Die Barfüßer-Banker

Kredite für die Armen Muhammad Yunus aus Bangladesh revolutionierte mit dem Non-Profit-Unternehmen "Grameen" die Ökonomie des dörflichen Lebens

Es ist 26 Jahre her, dass der an der Universität Chittagong lehrende Ökonom Muhammad Yunus mit einigen Studenten das direkt neben dem Campus liegende Dorf Jobra aufsuchte, um zu untersuchen, weshalb die Armen aus dem circulus vitiosus der Armut nicht ausbrechen können. Er fand, dass sie weder zu passiv, noch zu wenig kreativ waren. Im Gegenteil, viele wussten genau, was sie produzieren und verkaufen wollten. Als eigentliches Hindernis erwies sich immer wieder, dass ihnen keine Bank in Bangladesh Kredit gewährte. In Jobra stand nur der Weg der Schuldknechtschaft bei lokalen Wucherern offen. Eine Frau, die sich Material zum Korbflechten kaufen wollte, konnte sich das Geld dafür nur per Kredit verschaffen, der bis zu 95 Prozent verzinst wurde.

Yunus fragte 42 Personen, welche Summe Geldes sie als Starthilfe benötigten, um sich von Wucherkapital unabhängig zu machen. Erstaunlicherweise gaben die Leute meist Summen an, die unter einem Dollar lagen. Insgesamt brauchten die 42 Personen nur 27 Dollar, um ihre Kleinstunternehmen anzuschieben. Yunus streckte ihnen das Geld zum Zinssatz von zehn Prozent vor. Das Experiment gelang und wurde nach und nach auf andere Teile Bangladeshs ausgedehnt. Heute leben über 40.000 Dörfer - etwa zehn Prozent der Bevölkerung - durch und mit der von Muhammad Yunus gegründeten Grameen-Bank, was übersetzt "Dorf-Bank" heißt. Die bislang vergebenen Kreditsummen belaufen sich auf vier Milliarden Dollar, die 42 Millionen Kreditnehmern zugute kamen (vor allem Frauen, die ansonsten in Bangladesh nicht nur wegen ihrer Armut, sondern auch auf Grund sexistischer Gesetze keinen Kredit bekommen). Außerdem war Yunus klar, dass die sozialen Effekte des empowerments der Frauen für die Familien sehr viel weitreichender waren, als wenn die Kredite nach traditionellem Verständnis an die Familienväter gingen.

Grameen-Telecom, Grameen Energy ...

Erstaunlich ist, dass Grameen mit 98 Prozent eine wesentlich höhere Rückzahlquote als Normalbanken hat. Die armen Kreditnehmerinnen zahlen, wenn sie nur irgend können, sehr pünktlich, weil sie dann die Chance zu einem neuen, womöglich noch besseren Kredit erhalten.

Das Grameen-System funktioniert insofern anders, weil eine Rückzahlung nicht über einen großen Zeitraum hinweg, sondern zunächst täglich erfolgt. Später gilt das Prinzip wöchentlicher Ratenzahlung. Kredite werden außerdem nur an Gruppen von mindestens fünf Personen vergeben, die sich selbst zusammenfinden, aber kein gemeinsames ökonomisches Projekt haben müssen. Erst wenn die erste Frau den Kredit zurückgezahlt und einen neuen bekommen hat, kann ihn auch die zweite beanspruchen - ein System gegenseitiger Kontrolle und Solidarität. Auch sind die Kredite an die Bedingung geknüpft, die Kinder in die Schule zu schicken und sich der Geburtenkontrolle zu unterwerfen. Grameen schreibt jedoch weder die Zahl der Kinder noch die Art der jeweiligen ökonomischen Projekte vor.

Als es noch allein um das Dorf Jobra ging, setzte Yunus zunächst seine Studenten als Agenten des Kreditsystems ein. Später wurden auch für diese Funktionen Regeln gefunden, die denen der Barfüßer-Ärzte ähneln, wie es sie in China gab. Die Agentin (oder auch der Agent) kommt mit dem Bus im Dorf an und mietet sich bei einer Familie ein, lebt also keinen abgehobenen Stil. Das Gehalt kann sich nicht mit dem einer Normalbank messen. Aber wer wirklich engagiert ist, kann auch beim Non-Profit-Unternehmen Grameen durchaus Karriere machen. Mittlerweile hat die Bank auch einige genossenschaftlich organisierte Unternehmen ermöglicht wie die Bewirtschaftung von Fischteichen.

In den neunziger Jahren sind Tochterunternehmen entstanden, womit vorher undenkbare Wirtschaftskreisläufe in Gang kamen. Die bislang spektakulärste Firma ist Grameen-Telecom - das preisgünstigste mobile Telefonnetz der Welt. Die an ärmste Frauen verkauften Handy-Anschlüsse (oft einer pro Dorf) ermöglichen nicht nur private Kommunikation, sondern auch eine weitere Emanzipation von repressiven lokalen Strukturen wie dem Zwischenhandel. Per Handy können die Produzentinnen nun selbst herausfinden, auf welchem Markt sich ihr Produkt am günstigsten verkaufen lässt. Neben Grameen-Telecom ist Grameen Energy von revolutionärer Bedeutung. Da sich der Staat kein Energie-Festnetz für das ganze Land leisten kann, hatte die große Mehrheit bislang kaum Chancen, überhaupt Energie zu bekommen. Nun aber verkauft Grameen-Energy Sonnenkollektoren für 450 Dollar, die aus den USA oder Indien eingeführt werden. Damit verändert sich nicht nur schlagartig die Lebensqualität, mit ihnen werden auch kleine Produktionsanlagen betrieben. Die Arbeitszeit, die wegen des frühen Sonnenuntergangs in den Tropen recht kurz ist, kann um etliches verlängert werden.

Mit seinem emanzipatorischen, bewusst nichtstaatlichen Ansatz und dem Non-Profit-Prinzip stellt sich Grameen ostentativ sowohl gegen klassische Formen von Entwicklungshilfe für strukturschwache Gebiete als auch gegen IWF und Weltbank. Besonders letztere haben immer wieder versucht, Grameen unseriöse Fusionen nahe zu legen.

Kredite als Menschenrecht

Ähnliche Projekte gibt es inzwischen in über 60 Ländern der Erde - und nicht nur in den ärmsten. In entwickelten Staaten ist es jedoch schwerer, das System zu etablieren. Durch die Totalisierung der industriellen Versorgung gibt es zu wenig echte Marktnischen, andererseits behindert die staatliche Armenversorgung auch das Kreativitätspotenzial, solche Lücken zu suchen. Wenn jedoch weder eine zweite Zirkulationssphäre für die Armen noch ein Zwangsarbeitssystem etabliert werden soll, muss ein Abkommen mit den Behörden geschlossen werden, das die Gewinne aus Grameen-Arbeit nicht mit dem Bürgergeld verrechnet, sondern nur versteuert werden. Ein solches Agreement stellte Bill Clinton her, als er noch Gouverneur von Arkansas war. Mittlerweile gibt es Grameen-Projekte auch in Chicago. Selbst in Brandenburg ist Grameen präsent.

An der TU Berlin erforscht eine Gruppe von Studenten und Doktoranden dieses System - da Grameen selbst nicht viel Öffentlichkeitsarbeit betreibt, sind wichtige Fragen zu klären: Wie verhalten sich etwa die durch die Emanzipation der Dorffrauen in ihren ökonomischen Interessen geschädigten Wucherer? Was sagen die religiösen Autoritäten zu diesen Entwicklungen? Ist es verallgemeinerbar, wenn Muhammad Yunus sein System in einem Gebiet mit einer Guerillabewegung vor allem deshalb etablieren konnte, weil er mit ihr kooperierte?

Gerade von traditionellen Marxisten verlangt eine Unterstützung Grameens doppelte Einsicht, denn es ist mühelos erkennbar, dass sich das System problemlos in die neoliberale Welt einfügt und sie keineswegs aus den Angeln hebt. Außerdem hat Yunus auch kein Problem, mit Konservativen wie dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Teufel zusammenzuarbeiten, der zu seinen Bewunderern gehört und ihm zu Ehren am 17. Oktober einen großen Empfang in Berlin gab. Muhammad Yunus, der außer einem sanften Umgangston nichts von einem Guru hat, scheute sich nicht, das Licht der Aufklärung in den Saal zu tragen, indem er "normale Banken" des unsäglichen Verbrechens anklagte, sich für den übergroßen Teil der Menschheit nicht zuständig zu fühlen: "Kredite müssen allgemeines Menschenrecht werden."

Kontakt und Information:www.microenergy-project.de / Literatur: Muhammad Yunus: Grameen: eine Bank für die Armen der Welt, Lübbe-Verlag 1998.

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01:00 01.11.2002
Geschrieben von

Sabine Kebir

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