Die große Illusion

Ideologie Der italienische Historiker Domenico Losurdo zweifelt an der Erfolgsgeschichte des gewaltlosen Widerstands
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Die große Illusion
Führte nur zu einer Verschiebung der Gewalt: Mahatma Gandhi (1869 – 1948)

Foto: United Archives International/Imago

Mahatma Gandhi, Martin Luther King, der Dalai Lama: Anhand der Entwicklung dieser drei bekanntesten Protagonisten beschäftigt sich der italienische Historiker Domenico Losurdo in seinem neuesten Buch mit der seit Jahrzehnten populär gemachten Großerzählung der Gewaltlosigkeit als Bewegungsform epochaler gesellschaftlicher Veränderungen. Sie entpuppt sich zu erheblichen Teilen als grobgestrickte Ideologie, wenn Losurdo sie mit philologischen Mitteln dekonstruiert. Wie bereits in seinem Buch über die Stalin-Legenden bedient er sich auch hier historischer und westlicher Quellen. Denn obwohl die sozialistische Tradition vor allem mit dem Versuch raschen sozialen Ausgleichs gewaltarme Formen der Konfliktlösung hervorbrachte, scheidet ihre Polemik an den großen Protagonisten der Gewaltlosigkeit für ihn aus, weil schließlich auch sie die versprochene Zeit ewigen Friedens weder im Innern noch in den zwischenstaatlichen Beziehungen verwirklichte.

Gandhi rekrutierte

Schon die amerikanischen Abolitionisten, schreibt Losurdo, die für das Ende der Sklaverei eintraten und als die Erfinder der modernen gewaltlosen Bewegung gelten, konnten bei Ausbruch der Sezessionskriege ihrem Credo nur mit einer ideologischen Hilfskonstruktion treu bleiben. Sie sahen die Verfechter der Sklaverei nicht mehr als „Menschen“ an, sondern als „Bestien“, die nur mit Gewalt bezwingbar seien. Dass schon die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, die als Urtyp moderner demokratischer Verfassungen gilt, nicht auf Gewaltfreiheit beruhte, wird dadurch deutlich, dass die ersten Präsidenten selbst Sklaven hielten. Während der Französischen Revolution wurde 1801 auf Haiti – nach dem nicht gewaltfreien Sklavenaufstand unter Toussaint Louverture – die Sklaverei gesetzlich abgeschafft, nur um von Napoleon wieder eingeführt zu werden. Wie man am zunehmenden Kriegsgeschehen in der heutigen Welt sieht, ist auch die Demokratie aktuellen Zuschnitts keineswegs Garant von Gewaltlosigkeit.

Erstaunlicherweise ist die Figur Mahatma Gandhi von den meisten Widersprüchen geprägt, die gängige Legenden gern aussparen. Wer weiß schon, dass er sich im Ersten Weltkrieg, als sein Konzept des gewaltfreien antikolonialen Widerstands reifte, den Engländern zugleich als „Hauptrekrutierer“ indischer Freiwilliger anbot, wovon er sich ein Ende der rassistischen Abwertung versprach? Fragwürdig ist auch sein Versuch, England klarzumachen, dass Inder wegen ihrer indogermanischen Wurzeln und als „altes Kulturvolk“ nicht mit „Kaffern“ gleichzusetzen seien, an deren Entrechtung er nichts auszusetzen hatte. Später ließ er von rassistischen Argumenten zwar ab, im Zweiten Weltkrieg wiederholte er aber sein Angebot an England, für die Teilnahme von Indern zu werben. Dies geschah kaum aus eindeutigem antifaschistischem Engagement, hatte Gandhi doch in Mussolini und Hitler große Staatsmänner gesehen.

Am bedenklichsten ist laut Losurdo aber, dass die Gewaltlosigkeit, die Gandhi als Kampfmethode seiner Anhänger organisierte, nur zu einer Verschiebung führte, nämlich zu deren Selbstauslieferung an die Gewalt der kolonialen Ordnungskräfte. Die Menschen ließen sich nicht nur widerstandslos schlagen, verstümmeln und töten. Manche streckten den prügelnden Polizisten sogar ihre Kleinkinder entgegen und nahmen deren Opferung in Kauf.

King schwieg

Dass die weltweite moralische Empörung zum immensen moralischen Prestigegewinn der Bewegung führte, erkennt der Historiker an. Aber er stellt infrage, ob man sie gewaltlos nennen kann und ob die Gewinnung der Unabhängigkeit nicht auch gänzlich anderen Faktoren zuzuschreiben war, etwa der Sorge, dass nach China auch Indien kommunistisch werden könnte.

Mit dem Dilemma einer gewaltfreien Bürgerbewegung, ihre Kinder an die Gewalt der Gegenseite auszuliefern, befasste sich unter anderem auch Hannah Arendt. Sie hinterfragte die Praxis der Afroamerikaner, nach der Aufhebung der Segregationsgesetze ihre Kinder in „gute“ Schulen zu schicken, wenn ein Großteil der Elternschaft dies mit Gewalt verhindern wollte. Besser sei abzuwarten, bis die Zivilgesellschaft durch Selbsterziehung das Problem gelöst haben würde. Dagegen war sie aber immer für jedwedes Opfer im aktiven jüdischen Widerstand eingetreten. Die Afroamerikaner, die auf die Selbsterziehung der Zivilgesellschaft schon seit Ende der Sklaverei warteten, schickten ihre Kinder jedoch weiterhin auf Schulen ihrer Wahl, und Arendt änderte schließlich ihre Meinung.

Für Martin Luther King wiederum stellte der Vietnamkrieg ein Problem dar, zu dem er lange geschwiegen hatte – ähnlich wie Gandhi in der Hoffnung, dass die Teilnahme der Afroamerikaner ihrer Integration nützen würde. Erst als er erkannte, dass gerade sie Kanonenfutter in einem Kampf um Demokratie waren, an der sie zu Hause keinen Anteil hatten, stellte er sich öffentlich gegen den Krieg. Das und seine geringer gewordenen Berührungshemmungen mit Kommunisten waren dann die Ursache seiner Beseitigung.

Über die Rolle des Dalai Lama im Great Game gegen China dürften am wenigsten Illusionen herrschen. Interessant ist aber, was von der angeblich bei den Tibetern traditionell herrschenden Gewaltlosigkeit zu halten ist. Losurdo nimmt sich den Bericht des Forschers und Bergsteigers Heinrich Harrer von 1952 wieder vor, der zwar schwärmte, dass man in Tibet keiner Fliege etwas zuleide tue, zugleich aber beschrieb, dass die Tafeln der Herrschenden Fleisch enthielten, das von geschlachteten Nicht-Tibetern stammte. Die Vollstreckung der Todesstrafe oblag nur formal den Göttern: Verurteilte wurden durch Amputationen und den Sturz in Felsgrüfte einem langsameren Sterben ausgesetzt. Im Übrigen war der Gegensatz zwischen Feudalklasse und den völlig rechtlosen Abhängigen eklatante strukturelle Gewalt.

Im Unterschied zur Mystifizierung der Gewaltlosigkeit hinterfragt Domenico Losurdo nicht nur direkte physische Gewalt, sondern auch deren multiple Formen, zu denen er den Boykott zählt, der unter Umständen auch töten kann, und die immer wichtigere Medienmacht. Eine gewaltfreie Welt erscheint momentan utopisch. Eine friedlichere Welt ist aber möglich, wenn die antimilitaristische Bewegung erstarkt und das Völkerrecht echte Gleichberechtigung hervorbringt.

Info

Gewaltlosigkeit. Eine Gegengeschichte Domenico Losurdo Argument/InkriT 2015, 272 S., 33 €

06:00 10.06.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
Schreiber 0 Leser 21
Avatar

Kommentare 17

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community