"Die Volkskammer in größeren Schwung setzen"

Brecht Die Briefe Brechts zeigen den Dramatiker als Fürstenaufklärer. Sie schärfen die Sicht auf die Kapitalismuskritik und eine sozialistische Reformperspektive

Die 30bändige Große Kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe der Werke Bertolt Brechts fand im Jahr seines 100. Geburtstages in drei Bänden Briefen ihren Abschluss. Mit beinahe 2.400 Briefen wird hier fast das Dreifache der alten Ausgabe von 1981 präsentiert. Die damalige Beschränkung beruhte vor allem auf politischen Rücksichtnahmen gegenüber der Staatsraison der DDR, deren Gründe seit 1989 verschwunden sind.

Da das heutige Bild der politischen und privaten Persönlichkeit Brechts mehr von vorgefassten Meinungen geprägt ist als von dokumentarisch Belegtem, stellt die vorliegende Ausgabe einen wertvollen Fundus für diejenigen dar, die ihn genauer kennen möchten. Außerdem ist sie natürlich eine wichtige Ergänzung zu den Journalen und den schon seit 1992 in sechs dicken Bänden verfügbaren "Schriften".

Die Briefe bieten Einblick in jene Weisheit, oft auch Schläue, mit der Brecht in widrigen Zeiten nicht nur sein Werk, sondern auch seine politischen Vorstellungen durchzusetzen suchte. So lässt sich nun nachvollziehen, dass das Ersuchen um einen österreichischen Pass (April 1949) seinen Ursprung in der Weigerung der Besatzungsbehörden hatte, den staatenlosen, vom Mc Carthy-Ausschuss Verdächtigten, der sich zunächst in der Schweiz aufhalten musste, nach Deutschland einreisen zu lassen. Das Ehepaar Brecht/Weigel besann sich daher auf die österreichische Herkunft der Weigel. Ein ausländischer Pass wiederum bot natürlich auch perspektivisch die beste Möglichkeit, sich über die Souveränität der vier Besatzungsmächte elegant hinwegzusetzen: "Ich kann mich ja nicht in irgendeinen Teil Deutschlands setzen und damit für den anderen tot sein."

Man kann nun auch die Briefe nachlesen, die Brecht 1937 an Lion Feuchtwanger schrieb, der auf seiner Reise in die Sowjetunion Erkundigungen über das Verschwinden Carola Nehers einholen und für ihre Ausreise sorgen sollte, dies aber offensichtlich nicht getan hat. Wer einen Hinweis auf Brechts Feigheit darin sieht, dass er nicht selber intervenierte, projiziert seine spätere Anerkennung in der Sowjetunion auf eine Zeit, als er dort noch fast unbekannt und wegen seiner eigenwilligen politischen und ästhetischen Auffassungen potentiell gefährdet war. (In einer Tagebuchaufzeichnung von 1939 musste er feststellen, dass sämtliche Freunde, die er und Margarete Steffin in der Sowjetunion hatten, verhaftet beziehungsweise verschwunden waren.) Feuchtwanger aber war damals nicht nur der weltweit bekanntere Autor. Durch seine im Grunde unpolitische Bürgerlichkeit - die auch so manches Wegsehen ermöglichte - war er der Sowjetunion als Propagandamacher im Westen auch bequemer als Brecht. Nur Feuchtwanger hätte also - wenn überhaupt - die Möglichkeit gehabt, für Carola Neher zu intervenieren.

