Die Imamin

Porträt Kahina Bahloul ist in Frankreich die erste Frau, die das Freitagsgebet und andere islamische Zeremonien leitet
Die Imamin
Ihre Mutter war atheistische Französin, die Großmutter polnische Jüdin der Vater ein algerischer Unternehmer

Foto: Joel Saget/AFP/Getty Images

Präsident Macron verkündet angesichts der sein Land heimsuchenden islamistischen Anschläge, dass "die Angst die Seiten wechseln muss". Damit zielt er vor allem darauf, das Problem polizeilich zu lösen. Nötig ist es ebenso, die Ressourcen der Zivilgesellschaft zu aktivieren, um wachsender Entfremdung zwischen Einwanderern und alteingesessener französischer Gesellschaft entgegenzuwirken. Realiter könne man diese beiden Gruppen nicht mehr wirklich auseinanderhalten, meint eine schöne junge Frau am 20. Oktober im Sender TV 24. Es ist Kahina Bahloul, die sich zur ersten Imamin Frankreichs erklärt hat. Sie verstehe, dass viele Muslime in diesem Land die Attentate gar nicht mit dem Islam in Verbindung bringen. Schließlich würden sie „ihre Religion friedfertig leben, weil sie in die französische Gesellschaft integriert sind und für die Werte Frieden und Freiheit eintreten“. Aber wenn man die Evolution des islamischen Denkens und die heutigen Wurzeln des Wahhabismus wie Salafismus genau kenne, so Bahloul weiter, dann wisse man, dass sich einige Strömungen leider in eine Richtung entwickelt hätten, die das Anderssein, die religiöse Differenz und Freiheit der Frau ablehnten. „Leider ist das eine Seite des Islam. Aber ich glaube, dass es für die islamischen Intellektuellen, Denker und Theologen an der Zeit ist, Aufklärungsarbeit zu leisten und eine neue Lektüre der Texte vorzuschlagen.“

Geboren 1979 in Paris, stammt Kahina Bahloul aus einer gut integrierten multiethnischen Familie. Ihre Mutter war atheistische Französin, die Großmutter polnische Jüdin und der Vater ein algerischer Unternehmer. In dessen Heimat wuchs sie auf und studierte dort Jura. Seit 2003 arbeitet Bahloul im französischen Versicherungswesen. Durch den Tod ihres Vaters begann sie sich mit dem sufistischen Islam zu beschäftigen, der – im Unterschied zum wahhabitisch-salafistischen Islam – keine ahistorischen Normierungen aufstellt, sondern eine entwicklungsoffene Spiritualität praktiziert.

Die Frankreich immer wieder erschütternden islamistischen Attentate führten dazu, dass Bahloul 2015 den Entschluss fasste, Islamologie zu studieren und in Vereinen mitzuarbeiten, die sich das Ziel setzen, einen „französischen Islam“ zu entwickeln. Im Augenblick schreibt sie ihre Dissertation über Ibn Arabi, den im 12. und 13. Jahrhundert im europäischen Andalusien wirkenden Großmeister der Sufi-Philosophie – seit 2019 ist Kahina Bahloul Imamin.

Es bringt sie nicht aus der Fassung, dadurch Anfeindungen ausgesetzt zu sein. Dass die Frau ein liturgisches Amt ausübt, scheint für viele muslimische Milieus ein Sakrileg zu bleiben. Tatsächlich ist dies nur durch eine der vier Schulen des Islam verboten – die im Maghreb dominierende malikitische. Es sei nötig, sagt Bahloul, die vielen historischen und derzeitigen Schichten einer patriarchalischen Deutung des Koran und der Sunna abzutragen. Man brauche eine unvoreingenommene Lektüre der heiligen Texte. Dann würde sich herausstellen, dass nirgends steht, Frauen seien vom Imamat ausgenommen. Anders als der schiitische Islam kennt der sunnitische keinen hierarchisch gegliederten Klerus, deshalb könne jeder Mensch, dem sich eine Gemeinschaft der Gläubigen anschließe, Imam werden.

Hinter Kahina Bahloul steht eine Gemeinde, die für einen aufgeklärten und Geschlechtergerechtigkeit praktizierenden Islam eintritt. Das wird dadurch zum Ausdruck gebracht, dass die Imamin das Freitagsgebet und andere Zeremonien alternierend mit einem Imam leitet. Noch beten Frauen und Männer ihrer Gemeinde in gemieteten Räumen. Die nach der Tochter des Propheten benannte Moschee Fatima besitzt kein eigenes Gebäude, weil diese Gemeinde nicht von islamischen Staaten gesponsert werden und von ihren Einflüssen unabhängig bleiben will. Wie die konsequentem Laizismus unterstellten französischen Kirchen ist die Moschee Fatima auf die Spenden ihrer Mitglieder angewiesen.

An aufgeklärter Neulektüre der Gründungstexte des Islam fehlt es in Frankreich nicht. Zu erinnern wäre an große Islamologen wie Mohammed Arkoun und den früh verstorbenen Malek Chebel. Auch die bahnbrechenden Exegesen internationaler islamischer Feministinnen wie Fatima Mernissi sind verfügbar. Was fehlt, ist eine geduldige und überzeugende Popularisierung im Bildungswesen. Dafür, so Kahina Bahloul, fehle es sehr an öffentlicher Unterstützung.

Der Mord an dem Lehrer Samuel Paty hat sie schmerzhaft an die Intellektuellenmorde der 1990er Jahre in Algerien erinnert, die das Ziel hatten, ein lebendiges, aufklärerisches Denken mundtot zu machen. Befragt zum Konflikt, der über die Mohammed-Darstellungen in Charlie Hebdo entbrannt ist, meint Bahloul, dass Karikaturen selbstverständlich zur Meinungsfreiheit gehören und ihren Platz in den Medien haben sollten. Die islamische Kultur hätte mit den Sammlungen von Kalila und Dimna selbst frühe literarische Karikaturen geschaffen, in denen anhand von Tiergeschichten gezeigt wurde, „was in der Realität nicht richtig läuft“. Das Werk wurde zum Vorbild für die Fabeln von La Fontaine, die Tradition der Karikatur habe es in der islamischen Welt bis heute immer gegeben. Gerade jetzt sei es wichtig, daran zu erinnern, dass die Funktion der Karikatur in der Kritik von Realitäten besteht. Kindern müsse beigebracht werden, die Distanz zwischen Metapher und Kritisiertem zu verstehen. Dann könnten sie begreifen, „dass die Karikatur nicht das Ziel hat, den geliebten Propheten zu beleidigen“.

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06:00 09.11.2020
Geschrieben von

Sabine Kebir

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