Die Nöte des Kronprinzen

Saudi-Arabien Das Regime in Riad hat sich bisher zu keiner vorbehaltlosen Unterstützung der USA durchgerungen, auch wenn das zuweilen behauptet wird

Obwohl man auch von sogenannten seriösen Medien allerhand gewöhnt ist, hat mich die in ARD und ZDF verbreitete Nachrichtengebung schockiert, wonach sich Saudi-Arabien nun angeblich den Positionen der USA wieder angenähert und sein Territorium für einen Krieg gegen den Irak zur Verfügung gestellt habe. Die Neuigkeit sollte offenbar die Strategien eines beträchtlichen Teils der - was oft vergessen wird - mittlerweile nach ganz eigenen Interessen handelnden Medien unterstützen. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die populäre Kriegsverweigerung des deutschen Kanzlers konterkariert werden sollte.

Aber Saudi-Arabien war keineswegs "umgefallen", sondern hatte seine Position nur konkretisiert. Obwohl es im Golfkrieg 1991 auch Opfer von Raketenangriffen des Irak wurde, lehnt es den jetzt geplanten Waffengang genauso ab wie Kuwait. Kronprinz Abdullah kündigte lediglich an, man werde sich in der Kriegsfrage Entscheidungen des UN-Sicherheitsrats anschließen. Von dem ist jedoch keineswegs eine vorbehaltlose Unterstützung der Bush-Administration zu erwarten, sondern vielmehr eine neue Phase international kontrollierter Inspektionen der irakischen Waffenpotenziale. Insofern unterscheidet sich die saudische Position nicht von der deutschen, sie besagt: Im Kriegsfalle werde man den Amerikanern zwar keine aktive Unterstützung gewähren, die Benutzung vertraglich gesicherter Militärbasen aber nicht verweigern.

Rivalität mit Teheran

Von den deutschen Medien fast unerwähnt blieb auch, dass die saudische Erklärung anlässlich einer Visite des iranischen Präsidenten Chatami in Riad abgegeben wurde. Ein Besuch, der eine jahrzehntelange Feindschaft beenden sollte. Beide Länder haben bisher mit hohem finanziellen und militärischen Einsatz um die Hegemonie unter den Muslimen der Welt konkurriert. Nicht nur die Saudis, auch die Iraner betrieben in der gesamten islamischen Welt - man muss sie wie die christliche als globalisierte Gemeinschaft sehen - den Bau von Moscheen sowie eine islamistische Konditionierung des dort tätigen Personals. Auch haben beide Regimes riesige Geldsummen in Ausbildung und Unterhalt von Söldnertrupps investiert.

Wenn die Finanzkraft Irans und damit dessen Einfluss auf die islamistischen Netzwerke weltweit geringer schien als dies bei den Saudis der Fall war, so hatte Teheran einen anderen Trumpf in der Hand. Es gelang nicht nur, den saudischen Einfluss im eigenen Land zu beschneiden, sondern zusätzlich unter den Millionen Arbeitsemigranten aus asiatischen Ländern, die in Saudi-Arabien als Unterprivilegierte ein erbärmliches Dasein fristen, an Einfluss zu gewinnen. Dies ging so weit, dass Terrorkommandos mehrfach versuchten, die heiligen Stätten mit dem Ziel zu besetzen, sie unter iranische Kontrolle zu bringen. Vieles spricht heute dafür, dass der iranische Einfluss in Saudi-Arabien nicht mehr nur die dort lebenden ausländischen Muslime erfasst, sondern mittlerweile auch unter der jüngeren Generation der größtenteils westlich ausgebildeten Saudis zu wirken beginnt. Denen können nicht mehr die großartigen Karrieren geboten werden, wie sie den fast ungebildeten Eltern zuteil wurden. Dass Iran als uralte Kulturnation, die zumindest im privaten Bereich den Wohlhabenden durchaus liberale Konzessionen macht, für saudische Intellektuelle inzwischen attraktiver ist als der grobschlächtige Islam der Wahhabiten und ihres konservativen Königshauses, liegt auf der Hand. Chatamis Besuch in Riad stellte insofern auch einen politischen Triumph für Teheran dar. Er hat gezeigt, wie sehr sich das saudische Regime gezwungen sieht, seine Positionen in der arabischen Welt, der islamischen Umma wie auch gegenüber der eigenen Bevölkerung zu überprüfen. Wenn Riad heute immer wieder zum Respekt vor dem Völkerrechts auffordert, ist das mehr als ein Symptom dafür, dass hier ein vielleicht unaufhaltsamer Prozess der Demokratisierung begonnen hat.

In Ramallah lebendig begraben

Obwohl Iran insgesamt fortgeschrittener als Saudi-Arabien erscheint, trifft dies in der Palästina-Frage weniger zu. Chatami hat betont, dass sein Land die Existenz Israels auch dann nicht anerkennen wolle, sollte die Bildung eines Palästinenserstaates gelingen. Saudi-Arabien hat seinerseits die Offerte des Kronprinzen Abdullah vom Februar erneuert, Israel im Gegenzug für die Akzeptanz eines palästinensischen Staates nicht nur anerkennen zu wollen, sondern auch in der gesamten islamischen Welt dafür zu werben.

Bush und Sharon erhoffen jetzt offenbar, dass der Irak wieder mit Raketen gegen Israel aktiv wird, um dann endlich mit wachsender Zustimmung - besonders in Europa - gegen ihn losschlagen zu können. Die Spekulation, dass der Irak auf die erneute Belagerung der palästinensischen Autonomie-Regierung mit einem derartigen Angriff auf Israel reagieren möge, ist schon vom Kalkül her ein inhumaner und unwürdiger Ansatz. Er entspricht dem, was der Weltgemeinschaft derzeit in Ramallah zugemutet wird. Von daher ist es nur zu begrüßen, dass sowohl Präsident Chatami als auch der saudische Kronprinz Abdullah gemeinsam gegen jede Provokation seitens der Muslime aufgerufen haben.

Uns Europäern sollte Sorge bereiten, in welch gefährliche Situation sich gerade jetzt Israel lanciert hat. Während von den durch Iran unterstützten Hisbollah-Milzen im Südlibanon tatsächlich eine akute Gefahr für den jüdischen Staats ausgeht, hat Yassir Arafat das Existenzrecht Israels anerkannt. Wenn Sharon nun ausgerechnet den PLO-Chef zum Hauptfeind erklärt, zeigt das besonders krass - es geht nicht mehr um einen gerechten Frieden, sondern die Demütigung und Züchtigung der Palästinenser.

Obwohl es keinen Grund gibt, Arafats Fehler schönzureden - der verhängnisvollste bestand darin, sich mit Saddam Hussein 1990/91 zur Unzeit verbündet zu haben - könnte der Westen immerhin das historische Verdienst erwerben, endlich durchzusetzen, dass legale Regierungen nicht durch militärische Mittel von außen erpresst beziehungsweise lebendig begraben werden. Wie das gerade in Ramallah geschieht. Über die Legalität des auch für das irakische Volk schrecklichen Saddam lässt sich gewiss streiten. Aber allein die Tatsache, dass er nicht zum Verschwinden gebracht werden kann, ohne dass Tausende Iraker ihr Leben lassen, verbietet jede außerhalb des Völkerrechts liegende Lösung.

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02:00 27.09.2002
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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