Brecht als Esel, Kortner als Kasper

Experimentierfelder Forschungen und Nachlässe von Bertolt Brecht förderten viele Novitäten aus der Exilzeit zutage

Neue überraschende Aspekte von Brechts Werk, Persönlichkeit und Wirkung werden besonders aus den Lebensabschnitten in den Exilländern gemeldet, für die der provokante Flüchtling eine besondere Zumutung darstellte. In Dänemark arbeitet Hans Christian Nørregaard an einer umfangreichen Studie, aus der unter anderem hervorgeht, wie schwer schon 1935 der diplomatische Druck aus Berlin auf das kleine Nachbarland war, Brecht keine repräsentative Bühne wie das Königliche Theater zur Verfügung zu stellen.

Spektakulär sind Neuigkeiten aus Finnland. Der Suhrkamp Verlag publizierte zu Brechts 50.Todestag die von Hans Peter Neureuter rekonstruierte, spielbare Fassung eines bislang nur als Fragment bekannten Stücks Die Judith von Shimoda, das in den produktiven drei Monaten entstand, die Brecht mit seiner Familie und den zwei Geliebten Ruth Berlau und Margarete Steffin auf Gut Marlebäk bei der Dramatikerin Hella Wuolijoki verbrachte. Seit dem Winterkrieg nahm sie auch die Funktion der Vermittlerin zwischen ihrer Regierung und der Sowjetunion wahr. Sie reiste oft nach Moskau und stellte ihr Gut für informelle Treffen zwischen Staatsministern und dem sowjetischen Botschafter zur Verfügung, den Brecht bei diesen Gelegenheiten kennen lernte - was wohl erklärt, weshalb er bei der späteren Durchreise durch das Land der Gulags nicht verhaftet wurde.

Puntila und sein Knecht Matti ist das bekannteste Produkt der Zusammenarbeit mit Wuolijoki, die der epischen Methode zunächst skeptisch gegenüber stand und für ihre Fassung nicht übernahm. Das änderte sich beim zweiten Projekt. Sie hatte die Übersetzungsrechte aus dem Englischen für Die Judith von Shimoda des Japaners Yuzo Yamamoto erworben und Brecht die gemeinsame Bearbeitung des finnischen und des deutschen Textes vorgeschlagen.

Es geht um den Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen Versuch der USA, Japans Autarkie zu durchbrechen und dem Land den Freihandel aufzuzwingen. 1856 war es gelungen, ein Konsulat zu eröffnen. Weil das Gesetz Kontakte der Bevölkerung mit Ausländern verbot, hatte der Konsul, Mr. Harris, Schwierigkeiten, Dienstpersonal zu rekrutieren. Nachdem ihm die Behörden dabei nicht behilflich waren und auch kein Vertrag mit dem Kaiser zustande kam, drohte er mit Bombardierung durch bereits herbeigeeilte Kriegsschiffe. Da verpflichtete die Verwaltung von Shimoda die Geisha Okichi, dem Konsul "zu Diensten" zu sein, obwohl sie damit ihren Ruf ruinierte.

Schon das Stück Yamamotos, das Brecht außerordentlich gefiel, legte den Schwerpunkt auf das Schicksal der Heldin nach der Abreise des Amerikaners: Die Gesellschaft, die Okichis Opfer dringend zu benötigen meinte, dankte es ihr nicht. Während vor dem Hintergrund der rasanten Verwestlichung ihre Tat noch zu ihren Lebzeiten in Legenden und Balladen verfälscht und verkitscht wird, bleibt Okichi moralisch geächtet und sozial marginalisiert. Das Stück entsprach genau Brechts Einschätzung des falschen Opfermythos, der den Kämpfern des I. und nun auch des II.Weltkriegs angedichtet wurde. Er entschloss sich zu einer die Vorlage respektierenden, das heißt vor allem verknappenden Bearbeitung, fügte aber ein Vorspiel und verfremdende Zwischenszenen ein, die Wuolijoki in ihre finnische Fassung übernahm.

