Die Fluglehrerin

Sex Beate Uhse hat geholfen, die Lust zu befreien – unfehlbar war sie nicht. Ihre Biografin ist daher angesäuert
Sabine Kebir | Ausgabe 49/2019 3

Dem Mythos Beate Uhse auf den Grund zu gehen – das hat sich die Biografie von Katrin Rönicke vorgenommen. Sie legt dabei einen starken Akzent auf die kaufmännische Motivation der Protagonistin. Diese, so Rönicke, hätte von Anfang an die aufklärerischen Aktivitäten der Uhse überstrahlt, die sich in der Nachkriegszeit zunächst an Frauen wandten, die nicht mehr nur als Lust- und Gebärmaschinen des Patriarchats funktionieren wollten. Dass auch bereits die frühen, als „Ehehygiene“ getarnten Kuschelsex-Kataloge der Uhse womöglich mehr von Männern als von Frauen konsumiert wurden, findet Rönicke bedenklich. Warum eigentlich? Leider urteilt Rönicke in vielen Punkten nach populistisch-feministischen Maßstäben, wonach sich emanzipativer Fortschritt nur an absoluten Lichtgestalten festmachen lässt. In Wirklichkeit vollzieht er sich aber widersprüchlich und zäh, wofür Beate Uhse und ihre Firma ein Beispiel sind.

Sie wurde 1919 als Tochter einer der ersten studierten Ärztinnen Deutschlands und eines experimentierfreudigen Landwirts auf dem ostpreußischen Gut Wargenau geboren. Dort ließ man sie komplexlos das Geschlechtsleben von Tieren beobachten und sie genoss auch eine für die Zeit fortschrittliche Erziehung. So besuchte sie von 1934 bis 1939 die Odenwaldschule. Als geborene Sportskanone wurde sie mit 15 Jahren hessische Meisterin im Speerwerfen.

Au-pair war sie beim Feind

Dass Beate Fähnleinführerin im BDM war und dies später nur damit begründete, sie habe vom „eigentlichen Sinn der Hitlerjugend“ nichts verstanden, nimmt Rönicke ihr übel. Dabei teilte Uhse nur das beschränkte Bewusstsein einer großen Mehrheit, das sich später kaum aufklärte, weil ihr weder Staat noch Schule der BRD die Auseinandersetzung mit der Nazizeit abverlangten. Als gelernte DDR-Bürgerin kann ich es nicht nachvollziehen, wenn Normalmenschen dafür Zerknirschung abverlangt wird, während auf der Führungsebene der Gesellschaft nur der angebliche Psychopath Hitler verantwortlich gewesen sein soll.

Eine verbohrte Nazisse kann Beate nicht gewesen sein. Da sie den unbändigen Wunsch hatte, Pilotin zu werden, wofür die Beherrschung des Englischen unerlässlich war, rang sie den Eltern ab, eine Weile als Au-pair ins feindliche England gehen zu dürfen. 1937 war sie die einzige Frau unter 60 männlichen Schülern im Fliegerhorst Rangsdorf bei Berlin. Nach drei Monaten hatte sie den Pilotenschein in der Tasche und wurde Einfliegerin bei den Bücker-Flugzeugwerken. Kurz nach Kriegsbeginn heiratete sie den Mann, mit dem sie zum ersten Mal Sex hatte, den Kunstflieger Hans-Jürgen Uhse.

Mehrfach doubelte sie Stars – unter anderen René Deltgen, in Filmen, die die Luftwaffe heroisierten. Das Buch verrät nur, dass sich Beate Uhse gern an diese Abstecher zur UFA erinnerte, verschweigt aber, dass sie den Job nicht wegen besonderer ideologischer Qualitäten bekam, sondern weil sie klein genug war, um sich im Cockpit zu verstecken. 1943 wurde der erste Sohn geboren. Der Ehemann kam ein Jahr später durch einen Rollfeldunfall um. Mit 24 Jahren war Beate Witwe mit Kind.

Rönicke hat recht damit, dass sie als junge Mutter nicht verpflichtet war – nun als Hauptmann der Luftwaffe –, weiterhin Flugzeuge einzufliegen und auch in Kriegsgebiete zu bringen. Uhses Erklärung, „Der totale Krieg verwandelte auch mich in einen Soldaten“, lässt tatsächlich keine tiefere Auseinandersetzung erkennen. Da das aber die Haltung der übergroßen Mehrheit der Kriegsteilnehmer war, kann ich auch hier nur den üblichen deutschen Hang zum apolitischen Opportunismus erkennen.

Zu konstatieren ist, dass Uhse durch familiäre Unterstützung eine Entwicklung nahm, die dem nazistischen Leitbild des Muttertiers am Herd völlig entgegengesetzt war und damit durchaus in die weibliche Emanzipationsgeschichte gehört. Dass diese nach 1933 nicht völlig zurückgeschraubt werden konnte, bestätigen gerade Ausnahmen wie Leni Riefenstahl und Beate Uhse. Nach kurzer Kriegsgefangenschaft war es ihr wegen eines alliierten Erlasses nicht mehr möglich, ihren Beruf auszuüben. Sie schlug sich und ihren kleinen Klaus als Landarbeiterin, reisende Spielzeugverkäuferin und sogar als Traumdeuterin durch – Aktivitäten, die mir jedenfalls schon auf ihre späteren Tätigkeitsfelder hinzudeuten scheinen. Dazu kam ihr 1947 eine zündende Idee, die ebenfalls nicht der Nazi-Ideologie entsprungen sein konnte. Sie wollte durch Verbreitung der Knaus-Ogino-Verhütungsmethode den Frauen die persönliche Angst vor ungewollter Schwangerschaft nehmen. In einem zur Kommerzialisierung gedachten Text, den sie – etwas konspirativ – „Schrift X“ nannte, schlug sie einen sich auch in anderen Teilen der Welt, namentlich in den USA, herausbildenden gesellschaftlichen Konsens vor, der über die Verhältnisse im Tierreich hinausweisen und „die Befriedigung des Sexualtriebs von der Zeugung scharf (…) trennen“ sollte. Jeder Mensch müsse das selbstbestimmte Recht haben, „die Größe seiner Familie je nach seinen sozialen Verhältnissen zu bestimmen“.

Lieber ohne Hilfsmittel!

Mittels 10.000 Postwurfsendungen, die die Aufklärungsschrift bewarben, gelang es, innerhalb eines Jahres 32.000 Käufer für die „Schrift X“ zu interessieren. Bald handelte die in Flensburg ansässige Firma auch mit zunächst aus der Sowjetischen Besatzungszone importierten Kondomen, dann sogar mit Lustspielzeugen, die sie jedoch zunächst ausschließlich für Eheleute empfehlen konnte. Trotz dieser Vorsicht musste sie sich – als mittlerweile wieder verheiratete Frau Rotermund – jahrzehntelang tapfer durch Prozesse kämpfen, die ihr muffige Sittenwächter der frühen Bundesrepublik immer wieder aufzwangen.

Weibliche Lust stand damals noch unter dem Verdacht, Unzucht zu entfesseln. Aber die Rechtslage war liberal genug, dass sie das phänomenale Wachstum der Firma kaum bremste, vielleicht gar befeuerte. Sie expandierte mit der Sexwelle der 60er und – unter Einfluss der ins Geschäft einsteigenden Söhne – mit der folgenden Pornowelle. Ob die Firma nur deren Mainstream folgte, mit dem die Frauen wieder auf Objekte männlicher Lust reduziert wurden, oder auch Produkte vertrieb, die die Lust von Frauen, Homosexuellen und Queeren förderten, lässt Rönicke leider offen.

Uhse verlautete hin und wieder, dass ihr keineswegs alles, was sie verkaufe, persönlich gefalle. Es war aber nicht nur geschäftlich nötig, dass ihr eigenes Leben seriöser wirkte, als man es von einer Pornokönigin erwarten konnte. Sie hatte aufrichtig sowohl am ersten als auch am zweiten Ehemann gehangen und litt sehr, als sie von letzterem betrogen wurde und die Scheidung anstand. Es folgte eine 20-jährige Beziehung mit einem Amerikaner. Des Weiteren ist nur bekannt, dass sie ein ausgesprochener Familienmensch war. Und um dem Altern entgegenzuwirken, betrieb sie lebenslang eisern Sport am Boden und in der Luft.

Natürlich verurteile ich wie Katrin Rönicke menschenrechtsverletzende Pornografie. Und jedem, der Sexspielzeuge braucht, sei es gegönnt. Ich will aber doch wiedergeben, was mir um 1970 ein Freund aus dem damals noch um seine Unabhängigkeit ringenden Rhodesien sagte, nachdem er während eines Studententreffens in Schweden Pornoläden inspiziert hatte. „Es ist viel besser, das alles ohne Hilfsmittel zu machen“, meinte er und ich gab ihm als in der DDR sozialisierte junge Frau recht.

Sofort nach der Maueröffnung prophezeite Bild bereits die rosigsten Aussichten für Beate Uhses Unternehmen im Osten. Zwei Tage später saß ich zufällig auf einer Bank am Tauentzien und hatte den Uhse-Shop im Blick: Der Andrang war mäßig.

Leider geht Rönickes Buch nicht der überaus lohnenden Frage nach, von welchen Frustrationen die von Uhse geschäftlich genutzten Verklemmungen in der Sexualkultur bewirkt wurden. Denn wie und warum moderne Gesellschaften von Fort- und Rückschritten des erotischen Lebens geprägt werden, hängt nicht nur von werbemäßig gesteuerten Angeboten ab, sondern von zunehmenden oder abflauenden Prozessen der Entfremdung. Außer der Pornofilm-Firma Orion ihres Adoptivsohns Dirk ist vom Erbe Beate Uhses in Flensburg nichts übrig geblieben, schon gar nichts von dem der Aufklärerin. Kürzlich wurde bekannt, dass die aus der Zusammenlegung eines evangelischen und eines katholischen Krankenhauses entstandene ökumenische Großklinik St. Franziskus verkündet hat, sie werde lediglich Abtreibungen mit medizinischer Indikation durchführen. Es gibt nur noch vier Ärzte in der Stadt, die zu dem Eingriff nach geltendem Recht bereit sind. Wer keinen Termin ergattert, muss sich in den Zug setzen.

Info

Beate Uhse. Ein Leben gegen Tabus Katrin Rönicke Residenz 2019, 208 S., 22 €

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06:00 02.01.2020
Geschrieben von

Sabine Kebir

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