Der lange Schatten der Karikaturen

Unterlassene Hilfestellung Bei einer Gewalteskalation aus religiösen und politischen Motiven wächst die Verantwortung der Zivilgesellschaft

Der Streit um die Mohammed-Karikaturen hat Teile der islamischen Welt in Zorn versetzt und die Europäer verunsichert. Wie konnten ein paar Zeichnungen Demonstrationen auslösen, die zur Brandschatzung westlicher Botschaften und vielen Toten unter den Protestierern führten? Auch fragt man sich, ob diese Reaktion schon durch das grundsätzliche Verbot des Islam heraufbeschworen wurde, Gott und den Propheten abzubilden? Oder war es die Darstellung des Propheten als Terrorist, die alles ausufern ließ?

Hinter beiden Vermutungen verbirgt sich die Vorstellung von einer hoffnungslosen Rückständigkeit des Islam. War nicht der Fortschritt der abendländischen Kunst und Kultur untrennbar mit den bildlichen Darstellungen der christlichen Mythologie verbunden? Dem wäre zu entgegnen, auch das Judentum kam mit einem religiösen Bilderverbot ganz gut in die Moderne. Bliebe das Argument von der angeblichen Aggressivität des heutigen Islam, der sich schon in seiner Gründungsphase mit kriegerischen Mitteln ausgebreitet habe. Aber hat das Christentum die Friedensbotschaft von Jesus und besonders dessen Wunsch, dass der Geschlagene dem Schläger auch noch die andere Wange hinhalten sollte, nicht immer wieder in den Wind geschlagen?

Dass es im Westen nicht nur Konsternierung, sondern zum Teil auch Interesse gab, den Streit weiter anzuheizen, um der Welt die zurückgebliebenen Muslime vorzuführen, demonstrierte höchst augenfällig ein italienischer Minister, der sich vor laufenden Kameras das Hemd aufriss und ein T-Shirt mit einer der Karikaturen präsentierte. Bekanntlich kam es daraufhin zu einer Demonstration in Libyen, bei der elf Menschen starben.

Aus meiner Sicht ist es erstaunlich, dass auch in etlichen Leserbriefen an den Freitag die Auffassung vertreten wurde, der Westen habe im Karikaturenstreit in erster Linie auf seinen Grundwert der Pressefreiheit zu pochen. Das deutet auf Informationsdefizite über Umfang und Tiefe der derzeitigen Konfliktlage. Wer sie nur unter dem Aspekt betrachtet, dass im Westen keine Regierung den Zeitungen vorschreiben kann und soll, was sie drucken, zugleich aber verlangt, dass islamische Regierungen gegen hetzerische Mullahs und Imame vorgehen sollen, muss Folgendes wissen: In den entsprechenden Ländern besteht eine mit unserer Pressefreiheit durchaus vergleichbare Unabhängigkeit der Priesterschaft gegenüber dem Staat. Dem Recht und der Tradition nach darf sie weder ein Herrscher noch der Staat bezahlen oder kontrollieren. Im Prinzip, wonach die Gläubigen für Unterhalt und Bau von Moscheen aufkommen müssen, steckt ein Keim der Laizität. Dass im Zeitalter der Globalisierung die Imame auch Mittel aus dem Ausland - vorzugsweise der Golfregion - bekommen, ist zwar problematisch, entspricht aber den heutigen Spielregeln (auch jede NGO soll nach westlichem Verständnis unabhängig von ihren Geldquellen global agieren dürfen). Deshalb können Regierungen islamischer Länder die Priesterschaft genauso wenig zur Räson rufen wie unsere Regierungen die Presse.

Die politische Verantwortung für den Abdruck von Artikeln und Bildern liegt in der Hand der Chefredakteure. Die politische Verantwortung für die unglückseligen Demonstrationen liegt in der Hand von Imamen und Muftis mit für uns schwer nachvollziehbaren geistigen und finanziellen Hintergründen. Die Gefahr, die sich dabei immer stärker manifestiert, liegt gerade darin, dass mittlerweile bei beiden Konfliktparteien Kräfte aktiv sind, die tatsächlich unkontrollierbar erscheinen und militärischen Aktionen vergleichbare Effekte auslösen. Hier werden die Ideen wirklich zur materiellen Gewalt. Dessen sollte sich die Zivilgesellschaft bewusst sein.

Dass die westlichen Militärallianzen in erwartbarer Kriegsmanier in Belgrad, Kabul und Bagdad nicht nur die Nachrichtensender des Feindes sofort bombardierten, sondern auch die Niederlassungen des in Europa als unabhängig anerkannten Fernsehsenders al Djazeera; dass die US-Besatzungsmacht im Irak gezielt Texte in angeblich unabhängige Zeitschriften lanciert - es zeugt davon, dass auch im Westen die Pressefreiheit in Gefahr ist, wenn man sich in einem Ausnahmezustand befindet. Gerade dann müsste sie sich ebenso bewähren, wie man das vom zivilisatorischen Wert des Folterverbots erwartet.

Wenn es immer mehr Akteure gibt, die durch die Staaten nicht kontrolliert und gemäßigt werden können, kann sich die Zivilgesellschaft dieser Aufgabe weniger denn je entziehen. Sie muss sich entscheiden, ob sie zur Gewalt oder zur Mäßigung beitragen will. Ein großartiges Beispiel für zivilgesellschaftliche Verantwortung - und zugleich für die Pressefreiheit - scheinen mir die Zeitungsartikel in der New York Times zu sein, die jüngst auf eine Verwicklung deutscher Geheimdienste und möglicherweise der deutschen Regierung in das irakische Kriegsgeschehen aufmerksam machten. Hier geht es um Substantielleres als die zweifelhafte Frage, welche der beiden Konfliktparteien zivilisierter sei als die andere. Diese Art des Wettbewerbs sollte obsolet sein, solange auf der einen Seite unschuldige Zivilisten durch Bomben und Panzergranaten und auf der anderen durch Selbstmordattentate getötet werden.

Es entspricht der derzeitigen Anheizung von Konflikten mit dem Islam, dass in Deutschland von Nachwuchskräften ein Wissenschaftsstreit ausgelöst wurde, bei dem eine schärfere Orientierung der Islamforschung auf die Probleme der Frauen und Jugendlichen, besonders deren sexuelle Unterdrückung, gefordert wird - ein Indiz für die politische Instrumentalisierung eines Teils der Islamwissenschaften. Tatsächlich gab es in der Zeit, als der Islamismus noch ein Verbündeter des Westens im Kampf gegen Regimes mit sozialistischer Orientierung war, einen Strang der Islamforschung, der Probleme der sexuellen Unterdrückung als kulturelle Differenz verharmloste. Dies hatte erhebliche Konsequenzen, nicht zuletzt auf Argumentationen zur Sozialarbeit, man denke nur an den Kopftuchstreit. Die konservative Familienministerin Claudia Nolte (CDU) hatte sogar empfohlen, milde Formen von Klitorisbeschneidungen in der Bundesrepublik zu tolerieren.

Wie sehr ein fragwürdiges Verständnis von "Multi-Kulti" nicht nur bei den Grünen, sondern bei allen Parteien in die Rhetorik und Programmatik hineingewirkt hat, wollen viele heute gern vergessen. Doch wäre es genauso falsch, den Mangel an Pressefreiheit oder die sexuelle Unterdrückung im Islam als weiteren Grund für einen Clash of Civilisations hoch zu stilisieren. Die Zivilgesellschaft müsste all dem energisch begegnen. Es ist keinesfalls eine Geste der kulturellen Toleranz, sondern eher ein Zeichen für unterbliebene Hilfestellung, wenn wir ungleiche Chancen sexueller Emanzipation an deutschen Schulen zulassen. Kopftuch, Zwangsheirat und Ehrenmorde sollten genau so wenig wie die muslimischen Überreaktionen auf die Karikaturen als stillschweigende Rechtfertigungen geplanter militärischer Eskalationen in Betracht kommen.


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01:00 17.03.2006
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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