Wenn diese manchmal Brechts Radikalität nicht ganz folgte, so ähneln sich die beiden Fassungen doch so stark, dass Neureuter es wagte, vier Szenen, die in Brechts Nachlässen fehlen, aus Wuolijokis Übersetzung und der englischen Fassung Yamamotos zu rekonstruieren. Es sind die Szenen, von denen Brecht vorgeschlagen hatte, sie weitgehend von Yamamoto zu übernehmen. Neureuter fand Hinweise, dass die Rohübersetzung wohl von Steffin vorgenommen werden sollte, die die Arbeit aber nicht in Angriff nahm. Obwohl die rekonstruierte Fassung sprachlich "nicht durchgehend Brecht" ist, erscheint das Stück attraktiv und sollte - nicht zuletzt wegen vieler provokativer Momente rund um den "Freihandel" - für das Theater aktuell sein.

Neureuters Begleittexte zeigen das Stück als beredtes Beispiel für Brechts Kollektivarbeit. Das wird aus der Aufmachung des Bandes durch den Verlag jedoch nicht ersichtlich. Dieser tut sich - unverständlicherweise - bei der Anerkennung des Kollektivcharakters vieler Brechtscher Werke weitaus schwerer als er selbst. Entgegen der landläufigen Auffassung war Brecht sogar stolz darauf und hat zum Beispiel auch die Tantiemenforderungen Hella Wuolijokis bei der Uraufführung des Puntila umgehend erfüllt.


In einem Aufsatz über Brecht, Finnland und die Sowjetunion stellte Neureuter ein quantitativ nicht vergleichbares, aber dennoch sensationelles Stückfragment vor, in dem Stalin, Moltow, Schdanow und Woroschilow heimlich den Bruch des deutsch-sowjetischen Freundschaftspakts und den Angriff auf das Deutsche Reich beschließen. Der kuriose Text zeigt, wie Brecht darum rang, in dem Pakt doch noch eine Art Rationalität der Weltrevolution zu finden. Im Journal kann man nachlesen, dass sich diese Hoffnung durch die wenig später erfolgende sehr "napoleonische" Form von Stalins Einmarsch in die polnischen Ostgebiete verflüchtigte.

Das Brecht-Archiv konnte 2004 und 2006 die zwei umfangreichsten Brecht-Nachlässe seit seinem Bestehen erwerben. Sie kamen aus der Schweiz, in der Brecht 1947-1948 festsaß. Der erste gehörte der späteren Dokumentarfilmerin Renata Mertens-Bertozzi, die Brecht und Helene Weigel ein Sommerhaus in Feldmeilen als Unterkunft lieh. Unter den zurückgelassenen Papieren befand sich unter anderem eine damals zusammengestellte Fassung der Keuner-Geschichten, deren Motto "die wahrheit mein haus und mein wagen!" auf das verweist, was Brecht schon in Dänemark als Raub der Nazis an ihm persönlich benannt hatte. Die "Zürcher Fassung" enthält 15 unbekannte Texte und verblüffende Varianten von bekannten. Der ganze Keuner-Komplex erscheint deutlicher als bisher als offenes Experimentierfeld, auf dem Brecht sich selbst zum Teil unlösbare Widersprüche servierte.

Die zweite Erwerbung des Archivs stammt aus dem Nachlass des Gewerkschaftsführers Victor N. Cohen. Mit ihm buchstabierte Brecht offenbar den Stalinismus durch und entwickelte die utopische Idee, Gewerkschaften zum Garanten sozialistischer Rechtsstaatlichkeit zu machen: "Wenn ein Mitglied verhaftet wird, braucht er so lange [mit der Polizei - S. K.] nicht mitzugehen, bis ein andres Mitglied seiner Gewerkschaft, das er nennt, zur Stelle ist und mit ihm geht.// Ein Ankläger, der fünf Fälle gegen die Gewerkschaften verloren hat, muß seinen Posten abgeben; ein Verteidiger, der fünf Fälle gegen den Staat gewonnen hat, kann einen Posten im Staatsapparat als Ankläger verlangen." Da Brecht eine Kopie dieses Textes nach Berlin mitnahm, war er bereits bekannt. Aber man glaubte bislang, dass er erst in der DDR entstand.

Der Cohen-Nachlass enthält 140 Kopien unbekannter Briefe Brechts und 220 Briefe an ihn. Sie beleuchten unter anderem sein bisher nur lückenhaft nachvollziehbares Engagement für das Council for a Democratic Germany, den Verein deutscher Emigranten in den USA, der für ein ungeteiltes Deutschland mit dem Recht einer souveränen Innen- und Außenpolitik eintrat. Weil Thomas Mann einer in den USA verbreiteten Auffassung anhing, dass "eine halbe Milllion Deutscher" das nazistische Abenteuer mit dem Leben bezahlen sollte - was das Council für unnötig hielt - zog er seine Unterschrift zurück.

Die Briefe erzählen von vielen Niederlagen Brechts. Er war enttäuscht, dass es der von ihm geschätzte Dichter Christopher Isherwood ablehnte, den Guten Menschen von Sezuan ins Amerikanische zu übertragen. Weil Brecht von "Hilfe" gesprochen hatte, die er als exilierter Dichter von ihm erwarte, bot er ihm Geld an. Brecht antwortete, dass er es nicht brauche, da er über seine Drehbucharbeit an Hangman also die die finanzielle Reserven für mehrere Stücke gewonnen habe. Die kommunistische Millionärin Ella Winter bat er zu erforschen, ob ein Cäsar-Roman Thornton Wilders etwas mit seinem eigenen, unvollendet gebliebenen Cäsar-Roman zu tun habe, von dem er ihm erzählt hatte.

Aus einem Brief an Michail Apletin, Beauftragter für Ausländerkontakte des sowjetischen Schriftstellerverbandes, geht hervor, dass er schon im August 1945 das Angebot beruflicher Unterstützung durch die Besatzungsmacht erhielt, sobald er nach Deutschland zurückkehre. Nach dem Abwurf der Atombomben brachten sich die Siegermächte für den weltweiten Kampf um die kulturelle Hegemonie in Stellung. Stalin visierte keinen sozialistischen Separatstaat an, sondern ein neutralisiertes Deutschland, für das eine andere Kulturpolitik konzipiert wurde als sie in der Sowjetunion herrschte. Brecht, der im sowjetischen Exil als Trotzkist liquidiert worden wäre, erkannte darin seine Chance. Er bedankte sich vorsichtig und bat, Inszenierungen seiner Stücke zu verhindern, bis er selber Einfluss darauf nehmen könne. Damit signalisierte er der Besatzungsmacht, dass er auf sofortige Aufführungen nicht angewiesen war und dass er auch ihr Bedingungen stellen werde. Tatsächlich kam es damals zur Absetzung einer nicht genehmigten Aufführung der Dreigroschenoper.

Der Cohen-Nachlass enthält auch etliche Briefe an Helene Weigel. Sie sind voller Liebe, Achtung und Offenheit. Am meisten berührt ein Brief, den Brecht am 11. 2. 1946 aus New York schrieb, wohin er gereist war, weil er sich um die in eine Nervenklinik eingelieferte Geliebte Ruth Berlau kümmern musste. Er schrieb seiner Frau nicht nur ausführlich, wie es ihr ging, sondern berichtete auch, wie er - allein in Berlaus Wohnung in der 57. Straße - nun endlich lerne, Suppen zu kochen und Geschirr zu spülen.

Über Brechts Zeit in der Schweiz, wo er von 1947-1949 Zwischenstation machte und wo er bleiben wollte, falls er keine günstigen Arbeitsbedingungen in Deutschland fände, hat Werner Wüthrich wichtige Forschungen vorgelegt. Ein 2003 erschienenes Buch informiert ausführlich über die geheimdienstliche Überwachung, die in enger Kooperation mit den amerikanischen Geheimdiensten erfolgte. Wüthrich erforschte auch die umfangreichen zivilgesellschaftlichen Netzwerke aus sozialdemokratischen und kommunistischen Intellektuellen, die sich für Einreise, Arbeitsmöglichkeiten und auch für das gewünschte dauernde Bleiberecht einsetzten. Obwohl das Haus in Feldmeilen bald zum Wallfahrtsort wurde, benahm sich Brecht nicht wie ein ungekrönter König. Als er einmal mit Fritz Kortner Victor Cohen besuchte und ein Kasperletheater entdeckte, wurde nicht politisiert, sondern für dessen Kinder ein Stück improvisiert : Verändere die Welt, sie braucht es. Er selbst spielte den Esel, Kortner den Kasper.

Wüthrich legte 2006 ein weiteres Buch vor, für das er erstaunlich viele Zeitzeugen über Brechts Arbeit am Stadttheater Chur und am Zürcher Schauspielhaus befragen konnte. Letzteres hatte im Krieg, - was keine skandinavische Bühne mehr wagte - Mutter Courage und ihre Kinder mit Therese Giehse aufgeführt. Weil sich das antifaschistische Klima 1948 schon verdünnt hatte, wurde die direkte Zusammenarbeit nun schwierig. Intendant Hirschfeld wollte keine Brecht-Inszenierung zulassen, in der die als Schauspielerin unbekannte Weigel mitspielte. Zu einem solchen Experiment war nur die avantgardistische kleine Stadtbühne von Chur bereit, wo es schließlich zur Antigone-Inszenierung kam. Nur wenige erkannten ihre Bedeutung, aber Brecht und Weigel waren sich sicher, auf dem richtigen künstlerischen Weg zu sein. In der Puntila-Inszenierung in Zürich durfte die Weigel immer noch nicht die Branntweinemma spielen, die statt ihrer die Giehse übernahm.

Welche Faszination vom Regisseur Brecht ausging, schildert der Zürcher Theaterfotograf Theo Vonov eindringlich. Er war zu Recht beleidigt, weil ihm das Fotografieren untersagt worden war: Brecht hatte ein exklusives Fotografierrecht für Ruth Berlau durchgesetzt. Während Vonov heimlich doch fotografierte, begeisterte er sich so für die Arbeitsatmosphäre, dass er Berlau Objektive lieh und ihr schließlich auch sein Labor öffnete.

Ein Glücksfall war auch Wüthrichs Zusammentreffen mit Miroslav Lazovic, seinerzeit Oberschüler. Über eine Zeitungsannonce hatte Ruth Berlau ein Zimmer in der Wohnung seiner Mutter gemietet. Stevka Lazovic, Kanzleimitarbeiterin der jugoslawischen Botschaft, hatte als Krankenschwester und Übersetzerin während des Kriegs in der nächsten Umgebung Titos gekämpft, zwei ihrer Kinder waren als Partisanen gefallen. Damit war sie eine Inkarnation weiblicher Heldinnen aus Brechts Stücken wie Die Mutter und Die Gewehre der Frau Carrar, entsprach aber auch Figuren aus Radiohörspielen, die Berlau für Dänemarksendungen des New Yorker Office of War Information geschrieben hatte.

Miroslaw Lazovic bezeugt, dass sich zu Berlau und Brecht eine herzliche Freundschaft entwickelte. Für Brecht, der vom Befreiungskampf Jugoslawiens in den USA kaum etwas gehört hatte, war der Kontakt von besonderem Interesse, weil das Land sich im Gegensatz zu den anderen Ostblockländern selbst vom Faschismus befreit hatte und einen von der Sowjetunion unabhängigen Weg beschreiten konnte. Über den sich damals vollziehenden Bruch mit Stalin informierte er sich bei Stevka Lazovic aus erster Hand.

Durch Wüthrichs Interview mit Miroslaw Lazovic konnte ich im Brecht-Archiv feststellen, dass über Berlau auch später noch Kontakte zu Frau Lazovic bestanden, die Brecht unter anderem den - vielleicht in Westberlin möglichen - Besuch eines Films empfahl, in dem die Tänze aller Völker Jugoslawiens beeindruckend in Szene gesetzt waren. Dass man über diese wichtige Begegnung nichts in seinen Journalen findet, ist nur auf den ersten Blick verwunderlich. Wolfgang Harich erinnerte sich 1991, wie Brecht ihm 1953 sagte, dass jedwede Beschäftigung mit Jugoslawien das Todesurteil bedeute und also zu unterlassen sei.

Bertolt Brecht: Geschichten vom Herrn Keuner. Zürcher Fassung, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2004, 126 S., 6 EUR

Bertolt Brecht: Die Judith von Shimoda, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, 174 S., 8,50 EUR

Hans Peter Neureuter: Finnland und die Sowjetunion. In: Brecht und der Krieg. Brecht-Dialog 2004, Theater der Zeit, Berlin 2005.

Werner Wüthrich: Bertolt Brecht und die Schweiz. Chronos, Zürich, 2003, 600 S., 44,80 E/68 CHF

Werner Wüthrich: 1948. Brechts Zürcher Schicksalsjahr, Chronos, Zürich, 2006, 191 S., 19,80 E/29,80 CHF


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01:00 16.02.2007
Geschrieben von

Sabine Kebir

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