Eine virtuelle Weltmacht tritt aus dem Schatten

Saudi-Arabien Abdullahs Angebot an Israel könnte entscheidend zum Frieden beitragen

Es war schon peinlich, dass der wichtigste Verbündete des Westens im islamischen Raum bislang hartnäckigster Feind einer Anerkennung Israels gewesen ist. So peinlich, dass es nie offen gesagt wurde und daher auch nicht auffiel. Aber nach der reinen wahabitischen Lehre ist es ausgeschlossen, auch nur einen einzigen Zentimeter islamischen Bodens aufzugeben. Nicht nur deshalb ist die Ankündigung des saudischen Kronprinzen Abdullah eine Sensation, Israel das Existenzrecht nicht länger zu verweigern, sollte es sich hinter die Grenzen von 1967 zurückziehen.

Wenngleich eine Weltmacht, gehört Saudi-Arabien zu den wenigen Ländern, die es bis heute noch nicht zu einem voll ausgebildeten Staatswesen gebracht haben. Die saudischen Scheichs gelangten direkt aus der Position autokratischer Stammesfürsten in die von privaten Weltmonopolisten in Sachen Öl. Damit sind sie leibhaftige Idealtypen des Neoliberalismus. Die lästige Staatsphase, aus der sich andere Weltmonopolisten mühsam herausarbeiten, haben sie sich einfach erspart.
Freilich genügt ihnen schon seit Jahrzehnten nicht mehr die Macht über Clans und Territorien. Ihre unermesslichen Finanzreichtümer haben sie in Finanzspekulationen, globalen Unternehmen und in einen Kulturkampf investiert, der auf die "Wahabisierung" des riesigen, durch die Migrationen territorial auch gar nicht mehr abgegrenzten Raums der islamischen Umma zielt. Diese Operationen vollziehen sich weltweit auf informeller, privater Basis. Oft geschieht das im Gefolge des Baus von Moscheen und der Finanzierung von Vereinen, die dann bereit sind, eigene Formen des Islam aufzugeben und die von den Saudis vorgegebene Lesart zu verfechten.
Für diese Transaktionen von Geld und Kultur brauchten die Saudis ebenso wie die weltweit agierenden amerikanischen Think-Thanks weder einen Staat noch irgendeinen Personenkult im Stile einer Ostblock-Diktatur. Die Geld- und Ideengeber sind nur den jeweils führenden Köpfen der religiösen Vereine bekannt. Das Fußvolk, das von seinen eigenen Führern mit Geld vom Golf - teils mit charismatischen Gaben, teils auch mit Waffen - versorgt wurde, sollte die Namen der Geldgeber gar nicht kennen. Erwünscht war der Eindruck, das Geld der Moscheen sei Gottessegen. Es hatte die rituelle Form des Sakkat, der vom Islam vorgeschriebenen Armensteuer. Damit war nicht an Hilfe zur Selbsthilfe gedacht, etwa zum Aufbau strukturierter Volkswirtschaften, sondern an Almosen, die sich bei Bedarf auch in bewaffnete Militanz überführen ließen.

Ein terroristischer Staat schwört ab

Weil jeder Scheich mit seinen Finanzen lange Zeit machen konnte, was er wollte, waren die jeweiligen Engagements nicht a priori koordiniert. In dieser Anarchie kam es immer wieder zu Pannen. So wurde etwa die Zerstörung der ägyptischen Luftwaffe durch Israel gleich zu Beginn des Sechs-Tage-Krieges von 1967 möglich, weil die auf saudischem Territorium stationierten US-Satellitenrelais die nötigen Daten lieferten. Und es gelang den Saudis nicht, die im Kampf gegen den Kommunismus in Afghanistan oder den südlichen Sowjetrepubliken auch dem Westen einst genehmen "bösen Geister" zu bändigen, nachdem sie ihre Mission erfüllt hatten.
Auf Druck der USA musste sich die Monarchie Ende 1994 schon einmal in einer äußerst peinlichen Angelegenheit weltöffentlich outen. Nach einer erneuten angeblichen Drohung Saddam Husseins gegenüber Kuwait und Saudi-Arabien gab Präsident Clinton seine Schutzgarantie nur unter der Bedingung, dass Riad offiziell erklärte, künftig niemanden mehr finanziell zu unterstützen, der den Islam mit Gewalt verbreitet. Damit musste man anerkennen, bislang ein terroristischer Staat gewesen zu sein. Es spricht einiges dafür, dass solche Finanzierungen seitdem tatsächlich behindert wurden, was beispielsweise die Kräftebalance zwischen islamistischer Guerilla und Armee in Algerien entscheidend veränderte.
Aber völlig kontrollierbar sind die weltweit sich verselbstständigenden Finanzströme kaum. Insofern gelang es eben nicht, Dissidenten wie Osama bin Laden zu stoppen, der nicht nur im Kommunismus, sondern auch in der Demokratie westlichen Zuschnitts einen Todfeind sieht.

Abdullah sprach keineswegs nur für sich

Yassir Arafats Getändel mit Saddam Hussein nach dessen Besetzung Kuwaits 1990 war sein größter politischer Fehler. Gerade die PLO-Führung, die nur ein abstraktes Völkerrecht hinter sich wusste, hätte dies unbedingt im eigenen Interesse respektieren müssen und zwar keineswegs nur, weil seitdem allein Hamas und Islamischer Jihad noch Geldmittel aus Riad erhielten. Die Autonomiebehörde wurde fast ganz von Geldspediteuren aus Europa abhängig. Nach israelischen Quellen betrugen die der PLO während der ersten Intifada zur Verfügung stehenden Mittel jährlich 350 Millionen Dollar, nach dem Golfkrieg waren es nur noch 120 und 1993 gar nur noch 40 Millionen. Kein Wunder, dass die PLO die in sie gesetzten Erwartungen immer weniger erfüllen konnte. Mehr als ihre eigenen Verwaltungsstrukturen konnte sie tatsächlich nicht finanzieren, und der Lebensstandard sank auf ein selbst unter der Besatzung nicht gekanntes Niveau. So verwundert nicht, dass Arafat selbst seine Fatah nicht mehr voll kontrolliert.
Auch liegt klar zu Tage, dass diese Situation den Kräften in Israel, die an einem Frieden in den völkerrechtlich anerkannten Grenzen von 1967 genau so wenig wie die radikalen Palästinenser interessiert sind, den willkommenen Vorwand liefert, die Besatzungspolitik zu rechtfertigen.
Insofern bietet der saudische Vorschlag tatsächlich eine Chance, den gordischen Knoten zu zerschlagen. Mit seiner im Grunde das Völkerrecht antizipierenden Initiative ist das Königreich über seinen Schatten gesprungen. Außerdem entzieht es Hamas und Islamischem Jihad die schützende Hand und stellt sich hinter Arafat, der entgegen allen anderen Behauptungen die einzige palästinensische Kraft repräsentiert, die das Lebensrecht Israels anerkannt hat.
Ob bei Abdullahs Erklärung amerikanischer Druck im Spiel war, ist nicht sicher. Denn so sehr die USA immer wieder betonen, dass es zu Arafat gar keine Alternative gäbe, so sehr scheint ihre Nahost-Politik Sharon darin zu bestärken, dass der palästinensische Widerstand maximal herausgefordert werden soll, um eine Art totalen Krieg zu legitimieren, dessen Ziele man sich gar nicht vorzustellen wagt. Der saudische Kronprinz wiederum sprach keineswegs nur für sein Land, sondern stellte die Anerkennung Israels durch die gesamte islamische Welt in Aussicht - was auf eine "konzertierte Aktion" schließen lässt.
Nun ist Sharon am Zug, der sofort verlauten ließ, dass der saudische Vorstoß für seine Regierung uninteressant sei, weil ein Rückzug hinter die Linien von 1967 nicht in Frage käme. Auf die israelische Öffentlichkeit könnten das Angebot des Kronprinzen möglicherweise überzeugend wirken. Shimon Peres hat denn auch ganz anders als der Premier reagiert und die Geste Abdullahs als Friedenschance anerkannt.
Es wäre sehr zu begrüßen, wollte sich die arabische Halbinsel an diesen transparenten Politikstil gewöhnen und zwar nach außen wie nach innen. Der Kronprinz ist bereits 77 Jahre alt und wird seinem Nachfolger eine Gesellschaft hinterlassen, die von ständig wachsenden Widersprüchen zerklüftet ist. Ein Teil muss selbst nach saudischen Maßstäben als "fundamentalistisch" gelten, da er den Herrschenden vorwirft, die eigenen Prinzipien verraten zu haben und statt des gepredigten Wassers selber Wein zu trinken. Dem steht ein anderes Segment der Bevölkerung gegenüber, das Demokratisierungen fordert. Auch die vorwiegend aus Asien zugewanderten Arbeitsimmigranten werden sich nicht immer im Zustand der Rechtlosigkeit halten lassen. Und es würde eine enorme Befreiung für die islamische Welt insgesamt sein, wenn ihre Führungsmacht aus dem Schatten der Virtualität in die Sphäre von Demokratie und Transparenz träte.

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01:00 08.03.2002
Geschrieben von

Sabine Kebir

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Ausgabe 38/2020

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