Blinden vertrauen

Algerien Sidi bel Abbès castet für sein Theater Sehbehinderte. Sie inzenieren das Drama des Ödipus – und brechen Tabus
Sabine Kebir | Ausgabe 32/2017

Seit sein Bruder 1993 nach einem islamistischen Attentat querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt, interessiert sich der algerische Regisseur Saddek el-Kebir, für die Lebensbedingungen von behinderten Menschen. Der Bruder bekam politisches Asyl in Frankreich und lebt dort unter vergleichsweise komfortablen Bedingungen, wie es sie weder in seiner Heimat noch anderswo in Afrika gibt. Immerhin erhalten Menschen mit Behinderungen in Algerien eine Lebensmittelbeihilfe vom Staat. Aber selbst als ein Barrel Erdöl noch über 100 Dollar wert war, versäumte es das Ministerium für soziale Solidarität in Algier, eine boomende Branche zu verpflichten, Erdgeschosswohnungen für Behinderte zu bauen und öffentliche Gebäude wie Museen mit Zugangsrampen zu versehen. Es gibt kaum ein Gespür dafür, dass auch körperlich Versehrte kulturelle Bedürfnisse haben und aktiv zum Kulturleben beitragen möchten. Immerhin spendierte das Kulturministerium während der fetten Jahre Subventionen, mit denen el-Kebir Literatur für Kinder und Erwachsene in arabischer, kabylischer und französischer Blindenschrift herausgeben konnte. Bis dahin hatte es das in Algerien nur für Lehrbücher gegeben. Auf Buchmessen organisierte el-Kebir Literaturlesungen von Blinden in abgedunkelten Räumen. Die Zuhörer wurden von Blinden platziert und kulinarisch betreut. Die meisten begriffen erstmals, was es heißt, im Dunkeln zu leben und doch ziemlich viel Normalität herstellen zu können.

2012 hatte das Theater von Sidi bel Abbès im Nordwesten Algeriens el-Kebir eine szenische Lesung seines nach einer afrikanischen Legende adaptierten Stücks Der kluge Reisende lässt sein Herz zu Hause mit Blinden ermöglicht. Weil die den Text in zwei Tagen auswendig konnten, entschloss er sich, ihn zu inszenieren. Es zeigte sich, dass Blinde jene etwas verlangsamte Genauigkeit auf die Bühne bringen, die professionelle Schauspieler erst erlernen müssen. Über das Hörvermögen und mit Hilfe anderer Sensorien gelingt es ihnen, ohne viel Training die Position der Mitspieler und Kulissen zu erkennen. Es scheint so, als würden sich diese Schauspieler in einem ständigen Lauschmodus befinden und jede überflüssige oder auch abrupte Bewegung meiden. Das verlieh ihnen auf der Bühne eine sehr konzentrierte Grazie.

Blindenvereine helfen

2016 konnte el-Kebir in Sidi bel Abbès erneut mit Sehbehinderten inszenieren, die er wieder über Blindenvereine rekrutierte. Dass vier von ihnen Studentinnen waren, zeigte, dass die Integration von Blinden in Algerien eigentlich vorangekommen ist. Amin Ben Safi, der schon 2012 mitspielte, ist Informatiker und Vorsitzender des Blindenvereins von Oran. Nur Nacera Chouli, die nach einem gewaltsam ausgetragenen Ehekonflikt vor sieben Jahren erblindet ist, lebt weiterhin in prekären Verhältnissen. Ihre wunderbar sonore Stimme und ihr großes schauspielerisches Talent gaben der Inszenierung Glanz.

Um die erstaunlichen Fähigkeiten blinder Laiendarsteller noch deutlicher herauszustellen, sollte diesmal, im Frühsommer 2017, ein großes Stück eines berühmten Autors gespielt werden. Die Wahl fiel auf König Ödipus des für seine aufgeklärten Positionen in der arabischen Welt sehr bekannten ägyptischen Autors Tawfik el-Hakim (1898-1987). Er lebte in den 1940er Jahren in Paris. Seine Version der oft adaptierten Sophokles-Tragödie erschien 1949 auf Arabisch und 1950 auf Französisch. Hauptbotschaft des antiken Stücks war das rituelle Verbot eines Konkurrenzverhaltens der Söhne gegenüber den Vätern, vor allem aber des erotischen Begehrens zwischen Söhnen und Müttern. Die beiden miteinander verketteten Phänomene sah Sophokles schicksalhaft in den Familien verankert. Freud leitete daraus den Topos „Ödipus-Komplex“ ab. Der ist in einer stark patriarchalen Struktur der islamischen Welt heute noch virulent und stößt allein aus diesem Grund auf viel Publikumsinteresse. Tawfik el-Hakim folgte den großen Achsen des antiken Stücks, sorgte aber mit wesentlichen Akzentverschiebungen für eine sehr aktuelle Fabel und Produktion. Dem Königspaar Laios und Jokaste von Theben wird geweissagt, dass ihr erstgeborener Sohn den Vater ermorden und die Mutter heiraten wird. Ein Schäfer soll den Säugling töten. Der gelangt aber als Findelkind zum kinderlosen Königspaar von Korinth, das ihn adoptiert. Als der herangewachsene Ödipus durch Zufall seine Vorbestimmung erfährt, verlässt er Korinth und wandert ahnungslos – in Richtung Theben. Es kommt unterwegs zu einem Konflikt mit den Führern eines Wagens, der einen alten Mann transportiert. Ödipus tötet alle Insassen, ohne zu wissen, dass sein leiblicher Vater darunter war. Später tötet er auch die Sphinx, die schon viele Thebaner gefressen hat. Ihrem Bezwinger ist der verwaiste Königsthron und die Hand der verwitweten Königin versprochen – womit sich die Weissagung erfüllt.

Regisseur Saddek el-Kebir während der Proben im Theater von Sidi bel Abbès
Foto: Sabine Kebir

Etwa 15 Jahre später wütet in Theben die Pest. Kreon, der mit der Priesterschaft verbündete Bruder der Königin, hat es auf den Thron abgesehen. Er bringt vom Orakel in Delphi die Nachricht mit, dass die Pest nur nach Aufklärung des Mords an Laios weicht. Nun wird Ödipus zum leidenschaftlichen Hauptermittler eines Verbrechens, von dem er nicht weiß, dass er es selbst begangen hat. Als die Wahrheit samt Inzest ans Licht kommt, erhängt sich Jokaste, während Ödipus sich blendet und mit seinen drei Kindern, die auch seine Halbgeschwister sind, ins Exil geht.

Tabu islamischer Gesellschaft

Die öffentliche Skandalisierung des unwissentlich begangenen Vatermords und des unwissentlich begangenen Inzests durch Kreon und die Priesterschaft sind bei el-Hakim nur Vorwand, um den populären Ödipus vom Thron zu putschen. Nachdem er sich seiner Schuld bewusst geworden ist, will zwar auch dieser Ödipus auf die Herrschaft verzichten. Aber er kämpft darum, sein familiäres Glück zu erhalten und sagt zu Jokaste: „Wenn du mir auch Frau und Mutter zugleich bist – ich liebe dich und werde dich immer lieben!“ Zwar lässt sich Jokaste nicht von der Selbsttötung abhalten, aber el-Hakim lenkt den Blick darauf, dass diese Familie nicht nur durch politische Intrigen, sondern auch durch unsinniges Festhalten an Regeln zerstört wird. Dafür gab er dem Kind Antigone eine tragende Rolle, die sie weder bei Sophokles noch bei seinen anderen Nachfolgern hatte: Das völlig unschuldige Mädchen erlebt den Suizid der Mutter und die Selbstblendung des Vaters als ihr unverständliche Katastrophe.

Zumeist spielen Theater in Algerien nur Stücke im Stil der Commedia dell’arte, die den eigenen vermeintlichen Volkscharakter stereotyp ironisieren. Über Fallstricke der Sexualität wie den Inzest wird in Printmedien mittlerweile diskutiert – aber auf der Bühne ruft das Thema doch besondere Erschütterung hervor. Auch das religiös verbrämte politische Intrigenspiel wird als durchaus aktuell empfunden.

Wie schon 2012 beeindruckt das Spiel der Blinden auch diesmal durch ungewöhnliches Vorzeigen tabuisierter menschlicher Regungen, was in der islamischen Gesellschaft eigentlich unerwünscht ist. Sobald die blinden Darsteller el-Hakims Stück verstanden hatten, entwickelten sie enorme Empathie für die Familientragödie. Ihr hohes Engagement beruhte auch darauf, dass sie kein Stück über ihre Behinderung spielten, sondern einen auf die ganze Gesellschaft bezogenen Inhalt darboten. Das ließ sie aus der Marginalisierung heraustreten und sich als Teil der Cité beweisen.

Die Aufführung der Blinden hat nicht nur das Publikum in Sidi Bel Abbès verblüfft und begeistert. Die Truppe ist derzeit auf Tournee mit 30 Aufführungen im ganzen Land, sie nimmt darüber hinaus an internationalen Theaterfestivals teil. Sie erhält Einladungen in Theater und in zahlreiche neu errichtete Kulturhäuser in der algerischen Küstenregion. Aber der Wunsch, eine Kooperative zu gründen, um die künstlerische Arbeit fortsetzen zu können – geplant ist unter anderem das Stück Warten auf Godot –, fand bislang nicht die notwendige finanzielle Unterstützung.

Die Autorin, Sabine Kebir, ist die Frau von Saddek el-Kebir

06:00 23.08.2017
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
Schreiber 0 Leser 18
Avatar

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare