mit Steinen beworfen und fuhren an Plakaten vorbei, auf denen stand „Die Türkei ist schuld“. In dieser Lage kam es zu weiteren Vorstößen der syrischen Armee, gegen die weder die Dschihadisten noch die in der Provinz Idlib stehenden türkischen Verbände etwas ausrichten konnten. Russland kontrollierte den Luftraum. Das gab den Ausschlag. Bekanntlich spielte Recep Tayyip Erdoğan daraufhin – um auf europäische Verantwortung zu verweisen – die Flüchtlingskarte. Sie stach nur gegen Griechenland.

Dass der durch russische Aufklärung und Bombardements unterstützte Vormarsch der syrischen Regierungsarmee eine furchtbare Prüfung für die ansässige wie zugewanderte Bevölkerung Idlibs ist, sollte das Bewusstsein dafür schärfen, dass es Wege gibt, den Horror zu beenden. Es ließe sich die türkische Grenze öffnen und dahinter ließen sich Lager errichten, die von der EU zu unterstützen wären. Schließlich könnten die Kämpfe auch durch die sofortige Kapitulation der Dschihadisten beendet werden. Dass sich die USA aus diesem aussichtslosen Konflikt zurückgezogen haben, wirkt wie ein Eingeständnis, dass auch sie eine solche Lösung für unausweichlich halten. Im Übrigen berührt das weder den Status der US-Soldaten im Nahen Osten noch deren dominante regionale Stellung. Nützlich wäre auch die Erinnerung, dass nicht alle deutschen Befehlshaber im Zweiten Weltkrieg bis zum letzten Mann kämpfen wollten, sodass zu Festungen erklärte Städte erhalten und die meisten Bewohner am Leben blieben.

Wenn am 5. März beim Gipfel zwischen Erdoğan und Putin erneut vereinbart wurde, gemeinsame Patrouillen und Rettungskorridore nach Norden und Süden einzurichten, war daran erkennbar, dass Moskau Verständnis für die schwierige Situation der Türkei hat. Verluste aller in den Konflikt verwickelter Seiten sollten kurz vor Kriegsende so weit als möglich vermieden werden. Was fehlt, das ist eine EU, die sich dazu durchringt, auf beiden Seiten der Front robusten humanitären Beistand zu leisten.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 20.03.2020
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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Ausgabe 32/2020

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