Wer nicht selbst noch im Realsozialismus mitbekommen hat, dass ästhetische Fragen zeitweise tatsächlich zu Fragen von Leben und Tod werden konnten, wird schwer die Brisanz erfassen, die darin lag, dass sich Brecht in den dreißiger Jahren durch den sogenannten "Formalismusstreit" in offenen Gegensatz zur stalinistischen Kulturpolitik brachte. Das allein war ein Grund, die Sowjetunion als Exilland zu meiden. Brecht sah im stalinistischen Konservatismus der Formen nicht nur die Gefahr altmodischer Kunst, sondern die Gefahr gesellschaftlichen Konservatismus. Im Gegensatz zur stalinistischen Auffassung hielt er fest an der Vorstellung, dass sich die Gesellschaft nur durch Kreativitätsentfaltung von unten entwickeln könne. Und weil ästhetische Prozesse seiner Meinung nach Ausdruck von sich verändernden Kommunikationszusammenhängen waren, mussten sie ihm als prinzipiell offen gelten. An den in Moskau lebenden Johannes R. Becher schrieb er 1938, dass er "mit Befremden beobachtet hätte", wie der "Begriff des sozialistischen Realismus, den wir für unsern antifaschistischen Kampf alle für notwendig halten, außerordentlich eng und ganz und gar formal definiert" würde, "daß ein großer Teil der zeitgenössischen revolutionären Literatur (darunter auch meine Arbeiten) nicht mehr als sozialistische, realistische Werke gelten können (...). Die Leser kontrollieren (...) nicht mehr, ob ein Werk die Wirklichkeit erfaßt (meistert) und sozialistische Tendenz hat, revolutionäre Impulse gibt, sondern nur noch ob es einem ganz bestimmten Formideal entspricht."

Die Texte zum "Formalismusstreit" finden sich in den sechs Bänden "Schriften", die dazu gehörenden Briefe befinden sich im zweiten und dritten Briefband, das heißt von 1937 bis zu seinem Tod. Der Formalismusstreit bestimmte auch Brechts Kämpfe mit der Kulturbürokratie der DDR, wo ästhetische Fragen immer noch eher "im Sinne der Schraube als der Wasserkräfte" (im Juli/August 1953 an Renata Mertens-Bertozzi) behandelt wurden. Dass Brecht sein eigenes Theater erhielt, kam nur durch die ihm eigene außerordentliche Taktierfähigkeit und die eher zufällige kulturpolitische Klarsicht einiger sowjetischer Kulturoffiziere zustande. Heute ist bekannt, dass der machiavellische Germanist Wilhelm Girnus (vom ahnungslosen Brecht 1953 als "Lieber Genosse Girnus" angeschrieben) der Regierung vorgeschlagen hatte, dauerhaften Erfolg des Berliner Ensembles durch vernichtende Kritiken zuverlässig zu durchkreuzen. Warum dies nicht gelang, wäre einer gesonderten Untersuchung würdig. Denn es gelang in vielen anderen Fällen, progressive Kunst zu ersticken, beziehungsweise außer Landes zu treiben. Das erschütterndste Dokument zu diesem Thema ist der im Oktober 1953 von Brecht für Hanns Eisler entworfene Brief an das ZK der SED. Eisler, der infolge des Verbots seiner Opfer "Faustus" in eine Schaffenskrise geraten war und sich bereits nach Wien zurückgezogen hatte, beklagte sich - über Brechts Feder - bei den Mächtigen, dass er seit der Rückkehr aus dem Exil "eigentlich nicht nach meiner künstlerischen Statur und meinen schöpferischen Intuitionen arbeiten konnte. (...) Ich selbst sah mich als Schüler behandelt, dessen Arbeiten, die in einem immerhin kämpferischen Leben durch drei Jahrzehnte entstanden waren, in den Papierkorb geworfen wurden. (...) Mich ebenfalls bedrückend, stieg dazu ringsum eine allgemeine Mißstimmung auf allen anderen künsterlischen Gebieten, wo ähnlich administriert und gebeckmessert wurde."

Mit Mutter Courage und ihre Kinder hatte das Berliner Ensemble 1954 beim Pariser Theaterfestival enormen Erfolg gehabt. Die Aufführung verschaffte Brecht - zwei Jahre vor seinem Tod - den Durchbruch zum Weltruhm. Bei DDR-Medien musste er sich jedoch beschweren, dass sie angemessene Berichterstattung über das Ereignis verweigerten. Er schrieb an die Wochenpost: "Es ist unmöglich, daß Sie einen solchen kulturellen Erfolg der DDR einfach unter den Tisch fallen lassen." Noch ein Jahr später, Mitte 1955, schreibt er an Helene Weigel, dass er den Kulturfunktionär Herzog "hergebeten" hätte, "wegen der ärmlichen Ausbeutung des Pariser Erfolgs in der DDR".

