Ein notwendiger Schritt zurück

Kampf um den eigenen Blickwinkel Der diesjährige Friedenspreisträger Chinua Achebe kämpft für die Gleichberechtigung der Kulturen

Er hat der Welt Afrika gebracht", sagte Nelson Mandela über Chinua Achebe, dessen Romane er im Gefängnis auf Robben Island gelesen hatte. Mit dem 1958 erschienenen Erstlingsroman Okonkwo oder das Alte stürzt hatte der 1930 geborene nigerianische Autor tatsächlich die Vorstellung widerlegt, dass das Genre des Romans eine bürgerliche Geschichte voraussetzt. Bis dahin galt es als ausgeschlossen, dass Menschen der sogenannten vormodernen oder auch als "geschichtslos" angesehenen Völker romanhaft dargestellt werden könnten. Man sprach ihnen prinzipiell Individualität ab. Aber das Schicksal der Familie Okonkwos, der in einem traditionellen Dorf der Ibos lebt und erst in seinem letzten Lebensabschnitt mit dem englischen Kolonialismus in Berührung kommt, erwies sich in der Darstellung Achebes als äußerst spannungsreich.

Warum war sie gelungen? Er wich einem in der Literatur der früher kolonisierten Völker und auch in der Literatur über sie bis heute nicht verschwundenen Fehler konsequent aus: er schuf weder - wie Joseph Conrad mit Herz der Finsternis - ein negativ klischeehaftes noch ein idealisiertes Bild der vorkolonialen Gesellschaft - wie es Pablo Neruda 1950 mit dem Canto General getan hatte. Achebes vorkoloniale Individualitäten sind geprägt von sozialen und Geschlechterhierarchien, von persönlichen Eigenschaften oder Schicksalsschlägen. Dass Okonkwos zweiter Frau Ekwefi bis auf eines alle Kinder kurz nach der Geburt sterben, führt zu einer ganz ›westlich‹ anmutenden Mutter-Tochter-Beziehung. Durch die große Sorgfalt, mit der das Einzelkind Enzinma erzogen wird, erreicht sie von ihrem Vater schließlich mehr Anerkennung als seine Söhne.

Das Leben der vorkolonialen Gesellschaften war auch geprägt durch eine Fülle magischer Ideen. Die wohl wichtigste war die Vorstellung, dass das Überleben der Gemeinschaft nur durch äußerste Härte gesichert werden konnte, das heißt auch die Bereitschaft zu töten. So hielten die Ibos Zwillinge - ursprünglich wahrscheinlich wegen der Doppelbelastung der Mutter - für teuflische Wesen und setzten sie im Dschungel aus. Die Tötung einer jungen Frau auf dem Markt eines Nachbardorfs musste mit der Auslieferung eines Mädchens und eines Jungen an Okonkwos Dorf gesühnt werden. Das Mädchen wurde dem Mann zu Ehe gegeben, dessen Frau getötet worden war. Der Junge war für ein grauenvolles Ritual bestimmt. Drei Jahre lebte der ahnungslose Ikemefuna wie ein Adoptivkind in Okonkwos Familie, wurde von allen geliebt, nannte Okonkwo schon "Vater" und musste schließlich doch durch diesen getötet werden. Während solche Riten oft nur als ein seelenloser Automatismus beschrieben werden, gelingt es Achebe, auch den Schmerz zu zeigen, denen Ikemefunas Ende in Okonkwos Familie und bei ihm selbst auslöst. Auch das ist ein Baustein der Individualisierung seiner Romanfiguren.

In Umkehrung der westlichen Sichtweise bedeutet für den wohlhabenden und angesehenen Okonkwo das Auftauchen der weißen und schwarzen Missionare und die Errichtung eines Gerichtshauses der Kolonialverwaltung den Zusammenbruch der Ordnung. Menschen, die weiter unten in der Stammeshierarchie stehen, wenden sich dem neuen Glauben erstaunlich rasch zu: Mütter, die ihre Zwillinge behalten wollen oder auch die Aussätzigen, die das Dorf bisher brutal ausgegrenzt hatte. Dass Okonkwos Sohn Nwoye die Verstoßung auf sich nimmt, um die Missionsschule zu besuchen, hängt mit dem alten Trauma zusammen, das er durch die Tötung seines Adoptivbruders erlitten hatte. Der Kontrast zwischen der das Menschenleben scheinbar gering schätzenden Ibo-Kultur und dem scheinbar von tiefer Humanität geprägtem Christentum ist so scharf gezeichnet, dass der Leser eine Weile nicht anders kann, als in dem Autor einen überzeugten Proselyten zu vermuten. Aber die Geschichte vollzieht noch einmal eine dramatische Wende. Die von den Missionaren scheinheilig behauptete Koexistenz der zwei Kulturen erweist sich beim Auftauchen von Konflikten als illusionär. Stets wird durchgesetzt, was der Kolonisator als Recht ansieht, notfalls auch mit brutaler Gewalt, mit dem Töten von Menschen.

Tatsächlich hatte der junge Achebe mit seinem Erstlingsroman den Entwicklungsweg seines eigenen Denkens dramatisch nachgestaltet. 1930 wurde er als Sohn eines Katecheten geboren und begriff sich selbst - typisch für durch Bildung privilegierte Kolonisierte - nicht als Afrikaner. "Der Weiße war gut und vernünftig und intelligent und mutig. Die Wilden, die sich ihm entgegenstellten, böse und dumm, oder zumindest hinterlistig. Ich hasste sie bis auf´s Blut." Aber es kam die Zeit, in der er begriff, dass er "übertölpelt" worden und keineswegs ausersehen war, mit den Weißen auf einer Stufe zu leben. Weil in seinem Dorf die heidnische Kultur neben der christlichen weiter existierte, nahm er - seine Eltern durften es nicht wissen - die Chance wahr, sich auch in "heidnischen" Familien zu bewegen. "Niemals schmeckte ich in ihrem Reis und ihrem Stew das Aroma der Götzendienerei....Wenn irgend jemand glauben will, daß ich von geistigen Agonien zerrissen oder auf der Folterbank meiner eigenen Ambivalenz gestreckt wurde, dann mag er das tun. Ich jedenfalls erinnere mich keiner unangebrachten Bedrängnis." Es dauerte noch eine Weile, bis er begriff, dass er als Schwarzer nicht nur lesen lernen, sondern auch zu den Wesen gehören konnte, die selbst Bücher schreiben. Und weil es ihm gelungen war, auch die Kultur seiner Ahnen zu integrieren, war der Abstand, den die europäische Bildung zu ihr geschaffen hatte, nicht Anlass zur Trennung, sondern zur Versöhnung, "wie der notwendige Schritt zurück, den ein kluger Betrachter macht, um eine Leinwand voll und umfassend betrachten zu können." Das Buch wurde in mehr als 50 Sprachen in etwa 10 Millionen Exemplaren gedruckt und gilt als Klassiker der afrikanischen Literatur.

Nach der Unabhängigkeit war Achebe - der seinen christlichen Vornamen Albert gestrichen hatte - Leiter des nigerianischen Rundfunks. 1966 gab er den Posten aus Protest gegen die Massaker an den Ibos auf und wurde dann Sonderbotschafter Biafras in Europa und den USA. Seitdem lehrte er an Universitäten in Nigeria und den USA, wo er aus Gesundheitsgründen seit 1990 fest lebt. Er hat sich nicht nur große Verdienste um die Verbreitung afrikanischer Literatur gemacht, sondern vor allem seine Aufgabe darin gesehen, gegen den durch koloniale Klischees zentrierten Blick auf Afrika zu wirken. Wie einseitig die öffentliche Wahrnehmung Afrikas noch heute ist, zeigt ein drastisches Bild, das Achebe neulich in einem Interview von sich gab: "Heute kommt kein afrikanisches Fernsehteam nach Amerika, um dort die schrecklichen Nachrichten zu suchen und aufzuzeichnen" - Gründe genug, um vom Standpunkt einer "schwarzen Kultur" aus in den USA alltägliche Menschenrechtsvergehen anzuprangern, gäbe es allemal. Den Kampf um den eigenen Blickwinkel beim Schreiben der Geschichte versteht er als einen Kampf um die Gleichberechtigung der verschiedenen Kulturen, die sich aber dennoch nicht ghettoartig voneinander abgrenzen, sondern in fruchtbaren Austausch treten sollten. So wird seiner Meinung nach eine neue "Balance der Macht" entstehen.

Chinua Achebe, der auch Gedichte, Kinderbücher und Essays verfasste, schrieb auch äußerst kritische Romanwerke über die Entwicklung Nigerias nach der Unabhängigkeit. In Heimkehr in ein fremdes Land (1960) kehrt Okonkwos Enkel vom Studium in England nach Haus zurück, wird von Widersprüchen zerrissen, die das Land quälen, und versinkt schließlich selbst in Korruption. Ein Mann des Volkes (1966) war eine Satire auf übersteigerte Hoffnung und flagrante Selbstüberschätzung nach der Unabhängigkeit. Da das Buch vor dem Staatsstreich 1966 erschien, glauben viele Nigerianer noch heute, dass Achebe damit das Szenario dafür vorgeliefert hätte.

