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Unterwegs durch Nachkriegslandschaften

Aufarbeitung Für den Sachbuchpreis der diesjährigen Leipziger Buchmesse nominiert: Christiane Hoffmanns „Alles, was wir nicht erinnern“
„Zu Fuß?“ „Zu Fuß.“ „Allein?“ „Allein.“ – so beginnen die meisten Konversationen der Reporterin Christiane Hoffmann
„Zu Fuß?“ „Zu Fuß.“ „Allein?“ „Allein.“ – so beginnen die meisten Konversationen der Reporterin Christiane Hoffmann

Foto: agefotostock/IMAGO

„Seit anderthalb Wochen gehe ich Euren Weg, langsam den Verstand verlierend, im Gespräch mit Wind und Bäumen, trotzig und wund vor Einsamkeit, gehe durch die Nachkriegslandschaften, ohne Schutz gegen die Trostlosigkeit niederschlesischer Dörfer an grauen Januartagen, gehe diesen Weg, um Euren Schmerz zu fühlen in meinen Beinen und im Nacken, in dem Euch der Russe saß.“

Die langjährige FAZ- und Spiegel-Journalistin Christiane Hoffmann, heute stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung, ist 2018 den etwa 600 Kilometer langen Weg gelaufen, den 1945 ein Flüchtlingstross aus dem südöstlich von Breslau, unweit der Oder gelegenen Dorf Rosenthal – heute Różyna – bis ins sächsische Klinghart nahm. Dort begann die organisierte Flüchtlingshilfe. Mit im Tross, eine Pferdedecke übergeworfen, liefen Hoffmanns damals neunjähriger Vater und seine Mutter. Die Brüder waren im Krieg, der Vater beim Volkssturm.

Nicht nur Überlebende des Holocaust und heimgekehrte Soldaten, auch viele Flüchtlinge konnten oft über das Durchgemachte nicht sprechen. Nicht zuletzt, weil sie sich bescheiden an eine ihnen nicht immer wohlgesinnte neue Umwelt anpassen mussten. Nur im Familienkreis oder bei Vertriebenentreffen kam die „Heimat“ oder die „Flucht“ zur Sprache – im ungeordneten Austausch von Erinnerungsfetzen. Sie ergaben für die Nachgeborenen nichts Zusammenhängendes, wurden aber zum Nährboden für die Übertragung verdrängter Traumata. Hoffmann führt die Albträume, die sie bis heute quälen, darauf zurück, dass ihr äußerlich ausgeglichener Vater nur ein paar Floskeln über die Fluchterfahrung erzählen konnte.

Die 1967 in Hamburg geborene Tochter hat früh mit bewundernswerter Konsequenz angefangen, Licht in dieses Dunkel zu bringen: Sie studierte direkt „beim Russen“, in Leningrad. Und später mit häufigen, auch beruflich motivierten Reisen in die osteuropäischen Länder. Polen blieb auffällig ausgespart – bis auf immer mal wieder angetretene Familien- oder Gruppenreisen nach Różyna. Erstaunliches Resultat einer Gruppenfahrt ehemaliger Rosenthaler im Jahr 2005, bei der sie von den jetzt dort lebenden Polen freundlichst empfangen wurden: Nun, da sich jeder von ihnen „eines der leer stehenden Häuser kaufen könnte, für ein paar Zloty, stellt sich heraus, dass niemand das will“. Und von den Nachgeborenen „würde es keinem in den Sinn kommen, hier zu leben“.

Der Verlust scheint keine materielle Dimension mehr zu haben, aber er wabert im Unbewussten weiter. Nach dem Tod des Vaters beschließt die Tochter, dem auch ihr zusetzenden Dämon noch einmal Paroli zu bieten, und begibt sich zu Fuß auf den Fluchtweg. Zur selben Jahreszeit, in der sich die Rosenthaler in Bewegung setzten. Im damaligen Januar herrschte schneidende Kälte. Angenehm ist auch Hoffmanns Wanderung nicht: Sturm und Regen muss sie trotzen, dem Autoverkehr manchmal in den Straßengraben ausweichen, und sie landet auch mal im Morast eines Moores. Mit eiserner Disziplin will sie nicht nur die Etappen des Rosenthaler Trosses verfolgen. Zeitgenössische Aufzeichnungen eines ebenfalls im Tross befindlichen jungen Mädchens helfen dabei. Sprechen will sie mit möglichst vielen Nachfahren der Polen, die aus dem sowjetisch gewordenen Ostpolen vertrieben und denen die Höfe der Deutschen in Schlesien zugeteilt wurden. Hoffmann stellt fest: Das gemeinsame Bewusstsein, unfreiwillig zum Verlassen der „Heimat“ gezwungen gewesen zu sein, ließ alten Hass verblassen und ein Gefühl von Schicksalsverbundenheit aufkommen.

Als sie vorm Tor des großväterlichen Hofes steht, wird sie – dank früherer Besuche – erkannt und für ein paar Tage eingeladen. Erst in den letzten Jahren wurden einige Häuser in Różyna instand gesetzt und mit irritierend kräftigen Farben gestrichen. In einige ziehen junge Leute ein, die in nahen Städten arbeiten, aber lieber auf dem Land leben möchten. Dennoch ist Różynas Zukunft ungewiss, „die Landwirtschaft lohnt sich nicht mehr (...)“.

Hoffmann hat keine Übernachtungen vorgebucht. Als Reporterin versteht sie es, schnell vertrauensvolle Kontakte zu knüpfen. „Zu Fuß?“ „Zu Fuß.“ „Allein?“ „Allein.“ – so beginnt meist die Konversation. Viele ihrer Gesprächspartner haben nichts mehr gegen die Deutschen, allerdings mögen sie die – nach polnischer Auffassung – von Deutschland beherrschte EU eher nur, wenn sie Gelder lockermacht. Das wird als Wiedergutmachung des Unrechts empfunden, das Polen im Zweiten Weltkrieg angetan wurde.

Bis zur Schmerzgrenze

In manchmal schockierender Schärfe begegnet Hoffmann diese Position in Tschechien. Angela Merkel wird auch mal mit Hitler verglichen. Gegen die EU und Deutschland haben Jüngere aber nichts, wenn sie dort arbeiten oder studieren können. In Radonitz, dreißig Kilometer östlich von Karlovy Vary, muss sie von der Fluchtroute abweichen und einen Bus nehmen. Sie bekommt keine Genehmigung, durch ein großes militärisches Sperrgebiet zu wandern, das früher von Russen, heute von den aktuellen Verbündeten genutzt wird. „Die Leute im Laden sagen: ,die‘, und meinen: die Amerikaner, die NATO. (…) Früher, als die Russen noch da waren, gab es keine Probleme, sagen sie. Die Russen kamen, schossen und verschwanden dann wieder in den Kasernen. Man konnte weiter Pilze sammeln.“

Hoffmanns bewegender Wanderbericht – für den Sachbuchpreis der diesjährigen Leipziger Buchmesse nominiert – ist bis zur eigenen Schmerzgrenze objektiv. Er wird ergänzt durch Familiengeschichten, die mit der Fluchterfahrung zusammenhängen, und historischen Exkursen. Sie ist auch mal auf die – noch ukrainische – Krim gefahren und hat im Konferenzpalast von Jalta erforscht, dass England und die USA der Vertreibung Deutscher aus den abzutretenden Gebieten zustimmten – und auch der Umsiedlung von über zwei Millionen Polen.

Der Autorin wird es jetzt nicht gut gehen. Sie ist sowohl Mitglied des Deutsch-Russischen-Forums als auch der Atlantik-Brücke. Auf der Wanderung überfiel sie manchmal „die schreckliche Ahnung: dass dies nur eine Atempause sein könnte, ein kurzer glücklicher Moment in der Geschichte“.

Info

Alles, was wir nicht erinnern. Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters Christiane Hoffmann C.H. Beck 2022, 279 S., 22 €

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Geschrieben von

Sabine Kebir

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