Das große Flattern

Saudi-Arabien Nun werden die Urheber zu Opfern islamistischer Gewalt
Sabine Kebir | Ausgabe 28/2016 7

Am Ende des heiligen Monats Ramadan wurde Saudi-Arabien von einer zumindest teilweise koordinierten Attentatsserie heimgesucht, zu der sich der Islamische Staat (IS) bekannt hat. Das ausgelöste Mitgefühl kann dem Eindruck Vorschub leisten, die saudische Monarchie sei nicht mehr Triebkraft islamistischer Gewalt weltweit, sondern zu deren Opfer geworden. Sie müsse daraufhin von den westlichen Ländern als wohl zweifelhafter, aber quasi natürlicher Bündnispartner angenommen werden. Immerhin kann Riad für sich geltend machen, dass Polizei und Geheimdienst jeden unnachgiebig verfolgen, bei dem auch nur der leiseste Verdacht besteht, dem IS gewogen zu sein. Schon wer die Dschihadisten ohne jede Absicht in einem Telefonat erwähnt und abgehört wird, gerät unter Verdacht.

Bann und Boykott

Täter und Opfer sein, das schließt sich keineswegs aus und hat mit der veränderten Aura Saudi-Arabiens zu tun. Während das Land jahrzehntelang durch soziale Werke zur Armenhilfe und finanziellen Beistand für terroristische Gruppen Einfluss auf die islamische Welt nahm, ist es inzwischen zur selbstständigen Militärmacht avanciert, die durch eigene Interventionen Macht demonstriert. So geschehen im März 2011, als saudische Panzer nach Bahrain rollten, um den vom Arabischen Frühling angefachten Massenprotest der schiitischen Mehrheit zu ersticken. Vier Jahre später wurden die Saudis zur Kriegspartei im Jemen. Im ärmsten Land der arabischen Welt nehmen seither das Sterben und Zerstören kein Ende.

Obwohl Saudi-Arabien wie auch der IS der Sunna, der Glaubenslehre der Sunniten, anhängen, denunzieren sie sich gegenseitig als vom wahren Glauben abgefallene Häretiker. Realiter unterscheiden sich weder die Religions- noch die Staatsauffassungen der sich als Todfeinde gegenüberstehenden Rivalen. Woraus ersichtlich wird, dass es nicht um den religiösen Zwist allein, sondern ebenso um Macht und Sendungsbewusstsein im Nahen Osten – derzeit besonders in Syrien – geht.

Dass es trotz ausgefeilter Überwachungssysteme und drakonischer Strafen etwa in Medina an der Grabstätte des Propheten Mohammed zu einem Anschlag kommt, zeigt, dass der Expansion nach außen im Land selbst Grenzen gesetzt werden. Verantwortlich dafür sind eine klandestine Opposition wie innere Widersprüche. Verschärft werden diese durch Repressalien gegenüber der schiitischen Minorität, die ausgerechnet in den erdölreichsten Regionen die Bevölkerungsmehrheit bildet. Zusehends werden auch fast neun Millionen schwer ausgebeuteter Arbeitsmigranten, die so gut wie keine Rechte haben, zum Sicherheitsrisiko – einer der Attentäter soll ein Pakistaner gewesen sein. Überdies stellen immer mehr saudische Staatsbürger – so etwa der zu 1.000 Peitschenhieben verurteilte Blogger Raif Badawi – die diktatorische, auf Uniformität der Lebensweise gerichtete Staatsordnung in Frage.

In einem 2015 aus der Haft geschmuggelten Manifest schreibt Badawi, dass „Vielfalt“ kein Fehler einer Gesellschaft sei, sondern ihr „Reichtum“. Er trete deshalb für die Säkularisierung seines Landes ein, das seit Jahrzehnten versuche, andere islamische Länder, deren Verfassungen säkulare Elemente enthalten, in ein religiöses Mittelalter zurückzustoßen. Badawi steht mit diesem Verlangen nicht allein. Zu seinem eigenen Erstaunen fand er sogar an der Wand einer verschmutzten Gemeinschaftstoilette im Gefängnis die Losung: „Der Säkularismus ist die Lösung“. Badawi stellt auch das Bündnis mit dem Westen zur Disposition, wobei er genau zwischen der Tradition der Aufklärung unterscheidet, deren Adaption er sich für die saudische Gesellschaft wünscht, und jenen „Rechtsextremisten und europäischen Reaktionären aus dem Mittelalter“, die trotz gegenteiliger Bekenntnisse immer noch „gegen die Errungenschaften der Französischen Revolution“ zu Felde ziehen würden. Als restaurativ etikettiert zu werden, damit müssen die Staaen rechnen, die der Autokratie am Golf weiter mit militärischer Auf- und Ausrüstung beistehen, anstatt über die Wahhabiten-Macht Bann und Boykott zu verhängen. Nach dem Eindruck Raif Badawis geht es bei diesem Bündnis nicht nur um Petrodollars, sondern – wie er hellsichtig feststellt – um eine globale Restauration.

Statt stiller Genugtuung

Vielen Menschen in Saudi-Arabien gelten die USA als hauptsächlicher Mentor für die fatale Rolle des Patrons und Aggressors, die ihr Land heute in der Region spielt. Folglich kommt es auch immer wieder zu Anschlägen auf US-Institutionen. Das Konsulat in Dschidda, das am Tag des letzten Fastenbrechens attackiert wurde – glücklicherweise kam außer dem Attentäter niemand zu Schaden –, war bereits 2004 angegriffen worden. Damals kamen neun Menschen ums Leben.

Es ist eine grausame Ironie der Gegenwart, dass sich ausgerechnet der Islamische Staat als Pionier des „antiimperialistischen Kampfes“ im Nahen Osten darstellt und den Hass vieler Araber auf die USA und Saudi-Arabien zu instrumentalisieren weiß. Insofern kann nicht oft genug darauf verwiesen werden, dass die Anfänge des IS durchaus von den Golfstaaten wie den USA gefördert wurden. Die Terrormiliz sollte in die Lage versetzt werden, das Assad-Regime in Syrien zu stürzen. Dass sich islamistische Gruppierungen wie diese nur eine Zeit lang dirigieren lassen und schnell abtrünnig werden, lässt sich nicht zum ersten Mal beobachten. Erinnert sei an afghanische Mudschaheddin-Verbände bis hin zu den Taliban, die sich während der sowjetischen Besatzung (1979 – 1989) als Hilfstruppen des Westens anheuern ließen, ihn dann aber bekämpften, als sie ihr Regime errichten wollten. Bereits Niccolò Machiavelli hat seinen „Prinzen“ davor gewarnt, sich irgendwelcher Sekundanten zu bedienen, deren treue Dienste ein Trugschluss seien. Wer politische Ziele nicht mit eigenen Mitteln erreichen könne, werde sie sowieso nie erreichen, so Machiavellis Fazit.

Anstatt die Anschläge in Saudi-Arabien mit stiller Genugtuung zu quittieren, wäre die Führung in Teheran gut beraten gewesen, sie offiziell zu verurteilen.

06:00 27.07.2016
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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