Im Termitenhügel in der Savanne (1987) werden mit tragisch-grotesken Mitteln die Absurditäten einer postkolonialen Militärdiktatur gezeigt - und zwar aus der Sicht der Minister und höchsten Funktionsträger, die die Schulfreunde des Diktators sind. Da sie allesamt die besten westlichen Universitäten besucht haben, sind sie weniger naiv als es die vielleicht vergleichbaren Sowjetfunktionäre zu Zeiten Stalins gewesen sind: Sie verstehen sehr genau, welche Folgen die Abwesenheit von Demokratie hat. Wenn sie sich kritiklos unterordnen, können schließlich ganze Provinzen verhungern oder verdursten. Unzweideutig steht jeder bald vor der Alternative, sein Leben zu opfern oder sich als Dissident in den Westen abzusetzen.

Die zwei, deren Geschichte hier verfolgt wird, gehen den ersten Weg: der Schriftsteller Ikem, der als Chefredakteur der größten Zeitung eingesetzt war, muss dafür büßen, dass er den Bauern aus der durstenden Provinz Verständnis gezeigt hat. Bevor man ihn umbringt, gelingt es ihm, noch ein großes öffentliches Meeting in der Universität abzuhalten. Chris, dem als Informationsminister die wichtigsten Informationen nicht zur Verfügung stehen, weigert sich, Ikem zu verraten und muss sich bald selbst verstecken. Bei der Flucht in die verdurstende Provinz kommt er eher durch einen Zufall um. Dass Achebe generell mehr Hoffnung in die Frauen setzt, zeigt er mit der Gestalt von Chris´ Freundin Beatrice. Obwohl sie die glänzendsten englischen Diplome hat, übt sie nur eine untergeordnete Funktion in einem Staatssekretariat aus, was es ihr aber zugleich erlaubt, dem Staatsoberhaupt vollkommen offen den Skandal entgegenzuhalten, dass Zinsforderungen amerikanischer Kreditgeber anstandslos bezahlt werden, während tausende Menschenleben in Gefahr sind. Nach Chris´ Tod wird sich Beatrices Haus als eine Art Treffpunkt von Menschen verschiedener sozialer Herkunft entwickeln, in denen bewusst Toleranz eingeübt wird, eine Haltung, die laut Achebe in den afrikanischen Kulturen kaum vorhanden oder eben in der Moderne verlernt worden ist. Trotz der vielen ausgesprochen komischen Effekte im Termitenhügel, - in die Geschichte sind sicher Achebes eigene Erfahrungen im Rundfunk eingegangen - schimmert auch hier ein wenig der Sohn des Katecheten hindurch, der hofft, die Welt durch das Aufstellen moralischer Imperative für den Einzelnen zu verbessern. Damit entspricht der diesjährige Friedenspreisträger einer gerade auch in Deutschland weit verbreiteten idealistischen Strömung. Das erscheint mir jedoch gegenwärtig als Qualität in einer Welt, die zunehmend von der Aufgabe jeglicher Moral geprägt ist, was sich auch darin äußert, dass selbst die political correctness, das heißt entgegen gezielten manchem Missverständnis der Vokabel, der mühsam erlernte Grundsatz der Gleichberechtigung der Kulturen über Bord geworfen wird. Gerade in der jetzigen Zeit, in dem der Westen offen darüber nachdenkt, ob er seine Interessen und seine angeblich höheren Werte gegenüber den anderen Völkern nicht wieder mit Kriegen durchsetzen darf, hat die Verleihung des Friedenspreises an Chinua Achebe besondere Bedeutung.


Chinua Achebe: Heimkehr in fremdes Land. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2002, 220 S., 16,90 EUR

Chinua Achebe: Termitenhügel in der Savanne. Roman. Aus dem Englischen von Susanne Koehler. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2002, 259 S., 11 EUR

Chinua Achebe: Okonkwo oder Das Alte stürzt. Roman. Aus dem Englischen von Dagmar Heusler und Evelin Petzold. Suhrkamp-Verlag 2002, Frankfurt am Main 2002, 227 S., 10 EUR

Chinua Achebe: Ein Bild von Afrika. Essays. Aus dem Englischen von Wulf Teichmann, Thomas Brückner und Petra Schreyer. Alexander-Verlag, Berlin 2002, 195 S., 8,50 EUR

02:00 11.10.2002
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
Schreiber 0 Leser 19
Avatar

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare