Der Himmel über Haifa

Israel Autoren aus Israel und der ganzen Welt plädieren für ein „Paradigma des Teilens“, um den Palästinensern endlich den Staat zu verschaffen, der ihnen zusteht

Bei uns lässt ungewöhnliche Winterkälte die Sorge um den Klimawandel wachsen. In Nordisrael ist es das anhaltende Sommerwetter. Statt des zu dieser Jahreszeit üblichen Regens, präsentiert der Himmel über Haifa scheinbar unwiderrufliches Blau, als sich Anfang Dezember 2010 dort ein Häufchen israelischer und internationaler Autoren trifft. Ursprünglich war die Konferenz Words beyond borders vom Writers-for-Peace-Committee des Internationalen PEN geplant worden, das sich aber auf Druck arabischer PEN-Zentren zurückzog. Obwohl kaum mehr damit zu rechnen war, dass arabische Autoren kommen würden, hielt ich es für sinnvoll, an der Konferenz teilzunehmen und die israelische Friedensbewegung zu unterstützen.

Ein Attentat? Oder ein Raketeneinschlag?

Wenn man das Gebot „Du sollst nicht töten“ ernst nehme, meint die Dichterin und Literaturwissenschaftlerin Bluma Finkelstein – sie organisierte die Tagung – sei es „Gotteslästerung, für ein Territorium zu sterben oder zu töten.“ Sie empfinde Attacken auf den israelischen Staat als persönliche Attacken, „dabei attackiere ich selbst Israel und die extrem rechten Juden so heftig, dass ich mich an der Seite der größten Feinde meines Volkes situieren könnte … Dass wir nicht in einem Ozean von Freunden baden, ist keine Entschuldigung.“

Vorträge und Debatten hoben hervor, dass der Bestand des jüdischen Staates nur gesichert bleibt, wenn auch ein palästinensischer Staat entsteht. Edna Gorney aus Israel rief zum Niederreißen der geistigen und realen Mauern des Hasses auf, mit denen sich das Land selbst isoliert. Zerki Ergas aus der Schweiz und Edvard Kovac, der aus Slowenien stammende Vorsitzende des Writers-for-Peace-Committee, forderten ein neues „Paradigma des Teilens“, da nicht mehr nur die Erde, sondern auch andere knapp werdende Güter wie Wasser und saubere Luft zu Konfliktgründen geworden sind. Nachdem auch die Portugiesin Theresa Salema auf den Zusammenhang von Friedens- und ökologischer Arbeit verwiesen hatte, gab in der Mittagspause eine von Südosten über Haifa sich ausbreitende dunkle Wolke Anlass zu unheimlichem Rätseln. Ein Attentat? Oder ein Raketeneinschlag aus dem nahen Libanon? Dafür sei die Wolke zu groß, meinten die israelischen Freunde und verfielen keineswegs in Panik. Es müsse sich um einen Brand handeln.

Dass es sich um den größten Waldbrand handelt, den Israel je erlebt hat, und bereits 42 junge Polizisten in ihrem Bus umgekommen sind, nachdem sie ein Gefängnis evakuiert haben, erfahren alle erst am Abend. Hinter dem Carmel-Gebirge erhellt ein schauerlich flammender Gürtel die Nacht. Der Einladung zum Dinner beim Drusenscheich Ali Birani in Daliat-el-Carmel kann nicht Folge geleistet werden, weil der Ort mitten in der gefährdeten Region liegt. Israel besitzt keine Löschflugzeuge, um mit dieser Katastrophe fertig zu werden. Sarkastischer Kommentar: „Für den Krieg haben wir immer alles, was wir brauchen.“ Flugzeuge aus Griechenland, der Türkei und Ägypten helfen schließlich, so dass der Brand nach Tagen unter Kontrolle ist. Aber wegen der vielen Toten wird ein für das Wochenende anberaumtes multikulturelles Fest abgesagt, mit dem sich Haifa als zukunftsfrohe Friedensstadt präsentieren wollte.

Dschihad als Charakterfrage

Es fehlt nicht an Gruppen, die öffentlich Friedenswillen bekunden. So erhalten die Tagungsteilnehmer eine Einladung der Bahais, deren weltweit wichtigstes religiöses Zentrum in Haifa liegt. Die Gebeine ihres 1850 im Iran hingerichteten Begründers Mirza Ali Mohamed wurden 1909 hierher gebracht. Sein monumentales Mausoleum und die es umgebenden, steil vom Carmel-Gebirge abfallenden Gartenanlagen sind das imposante Wahrzeichen der Stadt. Die Bahai, so wird uns erklärt, beten einen universalen Gott an, der die friedfertigen Elemente aller Religionen anerkennt und zur Zusammenarbeit aufruft, ohne dass die Gläubigen ihre eigene religiöse Identität aufgeben müssen. Das klingt wunderbar und die nichtorthodoxen Israelis verstehen die Bahais deshalb auch als wertvollen Teil ihres Gemeinwesens. Dies führt freilich dazu, dass die Bahais in ihrem Ursprungsland Iran wieder stärker verfolgt werden, weil sie angeblich Spionage für Israel betreiben.

