Du sollst Zeugnis bewahren

Weltkultur Palmyra ist ein Symbol für die Koexistenz der Religionen, das der Islamismus vernichten will. Die reaktionäre Ideologie wird aber scheitern
Sabine Kebir | Ausgabe 36/2015 1
Du sollst Zeugnis bewahren
So sah Palmyra früher aus: Die berühmte Ruinenstadt im Mai 2007

Foto: Louai Beshara/AFP/Getty Images

Wenn kulturelle Monumente, die vor oder neben dem Islam entstanden sind, in die Hand islamistischer Kämpfer fallen, geraten sie in Gefahr, zerstört zu werden. Man denke an die Buddha-Statuen im afghanischen Baniyan und die Marabuts im malischen Timbuktu. Inzwischen verbreitet der Islamische Staat (IS) Videobilder von Massakern an Menschen und Monumenten. So war es in Mossul, Nimrod und Hatra – um nur einige der Orte im Irak zu nennen, an denen mesopotamisches Weltkulturerbe geschleift wurde. So blieb es, als die syrische Armee im Mai die nordöstlich von Damaskus gelegene Stadt Tadmor aufgeben musste. Danach war zu erwarten, dass der IS deren antiken Teil – besser bekannt unter dem Namen Palmyra – verwüsten würde. Erstaunlicherweise geschah zunächst nichts, bis Mitte August klar war, dass die Zerstörung zwecks optimaler medialer Wirksamkeit etappenweise vonstatten gehen sollte. Offenbar hielt man das für einen Nachweis von Macht.

Als grausame Eröffnungstat wurde am 18. August Khaled Asaad, der 82-jährige Chefarchäologe von Palmyra, geköpft und sein Leichnam an eine antike Säule gehängt, die er selbst restauriert hatte. Dass sich Asaad nicht durch Flucht in Sicherheit brachte, hatte wohl damit zu tun, dass er sich der Ruinenstätte, in der er 50 Jahre gearbeitet hatte, zutiefst verpflichtet fühlte – selbst um den Preis des eigenen Lebens. Am 23. August dann ließ der IS den Tempel des phönizischen Gottes Baalshamin sprengen. Am 30. August wurde der im Jahr 23 eingeweihte Tempel des babylonischen Baal – das prestigeträchtigste Bauwerk in Palmyra – weitgehend zerstört.

Es ist davon auszugehen, dass Khaled Asaad nicht der Einzige in Tadmor war, der dem heranrückenden IS keinen freudigen Empfang bereitet hat. In der Hoffnung, dass die syrische Armee den symbolisch wichtigen Ort verteidigen könne, hielten sich dort viele Menschen auf, die vor dem Dschihad geflohen waren. Viele der Alteingesessenen konnten bis vor wenigen Jahren vom florierenden Palmyra-Tourismus leben. Ob es den je wieder gibt, hängt davon ab, was von der seit 4.000 Jahren beurkundeten Stadt nach dem IS übrig bleibt. Wer in Deutschland um Palmyra trauert, sollte bedenken, dass deren Reste nur gerettet werden können, wenn der Westen seine verquere Bündnispolitik in der Region umgehend ändert.

Die an der Seidenstraße liegende uralte Handelsmetropole Palmyra war ein einzigartiger Schmelztiegel von Zivilisationen des Orients und Okzidents. Als Scharnier zwischen den Kulturen genoss die Stadt ein hohes Maß an Unabhängigkeit, einst sogar gegenüber Rom. Während die Skulpturen deutliche Verbindungen zum Stil der Parther, der Perser und sogar indische Einflüsse verraten, ist die überkommene Architektur griechisch-hellenistisch und römisch-hellenistisch geprägt, ohne orientalische Ursprünge zu verleugnen. Zu erkennen ist das besonders an der nicht schachbrettartigen, sondern vom Zweck her definierten Straßenführung. Wer auf den – Tetrapylon genannten – mit 16 Säulen bestückten zentralen Prachtquader klettert, hält die zwei auf den Betrachter zulaufenden Hauptstraßen für eine gerade Linie, obwohl sie in Wirklichkeit in einem Winkel von etwa 80 Grad zueinander stehen – seinerzeit ein raffinierter Modernisierungstrick. Wird der Tetrapylon überleben? Und gibt es im Baaltempel noch das Flachrelief mit dem Porträt des dem Mond und der Sonne zugeordneten Gottes, das auf viele Besucher so merkwürdig menschlich wirkte? Wäre kein goldener Strahlenkranz im Hintergrund gewesen, hätte man den „kosmischen“ Baal für einen mittleren Beamten römischer Provenienz gehalten.

Palmyra blieb stets kulturell flexibel. Der Baaltempel wurde in den ersten christlichen Jahrhunderten als Kirche genutzt und vom 12. bis ins 20. Jahrhundert hinein – als Moschee! Nichts verdeutlicht besser, dass die islamistische Manie der Zerstörung von wirklich oder angeblich nicht islamischen Kulturgütern im ursprünglichen Islam nicht angelegt war: Die Jüdin Safiya und die Christin Maria mussten nicht konvertieren, als Mohammed sie zur Frau nahm. Bis sich der Islamismus ausbreitete, übten Christen und Juden in islamischen Staaten ihre Religion frei aus. Dass ihre Bürgerrechte eingeschränkt waren, verhinderte nicht ihr Aufsteigen in hohe Staatsfunktionen. Das heißt, heutige Islamisten vernichten nicht nur materielle Zeugnisse nichtislamischer Kulturen. Sie bekämpfen auch jede Form lokaler Volkskultur. Gemeinschaften, die sich seit Jahrhunderten für gute Muslime hielten, wird plötzlich vorgeworfen, nicht ordnungsgemäß zu beten, den falschen Schleier zu haben oder gar falsche Feste zu feiern. Jedes Musizieren kann von Islamisten mit der Todesstrafe geahndet werden. Auch an Literatur darf sich der Muslim nicht erfreuen. Viele Imame verbreiten, der Koran enthalte alles Weltwissen. Lediglich der Umgang mit moderner Kommunikationstechnik wird toleriert. Ohne sie würde nicht einmal der Islamische Staat funktionieren.

Ob die puristische Kulturstrategie des IS zu einem dauerhaften islamistischen Herrschaftsmodell führt, erscheint eher fraglich. Fernsehen und Internet stellen Tore zur Welt her, die sich nicht ungestraft vernageln lassen.

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06:00 14.10.2015
Geschrieben von

Sabine Kebir

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