Der mediale Geleitschutz

Afghanistan-Nachlese Wie die „Bild“ und die „taz“ 2001 mit dem sich abzeichnenden deutschen Kriegseinsatz umgingen
Der mediale Geleitschutz
Taliban auf dem Rückweg von der Bürgerkriegs-Front, nahe Kabul, 1998

Foto: Daniel Schwartz/VII/Redux/laif

Den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan als humanitären Einsatz darzustellen, war nur eine der möglichen Perspektiven, die schon lange obsolet ist. US-Präsident Joe Biden brachte jetzt in Erinnerung, dass die Operation „Enduring Freedom“ zunächst als ein zur Selbstverteidigung getarnter Rachefeldzug der USA gegen die Urheber der Anschläge vom 11. September 2001 vermittelt wurde: „Wir sind wegen eines entsetzlichen Angriffs vor 20 Jahren in Afghanistan einmarschiert. Das kann nicht erklären, warum wir im Jahr 2021 dort bleiben sollten.“

Die Bundesregierung, die wie ihre Vorgängerinnen in den vergangenen 20 Jahren immer wieder die Zustimmung des Bundestags zur Verlängerung des deutschen Militäreinsatzes erlangte, hat es schwerer, den Abzug plausibel zu machen. Als Begründung kann heute eigentlich nur der am 4. Oktober 2001 von der NATO erklärte „Bündnisfall“ herhalten. Umso mehr lohnt sich ein – freilich selektiver – Rückblick auf mediale Vermittlungen der deutschen Teilnahme am Afghanistan-Feldzug – hier in der Bild und in der taz in den Wochen nach dem 11. September.

Die Bild verstand es, allein mit knalligen Titeln bellizistische Neigungen ihrer Leser zu steigern. Entgegen offiziellen Regelungen sprach sie nie von einem humanitären Einsatz, sondern stellte von vornherein klar, dass Rache erforderlich sei. Am 12. September kam aber noch ein realpolitischer Warner zu Wort. Auf die Frage „Gibt es jetzt Krieg, Herr Scholl-Latour?“ sprach der Islam-Spezialist zunächst von Schlamperei der Geheimdienste. Krieg hielt er für wahrscheinlich, aber nicht für geraten. Er setzte einen Kontrast zu den im Fernsehen gezeigten, später als Inszenierung israelischer Geheimdienste entlarvten Bildern von palästinensischen Jugendlichen, die bei der Nachricht von den Attentaten Freudentänze aufführten. Scholl-Latour betonte, dass sich „die palästinensischen Kampforganisationen sofort distanziert haben“.

Schon am 13. September wird zum Angriff geblasen: „Jetzt entbrennt der Kampf gegen das Böse. Die Bürger fordern Vergeltung!“ Zweifelsfrei steht Osama bin Laden als Drahtzieher fest, obwohl Seite 4 vermeldet, dass er den Attentätern nur gratuliert habe. Auf Seite 9 findet man etwas Nachdenklichkeit. Wenn es denn zum Angriff käme: „Was wird aus den vier deutschen Geiseln?“, die die Taliban entführt hatten. „Menschliche Schutzschilde?“ Über einem Foto des Frankfurter Messeturms, dem damals höchsten Wolkenkratzer Deutschlands, gegen den es eine Bombendrohung gegeben hatte, steht: „Kommt jetzt der Terror auch zu uns?“

Am 17. September wird getitelt: „Krieg gegen die Taliban: Amerikas Elite-Vergeltungsschlag“. Er wurde allerdings erst am 7. Oktober real. Weil eine Verschwörung zwischen bin Laden und Saddam Hussein vermutet wird, kolportiert Bild am 18. September eine Warnung des BND: Saddam entwickle Langstreckenraketen, die bis zu 3.000 Kilometer entfernte Ziele erreichen, also auch Deutschland. Selbst wenn solche Horrorszenarien ausblieben, müssten sich die Deutschen vielleicht auf „Urlaub bald ganz ohne Flugzeuge“ einstellen.

Nach Hinweisen auf Reden von Kanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer beantwortet Bild am 19. September konkreter als die Politiker die Frage: „Wie könnte Deutschland [den USA] helfen?“ Aufgezählt werden: Fallschirmjäger, Gebirgsjäger, das Kommando Spezialkräfte (KSK) und Kampfflugzeuge. Etwas bang wird hinzugefügt: „Müssen deutsche Soldaten in den Krieg?“ Seite 5 stellt unter dem Titel „Besiegen sie das Böse?“ für Sabotageakte oder Entführungen ausgebildete US-Spezialeinheiten vor.

Am 20. September berichtet Bild, dass der Bundestag „mit überwältigender Mehrheit den Weg deutscher Militärhilfe für einen Vergeltungsschlag gegen die Terroristen“ frei gemacht habe, obwohl der Bündnisfall erst am 4. Oktober beschlossen wird. Kein Anlass für Panik, auf der Frontseite steht: „Der Kanzler beruhigt die Deutschen“. Darunter ein fett gedrucktes Zitat: „Wir befinden uns nicht im Krieg gegen einen Staat.“ Doch schon auf Seite 2 wird neben dem martialischen Foto eines KSK-Soldaten spekuliert: „Greifen sich deutsche Elite-Soldaten Osama bin Laden?“ Und am 21. September: „Bringt Osama bin Laden die Atombombe in seine Gewalt?“ Aber auch: „Hat Bush Fischer in die Angriffspläne eingeweiht?“

Bundeswehrsoldat in Usbekistan, auf dem Weg nach Afghanistan, 2006

Foto: Daniel Schwartz/VII/Redux/laif

Hatten am Vortag noch Prominente verraten, wie sie mit aufkommender Kriegsangst umgehen, beobachtet Bild am 22. September: „Abschiedsbilder tapferer GIs überzeugen immer mehr junge Berliner“, ein Foto zeigt einen jungen Mann, der sich bei seinem Kreiswehramt meldet: „Ich will mit den Amis gegen den Terror kämpfen“.

Am 10. Oktober – drei Tage nachdem US-amerikanische und britische Flugzeuge begonnen haben, Kabul zu bombardieren, wird mit einem Angebot Gerhard Schröders an Washington getitelt: „Deutsche Piloten nach Afghanistan“.

Am 16. November beschließt der Bundestag die Teilnahme der Bundeswehr am Militäreinsatz in Afghanistan, bereits ab Mitte Dezember sind KSK-Truppen dort, was allerdings zunächst Geheimsache bleibt. Erst am 26. Februar darf Bild die KSK glorifizieren: „Warum sind die deutschen KSK-Soldaten so gefürchtet?“ Ihr Leitspruch sei: „Keiner sieht uns kommen, keiner weiß, dass wir da sind. […] Blitzschnell schlagen sie im Vierer-Trupp mit Heckler & Koch-Maschinenpistolen zu – oder kommen lautlos mit Kampfmessern.“

Am nächsten Tag schreibt Chefkolumnist Franz Josef Wagner einen Brief an die Truppe: „Lieber kämpfender deutscher Soldat! […] Die pazifistischen Grünen und die verlogenen Friedens-PDSler schrein jetzt auf. Ja, ich wünsche euch, dass Ihr den Gegner tötet, bevor er euch tötet. Über das US-Verteidigungsministerium, nicht über das deutsche, erfuhren wir, dass ihr, Soldaten der deutschen Elite-Einheit KSK, in den Bergen Afghanistans einen Mann-gegen-Mann Krieg führt. [...] Ich stammle euch aus der Heimat: Habt Glück, passt auf, schießt schneller!“

Anders als bei Bild war ein großer Teil der taz-Leser pazifistisch eingestellt. Die taz hatte sich bereits zweieinhalb Jahre durch den von der rot-grünen Bundesregierung mitverantworteten Jugoslawien-Krieg laviert und stand nun vor einer ähnlichen Herausforderung, die nur mit ausgefeilten Argumentationen zu bewältigen war. In den ersten Wochen nach dem 11. September erschienen viele vernünftige Positionen: Am 12. wurden die Anschläge noch gar nicht mit Afghanistan in Verbindung gebracht, stattdessen wurde über die desaströse Lage des Landes unterrichtet, aus dem bereits vier Millionen Menschen geflohen waren. Am 13. September schrieb ein Korrespondent aus Delhi, dass die Taliban „jede Verbindung sowohl des eigenen Regimes wie auch ihres Gastes Ussama Bin Laden zurückwiesen. Sie verurteilten die Anschläge und erklärten, dass Afghanistan mit seiner zerstörten Infrastruktur ebenso wenig wie eine Einzelperson fähig wären, eine Operation dieser Größe zu planen. Falls die USA jedoch Beweise hätten, dass Bin Laden hinter den Anschlägen steckt, könne eine Auslieferung geprüft werden.“

Am 14. und 15. stellten Andreas Zumach und Christian Rath völkerrechtliche Überlegungen an: „Für die Aufarbeitung von Terroranschlägen ist die Justiz zuständig und nicht das Militär.“ Das Selbstverteidigungsrecht gelte für die UNO-Charta nur, wenn Terror von einem Staat ausgehe. Gegen Afghanistan könne nicht vorgegangen werden, wenn das Land bin Laden nur logistisch unterstützt, ihn aber nicht beauftragt hätte. Vor einem militärischen Angriff müssten Sanktionen beschlossen und durchgesetzt werden.

Nachdem die taz am 20. September Geheimgespräche der USA mit der Bundesrepublik über den möglichen Einsatz des KSK meldete, sah sie sich zu dem Spagat gezwungen, pazifistische Leser zu halten und Loyalität zur rot-grünen Regierung zu demonstrieren. Die publizistische Steilvorlage lieferte am 22. September 2001 der Grüne Daniel Cohn-Bendit. Unter dem Titel „Für die solidarische Globalisierung“ schrieb er, dass die Grünen und Joschka Fischer, „die aufrechten Pazifisten“, nun erneut „eine kriegerische Zeit realpolitisch meistern“ müssten, was für die Partei existenzbedrohend sei. „Unsere Gutmenschennaivität übermannt uns. Am liebsten würden wir mit dem Fallschirm ein Heer von Sozialarbeitern und Entwicklungshelfern über Afghanistan absetzen, um die Taliban zu belehren und die Terrorgroupies Bin Ladens umzuerziehen.“

Obwohl Amerika einerseits frech definiere, was die Welt unter Glück, Trauer und Rache zu verstehen habe, sei es in der Lage, „angesichts der Bedrohung und des Horrors zusammenzustehen und aus sich heraus die Dynamik zu finden und Energien freizusetzen, um den Kampf für Freiheit und gegen Terror zu führen“. Man dürfe sich der Erkenntnis nicht verschließen, dass „eine unsichtbare Armee, ausgebildet in Afghanistan und anderswo, bereit ist zu Aktionen, die in ihren barbarischen Dimensionen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu werten sind“. Für „Millionen von beleidigten und erniedrigten Menschen in der arabischen Welt“ sei „Europa Teil der zivilisatorischen Ordnung, die sie zutiefst hassen“. Zu rechnen sei mit Mini-Atombomben oder Flugzeugen, die auf Städte und Atomkraftwerke gelenkt werden könnten.

Um die Kriegspille verdaulich zu machen, hält Cohn-Bendit ein parallel einzunehmendes Leckerli bereit: „Wer eine militärische Koalition gegen den Terror will, muss gleichzeitig eine internationale Koalition der Zivilgesellschaften, der Zivilorganisationen gegen den Totalitarismus, gegen Intoleranz, für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit schmieden.“

Leser der taz, die all das nicht beruhigte, durften sich in nun verstärkt abgedruckten Leserbriefen gegen den Krieg aussprechen.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 21.06.2021
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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Ausgabe 24/2021

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