Etwas weniger prekär ist die Lage der aus Indien stammenden islamischen Sekte der Ahmadyya, die seit 1927 einen Stützpunkt in Haifa, im Quartier Kababir hat. Dort erklären uns zwei wortgewandte junge Imame, dass der Hauptunterschied der Ahmadis zu anderen islamischen Gruppen in der Auslegung des Dschihad bestehe, den sie allein als gewaltlosen Kampf verstehen, um den eigenen Charakters zu vervollkommnen. Jeder ernstzunehmende islamische Theologe würde den Dschihad in erster Linie genauso und erst dann als Notwehr definieren. Dass sie einen Begriff der Notwehr nicht zu kennen scheinen, trennt die Ahmadis von anderen Muslimen, von denen sie oft verdächtigt werden, früher allzu enge Bande mit den Engländern unterhalten zu haben und heute mit Israel zu kooperieren.
Natürlich lässt sich nicht abstreiten, dass die Muslime, die ihr Existenzrecht innerhalb Israels aufrecht erhalten wollen, zu einem gewissen Maß an Zusammenarbeit gezwungen sind. Es ist wichtig, darin auch eine Chance zu sehen. Beide Seiten üben dabei Haltungen ein, die einem umfassenden Friedensprozess zugute kommen könnten.

Organspender Achmet

Der Wunsch, Frieden einzuüben, wird auch durch einen Spaziergang durch die noch immer von Palästinensern bewohnte Altstadt von Haifa bestärkt. Den Hauptweg durch dieses Areal haben Bildhauer und Maler mit Kunstwerken zu einer Friedensmeile werden lassen. An vielen Mauern hängen Tafeln mit Gedichten in hebräischer und arabischer Sprache. Die hellblaue Grundierung und die weiße Friedenstaube assoziieren die Farben der israelischen Flagge, was den Verdacht weckt, dass nur ein Frieden zu den Bedingungen Israels gemeint sein kann. Beeindruckend aber sind Ruinenfassaden, in deren Fenster nach Fotos entworfene Bilder einer ehemaligen arabischen Bewohnerin eingelassen sind. Darunter ein großes Fresko, auf dem jüdische Einwanderer ratlos in einer verwüsteten Landschaft stehen – ein Kontrast zu den Bildern von hoffnungsfrohen, energiegeladenen Pionieren, wie jüdische Einwanderer der vierziger Jahre meist dargestellt werden.

In Beit Hagefen, dem jüdisch-arabischen Kulturzentrum in der Altstadt, soll ein Treffen mit palästinensischen Intellektuellen stattfinden, darunter Fakhri Hamad, der Direktor des Kinos von Jenin, einer Stadt auf der Westbank, aus der bislang 20 Selbstmordattentäter nach Israel kamen. Das in der ersten Intifada durch die Israelis zerstörte Filmhaus wurde mit deutscher Hilfe restauriert und im August 2010 wieder eröffnet.

In den Träumen von Bluma Finkelstein entsteht bereits eine Partnerschaft zwischen Cinema Jenin und der Cinematèque Haifa. Einstweilen aber müssen die Eingeladenen nicht nur mit dem Misstrauen der eigenen Behörden rechnen. Auch damit, an israelischen Check-Points zu stranden. Fakhri Hamad kommt nicht, dafür aber Ismail Khatib, der Vater des 2005 von einem israelischen Soldaten tödlich verletzten elfjährigen Achmet. Als sich seinerzeit in der Intensivstation herausstellte, dass der Junge nicht zu retten war, überzeugte ein Krankenpfleger die Eltern, seine Organe für andere – auch israelische Kinder – zu spenden. Mit einer Niere Achmet lebt seither die kleine Menuha, Tochter orthodoxer jüdischer Eltern, die sich ein Zusammenleben von Juden und Palästinensern nicht vorstellen können. Wie die anderen Familien der Empfängerkinder wussten sie zum Zeitpunkt der Implantation nicht, dass dem Überleben ihrer Tochter der gewaltsame Tod eines jungen Palästinensers voranging. Schließlich stimmten sie zu, dass auch die in Israel geltende Anonymität zwischen Spender und Empfänger aufgehoben und ein Besuch des Vaters Ismail Khatibs in ihrem Haus gefilmt wurde. Damit war dessen große Geste nicht nur eine sensationelle Tagesmeldung wert. Markus Vetters Film Das Herz von Jenin war in Israel zunächst nur in zensierter Version sehen, ist mittlerweile aber auch im staatlichen Fernsehen ohne Schnitte gelaufen.

