Der alte Zauber

Lyrics Paul McCartney lässt sein Leben in 154 Songs Revue passieren – unsere Autorin ist zurück im Jahr 1963
Grelles Gekreische war der Begleitton, sobald die Beatles irgendwo auftraten (hier: San Francisco 1964)
Grelles Gekreische war der Begleitton, sobald die Beatles irgendwo auftraten (hier: San Francisco 1964)

Foto: Rolls Press/Popperfoto/Getty Images

Mein Ohr hing dicht am Radio, wenn ich montags die Schlager der Woche im RIAS hörte, denn weder meine Oma noch meine Eltern wollten mithören. 13 war ich, als mich die Nummer zwei besonders elektrisierte: ein unverschämt harter und zugleich unerhört melodischer Klang – englischer Chorgesang, in dem ich auch Frauenstimmen vermutete. Erwartungsgemäß lag I Want to Hold your Hand in der nächsten Woche auf Platz eins. Das sei die Revolution in der Musik, sagte ich meiner Schulfreundin Barbara per Telefon. Ihre Eltern waren im englischen Exil gewesen, englische Angelegenheiten waren ihr daher recht vertraut und sie bestätigte sofort: „Ja natürlich, das sind doch die berühmten Beatles! Tolle vier Jungs! Und so wahnsinnig hübsch!“ Ihre England-Connections funktionierten so gut, dass sie bald viele Beatles-Platten hatte und ihren Freundinnen Beatles-Fotos schenken konnte. Porträts der Pilzköpfe hingen im DIN-A4-Format über meinem Bett. Das entsprach etwa der Lebendgröße und meine Mutter behauptete, sich zu erschrecken, wenn sie in mein Zimmer trat. Barbara war in Paul McCartney verknallt und teilte ihren drei Freundinnen autoritär jeweils einen anderen Beatle zu. Auch ich hätte Paul bevorzugt, musste aber mit George Harrison vorliebnehmen. Wera wurde Ringo Starr zugeteilt und Birgit bekam John Lennon. Wenn ich zu einer Party ging, lieh mir Barbara großzügig ihre Platten aus. Die Beatles veränderten sogar das Tanzen. Hatte der Twist noch ein charakteristisches Bild abgegeben, das man ein bisschen üben musste, herrschte jetzt vollkommene Freiheit. Man zuckte einfach im Rhythmus, wie es einem gerade passte.

Schreihysterie? Ohne mich

Unsere Beatlemania war noch frisch, als wir zu einer Party zu Thomas Natschinski eingeladen wurden, dem Sohn des bekannten Schlager-Komponisten Gerd Natschinski. Thomas überraschte uns mit einem Kellerkonzert seiner kurz zuvor gegründeten Band, die Team 4 hieß. Erstaunlicherweise präsentierten drei der Jungen elektrische Gitarren – wo hatten sie die bloß her? Ein vierter saß hinter dem Schlagzeug. Sie spielten und sangen mehrere Beatles-Titel, was in dem kleinen Raum einen ebenso grandiosen wie ohrenbetäubenden Lärm machte. Der steigerte sich noch, als die wild tanzende Partygesellschaft plötzlich grell zu schreien begann, wie man es von Fernsehbildern des englischen Mädchenpublikums her kannte. Da machte ich nicht mit, weil es mich an die Schreihysterien des „Dritten Reichs“ erinnerte.

Einige Zeit gehörte ich zum engeren Fanclub von Team 4, das bei Veranstaltungen 60 Prozent deutsche Eigenproduktionen vortrug, wie es die Kulturbürokratie vorgab. Da Walter Ulbricht geäußert hatte, dem „Yeah-yeah-yeah“ der Beatles nichts abzugewinnen, dauerte es bis 1965, dass die DDR eine Beatles-Langspielplatte herausbrachte. Ermöglicht hatte das der Hinweis „Das sind doch Arbeiterjungs!“ des auch aus englischer Emigration gekommenen Musikwissenschaftlers Georg Knepler, dessen Sohn zu Team 4 gehörte. Als John Knepler auf einer Bühne des Pionierparks Ernst Thälmann A Play With Me Is A Play With Fire vortrug, war klar, dass auch die Stones Großes hervorbrachten.

Nach und nach wurden politisch engagiertere Musiker meine Idole: Pete Seeger, Joan Baez und Peter, Paul & Mary. Die Show, die die Beatles darboten, erschien mir plötzlich albern. Wenn man sie aber mit dem vergleicht, was spätere Rock-Bands abzogen, wirkt sie aus heutiger Sicht brav. Ganz zu schweigen von den schnittigen Anzügen, Hemden und Krawatten, die die Beatles in den ersten Jahren trugen. Dass sie bald zu legererer Kleidung übergingen, weist auf den Kulturbruch, den sie selbst verkörperten: zuerst noch verbürgerlichte, dann universalisierte Arbeiterklasse im Rausch des Fordismus, der ein fröhlicheres Leben für alle versprach und für viele auch tatsächlich brachte. Dieses Versprechen gab damals auch die sozialistische Welt, weshalb die Beatles nur von stursten Ideologen abgelehnt werden konnten.

Unter der Patina des bereits Historischen aktiviert jeder heute erklingende Beatles-Song noch den alten Zauber. Das war schon ganz, ganz große Kunst. Und der ungeheure Spaß, den sie selber beim Spielen hatten, war nicht gespielt. Selbst in der hysterischen Enthemmung der Fans, die ich nicht schönreden will, steckte womöglich ein Stück Emanzipation. Auch Sexualität für alle lag im fordistischen Geschenkkorb des „anything goes“. Das große zweibändige Kommentarwerk, das Paul McCartney unter dem Titel Lyrics jetzt zu 154 seiner Songs abgeliefert hat, bringt es – bezüglich Girls’ School (1977) – auf den Punkt: „Als Teenager hatten wir es nicht leicht gehabt, an Mädchen heranzukommen (…) Als die Pille auf den Markt kam, brach natürlich die Hölle los. Oder vielleicht auch der Himmel.(...) Ich bin froh, dass es diesen ungeheuerlichen Teil meines Lebens gab (…) Als ich den Song schrieb, war ich natürlich längst viel gesetzter geworden, hatte eine Familie und konzentrierte mich inzwischen auf andere Dinge.“ In ihrer wilden Zeit blieben auch die anderen Beatles nicht stecken, sondern wurden zu tieferen und längeren Bindungen fähig.

Tiefere Bindungen hatten die vier auch untereinander, ungeachtet der bekannten und – so schreibt McCartney – öffentlich stark aufgebauschten Reibereien und Zwiste, die 1970 zum Bersten der Band beitrugen. Hätten sie damals nur kommerziell gedacht, hätten sie die bisherige Erfolgsmasche verstetigt. Das hätte sie aber wie Elvis Presley in fatale Dekadenz geführt. Obwohl sie gegen den alten Schlagerkitsch neue Maßstäbe gesetzt hatten, sei es nun auch ein Befreiungsschlag gewesen, dass Lennon nicht mehr „Kitsch für schreiende Mädchen“ produzieren wollte. Im Zuge der Auflösung gab es Streit und Prozesse um Geld. Dennoch haben die Beatles später immer wieder mal zusammengearbeitet, einander geholfen und kamen sich menschlich wieder nah. In ihren Solokarrieren konnten sie stärkere eigene Profile entwickeln.

In der Band aber war eine einzigartige Bündelung von Naturtalenten zustande gekommen: „Wir vier wussten immer, wie wir aufeinander einsteigen und spielen, und das war unsere eigentliche Stärke“, erinnert sich McCartney. Das „Geheimnis“ der Beatles sei gewesen, dass sie sich das Musikmachen selbst beigebracht hatten. Klavierunterricht mit vorgeschriebenem Takt hatte keinem von ihnen Spaß gemacht. „Wir konnten keine Noten lesen und auch nicht schreiben, wir mussten uns alles ausdenken.“

Wenn er und Lennon an Songs bastelten, wurde Musikalisches und Sprachliches zusammengeboren. Balladen kamen so nicht zustande. Inspirationen aus dem realen Leben verwandelten sich in hochtönenden, manchmal surrealen Sprachbruch. Oder man griff einen von Ringos Sprachunfällen auf: „Wer hätte gedacht, das die verdrehte Formulierung A Hard Day’s Night ein Versprecher von Ringo war? Oder Lovely Rita eine echte Politesse, die ich gegenüber der chinesischen Botschaft am Portland Place gesehen habe? Dass ich ohne Hurrikan Bob und einen Stromausfall auf Long Island vielleicht niemals Calico Skies geschrieben hätte? Oder dass ,Do It Now‘ ein Spruch meines Vater war, wenn er meinen Bruder und mich auf die Straße geschickt hat, damit wir Pferdeäpfel auflesen?“ Sie dienten als Dünger für den Garten.

Kaum zu glauben – McCartney schrieb auch einen explizit politischen Song. 1972, entsetzt vom Blutsonntag in Derry, schrieb er: Give Ireland Back to the Irish. Der Song fiel der englischen Zensur zum Opfer und existiert nur in einer amerikanischen Aufnahme. Immer wieder musste McCartney versichern, dass es kein Schlachtruf für die IRA war. Auch knappe, aber virtuos musizierte Texte lösten beim Publikum tollste Assoziationen aus. Geht man unverkrampft ans Songschreiben, meint McCartney, „wenn es sich von alleine ergibt, fließt ein gewisser Spaß ein in das, was man schreibt. Das hat eine gewisse Magie. So vieles, was wir gemacht haben, ist eher aus einem tiefen Staunen heraus entstanden und nicht aufgrund von erworbenen Kenntnissen.“

Jenseits der Regelwerke der Musiktradition, nur mit der Freude an Rhythmen und Tönen – so eine Rückkehr zu den Urwurzeln braucht jede Kunstsparte von Zeit zu Zeit. Um sich später wieder der Tradition zu bedienen. Die Beatles zogen auch mal klassische Orchestertöne und außereuropäische Musik hinzu. In diesen zwei Prachtbänden mit vielen Fotos erzählt McCartney viel kaum oder gar nicht Bekanntes über Entstehung und Weiterleben seiner Songs. Faksimiles der Handschriften, die Ehefrau Linda sorgfältig archiviert hat, verströmen Auratisches auch in der Reproduktion.

Paul McCartney: Lyrics Paul Muldoon (Hrsg.) Conny Lösch (Übers.), C.H. Beck 2021, 912 S., ca. 647 Abb., 78 €

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Geschrieben von

Sabine Kebir

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