Man muss sich vergegenwärtigen, dass Brecht noch vor dem Eimmarsch der sowjetischen Armee in Ungarn gestorben ist, um zu begreifen, weshalb es für ihn zeitlebens in der DDR noch sinnvoll blieb, wie einst Voltaire die Position des Fürstenaufklärers einzunehmen. So schickte er dem Ministerpräsidenten Otto Grotewohl am 19. 6. 1954 "ein paar Notizen über die Volkskammer. Da deren Arbeiten ziemlich unöffentlich vor sich gehen, wirkt sie für die Bevölkerung wie eine richtige Fassade (und der RIAS zementiert diesen Eindruck natürlich). Könnten wir nicht auch die Volkskammer in größeren Schwung setzen?"

Von geradezu naivem Aufklärertum zeugen Beschwerdebriefe gegen Schikanen der Volkspolizei oder auch ein Beschwerdebrief an die HO-Bezirksleitung von Berlin von 1955: "Um sich vor einem Kinobesuch noch mit einigen Süßigkeiten zu versorgen, betraten Bertolt Brecht und Helene Weigel am 26. März um 19.45 das(!) HO für Süßigkeiten unter dem Brückenbogen des Bahnhof Friedrichstraße." Der Laden war verdreckt und unaufgeräumt. Auf die Frage nach einer bestimmten Schokolade antwortete die Verkäuferin mit: "Ham wa nich" und weigerte sich, den Kunden andere Ware hervorzusuchen. Da es sich noch um die ersten Jahre realen Sozialismus auf deutschem Boden handelte, hoffte Brecht hier noch vor einer korrigierbaren Erscheinung zu stehen. Eine gewisse, auf sozialer Sicherheit basierende Faulheit sollte sich aber dauerhaft als eine der strukturellen Krankheiten des Sozialismus erweisen.

Dass Brecht die aufklärerische Reformperspektive aber aufs äußerste dehnte und auch überschritt, zeigen zum Beispiel die Briefe, die er 1954 seinem inhaftierten Assistenten Martin Pohl ins Gefängnis sandte. Unter Vortäuschung eines Übersetzungsauftrages sorgte er dafür, dass Pohl Papier zum Schreiben bekam. Und nicht nur einmal drohte er den Mächtigen mit seinem eigenen oder dem Abgang anderer Künstler in den Westen. So auch in einem Brief an Grotewohl am 15. Juni 1953, als die Bewilligung des Theaters am Schiffbauerdamm für das Berliner Ensemble wieder einmal auf der Kippe zu stehen schien: "Sie haben vielleicht gehört, daß in Westdeutschland die unsinnigen Gerüchte über Zwistigkeiten zwischen mir und der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik wieder sehr verstärkt aufgemacht werden." Und am 15. 9. 1953 schreibt er an Hermann-Ernst Schauer von der Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten: "Ich finde es großartig, daß die Regierung alles zu tun bereit ist, Curt Bois der Deutschen Demokratischen Republik zu erhalten. Mit der Übernahme des Schiffbauerdamm Theaters ist das Berliner Ensemble instand gesetzt, Bois eine ihn befriedigende Theatertätigkeit zu garantieren." Wegen einer ähnlichen Problemlage setzt er sich am 19. 2. 1955 gegenüber Grotewohl für die bessere Bezahlung des bedeutenden Arztes Hüdepohl ein, der bereits im Westen wohnte, aber für ein geringes Gehalt im Osten operierte: "Es besteht trotz seiner inneren Bindung an das Hedwigs-Krankenhaus auch immer die Gefahr, daß er, um einfach existieren zu können, einem Ruf nach dem Westen nachkommen muß."

