Der letzte Tag des Monsters

Konkrete Menschen In seinem Roman "Der letzte Tag des Präsidenten" schreibt Nagib Machfus über eine Liebe in schwerer Zeit

Nachdem Anwar el Sadat 1970 die Präsidentschaft Nassers geerbt hatte, erregte er bald internationales Aufsehen, weil er 1971 die sowjetischen Militärberater aus dem Land warf und sie durch westliche ersetzte. Sein Sieg im vierten arabisch-israelischen Krieg 1973 brachte Ägypten den Sinai zurück. Im Ausland viel weniger wahrgenommen wurde die durch Sadat eingeleitete ökonomische Wende. Von Nasser errichtete Staatsbetriebe wurden privatisiert, der riesige ägyptische Markt dem Westen geöffnet, weshalb der Vorgang im arabischen `Infitah´ genannt wurde: `Öffnung´. 1981, als er am Jahrestag seines Sieges die Militärparade abnahm, wurde Sadat von einem Attentäter in Uniform erschossen - wie sich herausstellte, ein Islamist.

Der nur vier Jahre später erschiene Kurzroman von Nagib Machfus erzählt nicht etwa den letzten Tag des Präsidenten selbst, sondern den eines Liebespaares, das wegen der ökonomischen Schwierigkeiten, die die Infitah auch den Mittelklassen beschert hat, schon Jahre lang nicht heiraten kann. Alwan und Randa stammen aus Nachbarsfamilien, lieben sich seit der Kindheit und arbeiten in der Verwaltung "eines Betriebes, der Nahrungsmittel produziert. Er gehört zum staatlichen Sektor. Wir sind in der gleichen Abteilung beschäftigt - Öffentlichkeitsarbeit und Übersetzungen." Aber beider Lohn reicht nicht für mehr als das unmittelbar Lebensnotwendige. Sie haben nicht die kleinsten Rücklagen für eine Haushaltsgründung. Randa zählt schon 26 Jahre, bald zu alt, um sich anderweitig zu verheiraten.

Die Welt ist aus den Fugen geraten. Alle arbeiten von früh bis spät und möglichst auch noch nachts. Alwans Eltern sind deshalb kaum noch zu Haus, geschweige denn zu Gesprächen bereit. Der Haushalt wird vom Großvater geführt, dem einzigen, der Zeit und Mitgefühl für seinen Enkel hat. Dessen Qual besteht schon lange nicht nur darin, dass er sich mit heißen Küssen begnügen muss, sondern dass er weiß, Randas Glück im Wege zu stehen. "Das Einzige, was wir besitzen, sind Liebe und Beharrlichkeit. Verlobt haben wir uns zur Nasser-Zeit, aber mit der Wirklichkeit konfrontiert wurden wir in der Zeit der Wende. Wir sind mitten in einen Strudel geraten, der uns immer tiefer in eine verrückte Welt zieht. Es gibt nicht einmal die Möglichkeit, in einem anderen Land zu arbeiten. Für Philosophen und Historiker gibt es keinen Bedarf. Man braucht uns nicht. Aber das trifft uns nicht allein, solche wie uns gibt es massenweis. Wieso sind wir in dieses Loch gefallen? Natürlich schlage ich mich mit Selbstvorwürfen herum, schließlich trage ich die Verantwortung. Randa ist hübsch und gefragt, und wie ein riesiger Damm versperre ich ihr den Weg zum Glück. Ihre Eltern scheinen genau so zu denken, ihre mürrischen Blicke sprechen Bände."

Da Randa Alwan nicht weniger liebt, kommt eine Entlobung aber nicht in Frage. "Einmal, wir saßen im `Rasthaus´ bei den Pyramiden, schlug ich aus Spaß vor, mal unsere Feinde aufzuzählen. Randa überlegte nicht lang. `Das Wende-Monster und die sich gegenseitig überbietenden Lumpen.´Der Chef der Bande weiß, wie er an Geld kommt. Wer sonst stachelt den Glaubenskrieg an? Hat das Parlament früher getanzt, singt es heute. Neue Banken. Importe in fremder Währung. Berge von Käse, teure Eier. Bündelweise Geld in den Nachtclubs bei den Pyramiden...Schmeißen wir doch alle [Bürger] raus aus dem Land und vermieten es möbliert! Ein Schmierenkomödiant, mehr nicht. Und dann sind da noch die guten Freunde - Begin, Kissinger. Uniformen wie bei Hitler und Auftritte wie bei Chaplin."

Soll Alwan - wie es ein Freund getan hat - trotz allem einfach heiraten und ein Zelt in der Wüste aufschlagen? Plötzlich präsentiert sich eine Lösung im Doppelpack. Eingeladen von seinem Direktor, lernt Alwan dessen Schwester, eine attraktive Matrone kennen, die den jungen Mann unverhohlen zu ihrem Lieb- und Teilhaber eines prächtigen Erbes machen will. Alwan gerät in Versuchung, zögert jedoch. Nun stellt sich auch noch heraus, dass der Direktor ein Auge auf Randa geworfen hat. Er sucht eine präsentable Gattin, die seinen bereits in die Wege geleiteten Übergang in Privatwirtschaft charmant flankieren kann. Bedrängt von Zukunftsängsten, den Eltern und schließlich auch vom Verlobten, gibt Randa nach. Aber das - in Opposition zum atheistischen Vater - leicht frömmelnde Mädchen sieht sich außerstande, in Herrenrunden mit Whisky und obszönen Witzen die Dame zu spielen. Es kommt bald zur Scheidung. Und am Tag, als der Präsident ermordet wird, begeht auch Alwan einen Mord. Die Vertuschungsvorschläge der Matrone werden abgelehnt. Die Liebe hat gesiegt. Wenn sich die Wartezeit der Liebenden nun auch noch einmal auf unbestimmte Zeit verlängert.

Machfus hat in Doris Kilias eine kongeniale Übersetzerin gefunden, die zudem den Mut hatte, "infitah" mit "Wende" zu übertragen. Dadurch gewinnt der Roman eine welthistorische Bedeutung, von der der Autor 1985 selbst noch nichts wusste. Denn die "infitah" in einem der Führungsländer der Dritten Welt leitete tatsächlich jene große restaurative Wende ein, in der zunächst Entwicklungsländer und am Ende die Sowjetunion selber den Anspruch eines selbstzentrierten Fortschritts aufgaben und sich der neoliberalen Dynamik unterwarfen. Der Roman ist auch deshalb politisch interessant, weil er die enormen Modernisierungen und Emanzipationschancen offenbart, die die ägyptische Gesellschaft in der Nasser-Zeit erlebte. Den neuen Problemen und Empfindungen der einfachen Leute gibt Machfus weitaus unverhohlener Ausdruck, als es alle deutschen Wenderomane zusammen getan haben. Seine Ironie trifft die schlechte Welt, keineswegs die angeblich nicht anpassungswilligen, angeblich ewig gestrigen Opfer. Indem alle Personen den "letzten Tag des Präsidenten" aus der Ich-Perspektive erzählen (echt komisch ist der haushaltführende Großvater), arbeitet er sehr genau heraus, dass es um die sehr kurze Zeit im Leben von konkreten Menschen geht, in denen sie selber in der Lage sind, sich eine wirkliche Zukunft aufzubauen. Kann diese Zeit nicht genutzt werden, ist ein Menschenleben zerstört, der Weg zur Gewalt offen. Gerade mit dieser Konzentration auf den Wert des individuellen Lebens ist Machfus´ Werk weitaus moderner als die hierzulande grassierende Idee, dass eine aus Gutmenschen bestehende Zivilgesellschaft die Probleme der Jugendarbeitslosigkeit und der daraus entstehenden Gewaltpotenziale auf Dauer lösen könnte.

Der Roman wendet sich an die breite Leserschaft, die auch die berühmten ägyptischen Seifenoper-Serien anschaut, steht aber konträr zu jedem Anflug von Schwulst und Kitsch. Dass der Direktor mit Vornamen Anwar und Randas Vater Mubarak heißen - möglicherweise gibt es noch mehr Wortspiele - hat die ägyptischen Leser sicher erfreut. Der Text hat nicht die epische Ausführlichkeit der früheren, großen Romane von Machfus, sondern atemberaubendes Tempo. Er ist mit wunderbar leichter Hand geschrieben - wie sie nur wenige Autoren auf dem Gipfel ihrer Meisterschaft erlangen.

Nagib Machfus: Der letzte Tag des Präsidenten. Roman. Aus dem Arabischen von Doris Kilias. Unionsverlag, Zürich 2001, 221 S., 38,- DM.

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02:00 12.10.2001
Geschrieben von

Sabine Kebir

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Ausgabe 42/2021

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