Das Gesetz bin ich

Nicht in Berlin Im Zug von Madrid nach Salamanca erlebt die Tochter unserer Autorin den ersten Kulturclash
Sabine Kebir | Ausgabe 29/2015
Das Gesetz bin ich
Ein Bahnhof wie ein Gewächshaus: die Estación de Atocha in Madrid
Foto: Oli Scarff/Getty Images

Ein Freund hat uns für ein paar Tage seine leer stehende Wohnung in Madrid angeboten. Als wir mittags mit unserer Tochter Sarra einen Flieger besteigen, tragen wir unsere von einer Andalusienreise stammenden Sombreros, die mit feinster Wolle bezogen sind.

Wir erwarteten in Madrid – ähnlich wie in Paris – reges Leben. Aber Spaniens Hauptstadt präsentiert sich ziemlich öde. Mit Mühe finden wir ein Bistro, das Tapas (zu Luxuspreisen) anbietet. Gut, dass der Freund uns im Kühlschrank ein Paket Ravioli hinterlassen hat, womit wir wenigstens das Kind zufriedenstellen können.

Am nächsten Tag besuchen wir eine katholische Messe und füttern in etlichen Parks putzige Eichhörnchen. Dann beschließen wir, nach Salamanca zu fahren.Nachdem wir uns in der Linie der Stadtbahn verirren, gelangen wir sehr spät zu der ganz aus Glas bestehenden Estación de Atocha. Wie in einem Treibhaus wiegen sich dort in der alten Bahnhofshalle neben den Gleisen Palmen in sanften Wassernebeln. Wir rennen. Mit einer Hand ziehen wir unser elfjähriges Mädchen, mit der anderen halten wir unsere Sombreros fest.

Aber ehe wir den Zug erreichen, setzt der sich gemächlich in Bewegung. Da springt der Schaffner ab, pfeift in Richtung der Lokomotive, die alsbald wieder anhält. Der Schaffner macht uns gestikulierend klar, dass wir einsteigen dürfen. Donnerwetter, sage ich, das kann man in Deutschland nicht erwarten!

Wir klettern zufrieden die ersten drei Stufen hinauf. Auf einen erneuten Pfiff des Schaffners fährt der Zug nun endgültig ab. Die mindestens 40 Jahre alten Waggons wirken schäbig, verglichen mit der postmodernen Pracht der Estación de Atocha. Uns schräg gegenüber sitzt eine elegante Dame, sie ist offenbar die Mutter eines Mädchens und eines Jungen, beide etwa zehn Jahre alt, die aufgekratzt im Gang und auf den Sitzen toten. Ermahnungen der Dame bleiben wirkungslos. Der Zug schleppt sich durch öde Stoppelfelder. Tochter Sarra starrt abweisend die Kinder an.

Dann holt sie ein kleines Reiseschachbrett aus ihrem Rucksack. Sie bittet mich, mit ihr zu spielen. Immer wieder wirft sie neidische Blicke auf die anderen Kinder. Und stellt fest: „Die sind zu laut. Ich kann mich gar nicht auf meinen König konzentrieren.“

„Warum spielst du nicht einfach mit ihnen?“, frage ich. „Ich kenne die doch gar nicht!“

„Du könntest sie aber kennenlernen!“

„Aber ich kann doch kein Spanisch!“

Der Zug rollt weiter. Und weil sich Sarra nicht konzentrieren kann, gibt sie das Schachspiel auf.

„Darf ich dich kämmen?“, fragt sie mich jetzt.

„Ja.“ Aber irgendwann will ich mich nicht mehr kämmen lassen.

„Warum sind wir bloß nach Spanien gefahren?“, seufzt Sarra und zieht sich schmollend in eine Ecke zurück. Dann schaut sie plötzlich überrascht. „Mutti, Mutti“, zischt sie plötzlich aufgeregt, „die Dame will hier rauchen!“

Sie zeigt auf die Frau schräg gegenüber, die einen schmalen braunen Zigarillo aus ihrer Tasche gezogen hat und ihn sich in den linken Mundwinkel steckt. Warum macht das meine Tochter so nervös?

Weil es verboten ist, im Zug zu rauchen! Ich weise sie darauf hin, dass die Dame ihren Zigarillo doch gar nicht angezündet hat! Dass sie vielleicht später auf die Plattform hinausgehe. Die Dame wühlt erneut in ihrer Handtasche, sucht etwas und findet es nicht. Dann fällt ihr Blick auf Sarra, die sie entsetzt anstarrt. Die Dame steht auf, kommt lächelnd auf uns zu und fragt nach fuego. Mein Mann blättert im Reisewörterbuch und sagt dann: No fumo! Auf mich weisend fügt er hinzu: No fuma! Die Dame dankt und geht auf ihren Platz zurück. Die Kinder toben unvermindert wild durch den Waggon. Sarra atmet tief durch.

Nun empört sie das Verhalten ihres Vaters: Ob er denn das Schild an der Tür nicht gesehen habe? Auf dem stehe in Deutsch und sicher auch in Spanisch: Rauchen verboten. Wie könne er sich entschuldigen, dass er kein Feuer habe? „Für wen hält sich meine Tochter bloß“, fragt mich mein Mann.

Sarra sieht jetzt erwartungsvoll auf den eintretenden Schaffner. Er werde ihr sicher sagen, dass sie nicht rauchen darf. Während der Schaffner etwas zerstreut die Fahrkarten der Dame begutachtet und knipst, fragt sie ihn, ob er Feuer habe. Zu Sarras grenzenlosem Erstaunen zieht er aus der Hosentasche ein Feuerzeug und gibt der Dame Feuer. Sarra fängt wieder an zu jammern und fordert eine Erklärung. Ich versuche sie zu beschwichtigen, hier herrsche eben eine andere Mentalität. Aber Sarra ist kurz davor, zu weinen.

Sombreros? Lächerlich

Es sei derselbe nette Schaffner, der für uns den Zug angehalten hat, erkläre ich ihr. Das war ja sicher auch verboten. Bei den Spaniern gehe eben Freundlichkeit vor Gesetz. „Aber ihr erlaubt der Frau doch auch, zu rauchen! Schaut nur, jetzt lässt sie die Asche auf den Boden fallen!“ Was soll man da sagen? Wir sind Gäste, wir können den Leuten nicht vorschreiben, wie ernst sie ihre Gesetze nehmen sollen. Andere Völker, andere Sitten, sage ich. Darum reisen wir ja. Wir wollen nicht unbedingt unser eigenes Land im Gepäck dabeihaben.

Sarra heult in meine Achselhöhle hinein, während die beiden anderen Kinder immer noch toben, der Schaffner seinen Kopf durch die Tür steckt und auf Deutsch ruft: „Jetzt – Salamanca!“ Weil es draußen nieselt, sind wir froh, unsere Sombreros auf dem Kopf zu haben. Auch Sarra wird jetzt wieder munter, aber sie erstarrt, als eine Kinderschar lachend auf uns zeigt. Sombreros sind offenbar in Nordspanien ungewöhnlich, und die Kinder halten uns für Verrückte. Wenn man sich zu sehr anpasst im Ausland, denke ich, geht das manchmal eben auch daneben. Abends, als wir mit Freunden eine Party in einer Bar feiern, ist Sarra plötzlich viel offener. Sie verständigt sich mit einer Gruppe von Roma, die am Nachbartisch sitzen – obwohl sie immer noch kein Spanisch kann.

06:00 29.07.2015
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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