Künstlerisch brachte Brecht nur Gedichte, aber keine vollendeten Dramen über den realen Sozialismus zustande, den er, wie aus einem Brief an Karl Korsch vom März 1939 hervorgeht, "vom Standpunkt der Marxschen Formel", das heißt mit derselben kritischen Methode hinterfragen wollte, mit der Marx den Kapitalismus analysiert hatte. Dass die Schwierigkeiten nicht nur in der Herstellung neuer Gestaltungsmittel, sondern schon bei der Materialbeschaffung lagen, zeigt folgender Brief an den Stellvertretenden Vorsitzenden des Ministerrates Fritz Selbmann vom 28. März 1956: "Mich interessieren für literarische Arbeiten Angaben über Demontagen, Reparationen, Steigerung der Arbeitsproduktivität, Steigerung des Reallohnes und so weiter. Diese Angaben sind, soviel ich weiß, Verschlußsachen. Können Sie mir dazu verhelfen?"

Heute ist der gängigste politische Vorwurf gegen ihn, dass er nicht öffentlich zu Stalins Verbrechen Stellung genommen hat. In diktatorischen Systemen ist aber die Vermeidung öffentlicher Delegitimierung der obersten Instanz notwendiges Prinzip jeder reformerischen Strategie. Aber genau in Brechts reformerischer Strategie liegt der Grund, weshalb er auch heute politisch gefährlich ist. Aus der Siegerperspektive von 1989 bleiben jene Linken gefährlich, die den existierenden Sozialismus nicht für die einzig mögliche Form seiner Realisierung ansahen. Deshalb gilt es als Brechts größtes Vergehen, trotz seiner - schon in Texten der dreißiger Jahre nachweisbaren - Kenntnis stalinistischer Fehlentwicklungen und Verbrechen, weiterhin in Entwicklungsfähigkeit des Sozialismus und in harte Kritik am Kapitalismus investiert zu haben. Allein die beiden Weltkriege und der Abwurf der Atombomben auf japanische Zivilbevölkerung war Brecht Grund genug, die Wahl zwischen Sozialismus und Kapitalismus nicht nur über das Kriterium der Einhaltung von Menschenrechten zu treffen.

Eine Bemerkung wie "Tödlichkeit bürgerlicher Ethik in bürgerlichen Verhältnissen", die sich in einem Brief an Elisabeth Hauptmann von 1946 findet, kann noch heute Ärger auslösen, da oft vorgegaukelt wird, dass kommunitaristische Bürgertugenden die schwindende materielle Autonomie der Individuen schon irgendwie ausgleichen könnten. Wenn Jugendliche durch Entzug von Sozialleistungen auch dann zur Arbeitsaufnahme gezwungen werden sollen, obwohl das Gehalt keine autonome Existenz sichert, stört auch folgende hintersinnige Analyse aus einem Brief an Ernst Bloch von 1935: "Die furchtbaren Konkurrenzkämpfe der einzelnen auf dem Arbeitsmarkt, wo die Ware Arbeitskraft frei verkauft wurde, diesen schauerlichen Wettlauf um die knapp gewordene Chance, ausgebeutet zu werden, hat der Faschismus beendet, indem er kurzerhand den freien Arbeitsmarkt schloß. Winterhilfe und Volksgemeinschaft mit "Kraft durch Freude" füllten das Gemütsleben auf. Die großen Klassen traten in um so unbarmherzigere Kälte. Wir haben die Güte verlacht, die Humanität durch den Kakao gezogen. Das war v o r der Niederlage. Jetzt stoßen wir ein Geheul aus und betteln um Demokratie als um ein Almosen."

Zum aktuellen Regierungswechsel in Deutschland passt folgende Passage aus einem Brief an Paul Tillich von 1945: "... jedoch habe ich den alten sozialdemokratischen Lehrsatz, daß es dem Arbeiter gut geht, wenn es den Unternehmern gut geht, immer höchst gefährlich gefunden. Wirklich demokratische Institutionen vermögen viel." Wir alle könnten uns hinter die Ohren schreiben, was er 1942 Ruth Berlau für ihren Beitrag zu einem Kongreß in New York empfahl: "Sag in der Rede, daß Demokratie nicht etwas ist, was man hat oder nicht hat, sondern etwas, um das man ständig kämpfen muß, wenn man es hat."

Bertolt Brecht: Große, kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Briefe 1-3, Band 28-30, Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main, 1998; 832 S., 816 S., 816 S., jeweils 98,- DM

01:00 04.02.2000
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
Schreiber 0 Leser 18
Avatar

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare