Der Mythos vom Mythos

Ergreifung Saddams Islamische Völker glauben nicht so sehr an charismatische Führer, wie die Amerikaner denken

Kaum waren die ersten Bilder von der Festnahme Saddam Husseins über die Bildschirme gegangen, rief mich eine befreundete Portraitmalerin an und versuchte mir klar zu machen, dass der Verhaftete der Gesuchte nicht sein könne, weil der echte Saddam eine höhere Stirn und Geheimratsecken gehabt hätte, die mit zunehmendem Alter auch durch das Wachsenlassen der Haare nicht kleiner werden könnten. Außerdem deute der veränderte Charakter des Gefangenen ebenfalls daraufhin, dass womöglich nur einer der angeblich so zahlreichen Doubles ins Netz gegangen sei. Des weiteren wollte sie wissen, ob ich etwas von dem über eine Viertelstunde dauernden, nicht übersetzten Statement eines Vertreters der irakische Marionettenregierung verstanden hätte."Im DDR-Fernsehen wäre so etwas nicht vorgekommen, an Dolmetschern wurde da nicht gespart."

Tatsächlich sind über Saddam und den Irak in den vergangenen 15 Jahren so viele Lügen verbreitet worden, dass es Menschen, die versucht haben, sich ihre eigene Urteilskraft zu bewahren, tatsächlich schwerfallen muss, die Bilder der Verhaftung zu interpretieren. Gerade weil es allerorten heißt, dass es nur noch auf "die mediale Vermittlung ankomme", traut man weder einer solchen Vermittlung noch dem scheinbar Vermittelten. Der einstweilige Kriegssieger, der den Krieg im Namen der Menschenrechte geführt haben will, unter anderem weil er die Zurschaustellung gefangener und toter amerikanischer Soldaten durch das irakische Fernsehen grundsätzlich als Verstoß gegen die Genfer Konvention geißelte, griff doch schon bei der Präsentierung der Leichen von Saddams Söhnen zu viel archaischeren Mitteln der öffentlichen Entehrung des Gegners. Wie soll der klägliche Zustand, in dem Saddam gefangen genommen wurde, nicht ebenfalls als eine solche Inszenierung verstanden werden? Es gibt den Verdacht, dass er bei der Festnahme tatsächlich unter der Wirkung von persönlichkeitsverändernden Drogen stand. Man kann sich ein ähnliches Gas denken wie es Putin bei der Stürmung des von Tschtschenen besetzten Moskauer Theaters angewandt hatte oder auch an die Medikamente, die die "Angeklagten" bei den Moskauer Prozessen 1937 zu ihren legendären Geständnissen trieben. Obwohl nicht ausgeschlossen werden kann, dass Saddam von seiner eigenen Leibgarde in diesen Zustand versetzt wurde, können solche Erklärungen all die Muslime trösten, die hofften, dass Saddam sich bis zum Abzug der Amerikaner verstecken beziehungsweise Widerstand leisten würde. "Wir dachten, er würde kämpfen anstatt sich in einer solch demütigenden Weise zu ergeben", sagte der palästinensische Abgeordnete Chatem Kader von Al-Fatah. Aber denken alle Palästinenser so? Oder etwa die ganze muslimische Welt? Es sind doch eigentlich nur die von gesellschaftlicher Marginalisierung bedrohten größeren und kleineren Funktionäre der Baathpartei und darüber hinaus natürlich die Palästinenser, die der Irak bislang tatsächlich großzügig unterstützte. Allerdings ist wenig wahrscheinlich, dass diese Unterstützung allein an die Person Saddams geknüpft war. Zwar hatte er kurz vor seinem Untertauchen den asymmetrischen Widerstand des ganzen Nahen Ostens insofern angekündigt, als er sagte, dass die Öl- und Landräuber Dinge erleben würden, die sie sich bislang noch gar nicht ausmalen könnten. So wenig er dann allerdings vom Erdloch aus den Widerstand in seinem Land koordinieren konnte, so wenig vermochte er von dort aus Schecks für Familien von Selbstmordattentätern ausstellen.

Dass auch unter den Palästinensern die Auffassung verbreitet ist, Saddam sei kein Held, sondern eher ein faschistoider Diktator gewesen, zeigt der Kommentar von Adil Yahya, einem Archäologen aus Ramallah, der seit vielen Jahren für den Aufbau einer demokratischen palästinensischen Gesellschaft arbeitet: "Er hat die Aufgabe nicht bewältigt, sein Volk in eine gute Zukunft zu führen. Doch es ist schade, dass es die Amerikaner waren, die ihn fingen. Iraker hätten ihn verfolgen und gefangen setzen sollen." Dieser, meiner Kenntnis nach unter vielen Muslimen der Welt seit Jahren bestehende Wunsch war jedoch leichter gesagt als zu verwirklichen. Für diesen Teil der muslimischen Welt stellt George Bush jetzt das faustische Böse dar, das punktuell auch mal Gutes schafft - die manchmal in der Geschichte tatsächlich waltende Dialektik macht es hin und wieder möglich. Genau dies meinen offensichtlich auch die irakischen Kommunisten, die ihre Freude über Saddams Festnahme mit vielen roten Fahnen auf offener Straße feierten. Verständlich. Trotzdem wäre etwas mehr Zurückhaltung besser gewesen. Sie haben offenbar vergessen, von einem Saddam verfolgt worden zu sein, der nicht nur im Einverständnis, sondern im engen Bündnis mit den USA handelte. Und was die Verteidigung der Souveränität und der nationalen Rechte am Öl betrifft, steht ihnen Saddam auch heute noch näher als die USA.

Doch auch für Bush persönlich hat die Ergreifung Saddams widersprüchliche Folgen. In Wirklichkeit geht ihm nun ein weiterer Kriegsgrund und zugleich seine wichtigste Propagandawaffe verloren: der Mythos nämlich, dass das Problem des Irak allein in diesem Mann bestünde und mit seiner Eliminierung alles weitere lösbar sei. Diese Projektion beruhte unter anderem auch auf der ebenfalls falschen Vorstellung, dass die islamischen Völker auf Grund ihrer "Unterentwicklung" gar nicht anders könnten, als einem charismatischen Führer zu folgen. Seriöse Beobachter der islamischen Welt werden schwerlich bestätigen, dass die Tendenz zur unkritischen Gefolgschaft dort stärker ausgeprägt ist als in den USA selbst. Und immer mehr Muslime, insbesondere auch im Irak, dessen Entwicklungsstand vor den Golfkriegen mit dem von Italien und Spanien zu vergleichen war, haben zweifelsohne ein viel demokratischeres Ideal von der Demokratie als manche Amerikaner selbst. Es beschränkt sich nämlich keineswegs auf die Freiheit der ökonomisch Starken. Ob und wie dieses Ideal in die Praxis umgesetzt werden könnte, ist eine viel interessantere Frage als die, was mit Saddam geschieht. Vermutlich wird er daran gehindert werden, noch einmal so etwas wie eine staatsmännische Äußerung abzugeben. Er hat unzweifelhaft schwere Verbrechen begangen, die Notwendigkeit der Sühne ist daher unabweisbar. Aus diesem Grunde ist es wichtig, dass der Prozess ein weltweit anzuerkennendes Beispiel von Rechtstaatlichkeit bieten wird. Ob aber ein als deren unerbittlicher Verfechter bekannter Mann wie Jacques Vergès, der algerische Partisanen, rote Khmer, deutsche Faschisten und algerische Islamisten verteidigte, als Saddams Anwalt zugelassen wird, steht noch in den Sternen.

Wahrscheinlich hat Peter Scholl-Latour Recht, wenn er darauf verweist, dass es die irakischen Schiiten sind, die mittelfristig vorgeben werden, in welche Richtung das Land, beziehungsweise der ganze Nahe Osten gehen wird. Angesichts der Ignoranz und Arroganz der dort kriegführenden Vertreter des Westens geht Scholl-Latour so weit, den Versuch der Realisierung eines furchtbaren Menetekels für nicht ganz unwahrscheinlich zu halten: Khomeini hatte einst verkündet, dass der Weg nach Jerusalem über Bagdad führen werde. Doch bislang ist ein unvorsichtiger Triumphalismus Teherans, der in diese Richtung weist, ausgeblieben. Und dass die irakischen Schiiten nicht die Sprache und die Kultur der Iraner haben, sondern wie ihre sunnitischen Unterdrücker arabisch sprechen, ethnisch und kulturell aber auch verwandt mit den ebenfalls unterdrückten Schiiten in Saudi-Arabien sind, verbietet es, eine solche Perspektive quasi mechanisch zu erwarten. Leider aber kann uns auch Scholl-Latour nicht wirklich über die verschiedenen Strömungen und Ziele informieren, die es innerhalb der seit über 1000 Jahren unterdrückten Schiiten-Mehrheit gibt. Statt dessen verbreitet er ebenfalls nur ein pauschales Bild potentiellen Fanatismus. Und das, obwohl die Schiiten bislang auf ähnlich große Gewaltaktionen gegen die Besatzung verzichten, wie sie im "sunnitischen Dreieck" täglich vorkommen. In der Tat müssten sie, um die legitime Macht zu ergreifen, eigentlich nur auf das Einlösen des Versprechens auf freie Wahlen warten. Es fragt sich jedoch, wie lange sie zu warten bereit sind und ob die Kandidaten dann nicht doch aus dem Arsenal der Marionetten stammen werden.

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01:00 26.12.2003
Geschrieben von

Sabine Kebir

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Ausgabe 38/2020

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