Ja, er habe Hoffnung auf Frieden , sagt Ismael Khatib, wisse aber auch, dass der ohne Schmerzen nicht zu haben sei. Die Organe seines Sohnes zur Transplantation in Israel frei zu geben, sei eine Geste der Versöhnung gewesen, doch reiche das nicht aus. Es dürfe nicht zur Normalität erklärt werden, dass man sein Land seit sechs Jahrzehnten besetzt halte. Die Palästinenser müssten endlich ihren lebensfähigen Staat aufbauen können.

Hand in Hand

Dass der Frieden Handlungen benötigt, bei denen jede Seite etwas preisgibt und zwar auch, wenn es schmerzt, davon ist auch Yaël Armanet-Chernobroda überzeugt. Als sie 2008 den Streifen Das Herz von Jenin sah, entschloss sie sich, Kontakt zur Familie Shadi Tobassis zu suchen, des 24-jährigen Selbstmordattentäters, bei dessen Anschlag auf das Matza-Restaurant in Haifa 2002 ihr Mann Dov getötet wurde. Der nächste Film Vetters wird erzählen, wie schwer Yaël der Weg nach Jenin fiel und wie Schedi Tobassis Familie mit sich ringen musste, bis seine Mutter schließlich mit ihr Hand in Hand durch die Stadt lief.

Israel müsse den Anspruch aufgeben, moralisch immer Recht zu haben – diese Haltung repräsentiert kaum jemand radikaler als der immer wieder intervenierende 84-jährige große israelische Romancier Sami Michael. Er mag es nicht, wenn in Menschen- und Frauenrechtsfragen nur auf die Schwächen der muslimischen Seite hingewiesen wird. Auf einen in Israel gemeldeten Ehrenmord bei Muslimen, sagt er, kämen fünf Eifersuchtsmorde in der jüdischen orthodoxen Gesellschaft. Die Frauen müssten sich dort nicht nur den Kopf bedecken, sondern sogar die Haare rasieren. Auch in der modernen israelischen Gesellschaft sei der Mann noch Herrscher der Familie und identifiziere Eifersucht mit Liebe.

In diesem kritischen Geist arbeitet auch das älteste autonome Frauenzentrum Israels Isha L`Isha (Frau zu Frau), das sich in Haifas Hillel-Street 47 befindet, gegen Gewalt und Entwürdigung arabischer und jüdischer Frauen. Weil die Initiative überzeugt ist, dass es die fortgesetzte Kriegssituation ist, die patriarchale Strukturen in beiden Gesellschaften konserviert, gehört sie zu den konsequentesten Friedenskräften in Israel. Sie lässt sich nicht das tabuisierte Recht absprechen, offen die Nuklearanlagen ihres Landes zu nennen. Einige liegen – laut einer durch Isha L`Isha veröffentlichten Karte von Greenpeace – in der Umgebung von Haifa. Ebenso wie der Standort für die Rafael-Waffenwerke, wo moderne Elemente für Streubomben hergestellt werden, die deren Geschosse präzise lenkbar machen. WikiLeaks enthüllte, dass die USA die Produkte der Rafael-Werke auf eine Liste für Waffensysteme gesetzt haben, die für ihre eigenen „Sicherheitsinteressen“ von vitaler Wichtigkeit seien. Das heißt, dass diese Produkte nicht nur gegen die Palästinenser, sondern auch in Afghanistan zum Einsatz kommen.

„Kann dieser Kriegswahn ein Ende finden,“ frage ich auch meine junge Freundin Efrat, die nach ihrem Logopädie-Studium in Berlin nun wieder in Israel lebt. „Ich bin dafür“, sagt sie ohne Umschweife. „Aber man muss auch sehen, dass viele Leute hier davon leben. Man verdient einfach gut, wenn man in der Armee Karriere macht. Woanders ist es schwer, einen guten Job zu finden.“ Sie habe auch einen Verwandten, der Pilot sei. „Er ist dabei, wenn bombardiert wird. Dann drückt auch er auf den Knopf. Schade, denn er ist eigentlich sympathisch.“

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12:30 30.12.2010
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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Ausgabe 41/2021

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