Enthierarchisierte Klassenkämpfe?

Literatur Domenico Losurdo sieht im Kampf gegen Ausbeutung der Arbeit den gemeinsamen Nenner aller großer gesellschaftlicher Konflikte
Enthierarchisierte Klassenkämpfe?
Hat laut Losurdo die „binäre“ Konzeption des Klassenkampfs überwunden: Karl Marx
Bild: Henry Guttmann/Getty Images

Die Werke Domenico Losurdos ermöglichen einen neuen Blick auf Konzepte von Autoren und historischen Personen, deren Interpretation in eine Sackgasse geraten ist, weil sich sowohl Fürsprecher als auch Gegner eines reduzierten Kanons von Quellen bedienen. Durch Erschließen unterbeleuchteter oder in Vergessenheit geratener Quellen hat er die Diskussion zu Hegel, Nietzsche, Stalin und Gandhi in neues Fahrwasser gebracht. Jetzt hat sich Losurdo der Untersuchung des Konzepts des Klassenkampfs gewidmet, der in der Tradition des Marxismus-Leninismus als wichtigstes Bewegungselement der Geschichte galt – allerdings in einer spezifischen Form. Beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus – so die Doktrin – auf ein Proletariat gesetzt, das aus Arbeitern und Arbeiterinnen bestand, die sich in immer größeren Betrieben konzentrieren, ihren solidarischen Zusammenhalt entwickeln und durch zunehmende Organisiertheit von einer Klasse „an sich“ zu einer Klasse „für sich“ werden würden. Mit dem Ausbau des Sozialstaats in entwickelten kapitalistischen Ländern und vor allem seit dem Ende des Fordismus und der rasanten Dezentralisation der Produktionsstätten erwies sich dieses Bild des Proletariats und seines Klassenkampfs als so unrealistisch, dass sich selbst Linke, die den prinzipiellen Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit weiterhin sehen, fragen, wo denn nun das „revolutionäre Subjekt“ zu suchen sei, das sich künftig wieder dem „Klassenkampf“ widmen würde. Mit dem Zerfall der klassischen Arbeiterparteien schien es als Kampf zwischen „jenen, ´die gehorchen` und jenen, ´die befehlen`“ eher in den antikolonialen Bewegungen, in der Frauenbewegung, in den antirassistischen Kämpfen und im Kampf um Anerkennung der Homo- und Transsexuellen aufzuerstehen.

Die Stilisierung des Antagonismus zwischen Kapitalisten und – eng definierter – Arbeiterklasse zum alleinigen entscheidenden Faktor der modernen Geschichte entlarvt Losurdo als linken „Populismus“, der sich nicht auf Marx und Engels beziehen lasse. Zwar beschäftigten sie sich – vor allem in ihren theoretischen Werken – vorwiegend mit dem Klassenkampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie, erarbeiteten sich aber ein wesentlich komplexeres Bild der gesellschaftlichen Umbrüche. Dass ein Kapitalkurs für dessen Studium ausreiche, ist heute ein weitverbreiteter Irrtum. Vielmehr sind auch die – von Louis Althusser zu Unrecht abgewerteten – soziologisch-historischen Äußerungen von Marx und Engels herangezogen werden. In ihnen findet sich ein kritisches Bild des Proletariats.

Während die Bourgeoisie mit dem ständigen Bemühen, den Grad der Ausbeutung zu erhöhen, permanent Klassenkampf führt, führte ihn das Proletariat schon zur Zeit von Marx und Engels mit sehr unterschiedlicher Intensität. Sie sahen, dass das englische Proletariat im Klassenkampf erlahmte und selber rassistische Paradigmen übernahm, sobald die englische Bourgeoisie begann, ihm einige Früchte der Ausbeutung der Iren und der indischen Kolonien abzutreten. Und sie zögerten nicht, den Freiheitskampf der Iren und künftige Unabhängigkeitskämpfe der Inder zu möglichen Hauptachsen der gesellschaftlichen Konflikte der Zukunft zu erklären, in denen weder der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie noch der zwischen Besitzenden und Besitzlosen prioritär sein müsse. Vielmehr erkannten sie z. B. an, dass ein Teil des polnischen Adels, der sich – unter Zurückstellung eigener Klasseninteressen – an die Spitze des polnischen Freiheitskampfs gesetzt hatte, zur fortschrittlichen Avantgarde gehöre. Sie sahen auch in der Religion nicht nur „Opium des Volks“, sondern schätzten durchaus ihre identitätstiftende Rolle im Unabhängigkeitskampf von Völkern, die von moderner Bildung ausgeschlossen waren. Aus Briefen von Marx geht hervor, dass seine Tochter Jenny aus Solidarität mit polnischen und irischen Freiheitskämpfern mehrere Jahre lang ein „polnisches 1864er Insurrektionskreuz“ getragen hat.

Am deutlichsten zeichnet sich die Komplexität der Sicht von Marx und Engels auf die großen Auseinandersetzungen am Beispiel des amerikanischen Sezessionskriegs ab, den Marx mehrfach als das „einzig großartige Ereignis der Zeitgeschichte“ ansah, obwohl die Südstaaten nur punktuell mit Sklavenaufständen konfrontiert waren, sondern mit den Armeen des Nordens. Deswegen zögerten Linke wie Lassalle, den Kampf des letzteren zu unterstützen. Obwohl der Norden erst in der letzetn Phase Afroamerikaner für das Militär rekrutierte, sah Marx, er für eine fortschrittlichere Organisation der Produktion eintrat.

Nicht nur mit der Erkenntnis der Bedeutung der antirassistischen und nationalen Befreiungskämpfe, sondern auch mit der Unterstützung des Emanzipationskampfs der Frauen – so Losurdo – hätten Marx und Engels jene mechanistische „binäre“ Konzeption des Klassenkampfs überwunden, die ihn bis heute als Auseinandersetzung zwischen Proletariat und Bourgeoisie definiert. Gemeinsam sei den verschiedenen Kämpfen, dass es dabei stets gegen die ungleiche Verteilung von Arbeit, um Abschaffung, bzw. Minderung der Ausbeutung geht. Mit dem Auftrieb, den die Kämpfe gegen Rassismus, um nationale Unabhängigkeit und um die Gleichberechtigung der Frauen im 20. Jahrhundert bekamen, könne keineswegs von einem Abflauen der Klassenkämpfe gesprochen werden. Ideologisch stellen sie sich oft als Ringen um „Anerkennung“ der Gleichwertigkeit der Menschen dar – ein Topos, den bereits Hegel als hauptsächliches Bewegungselement der Geschichte definierte, weshalb er von liberalen Theoretikern als Vorläufer des Kommunismus galt und gilt.

Wichtig ist auch Losurdos Darstellung der theoretischen Entwicklungen Lenins, der – trotz der offensichtlichen zahlenmäßigen und politischen Schwäche des russischen Proletariats – gegen eine schwer zu überzeugende Phalanx von dessen Idealisieren bei den Bolschewiken durchsetzen musste, dass die auf Krieg und Invasion folgende Hungersnot nur durch die Reprivatisierung bestimmter Sektoren der Wirtschaft zu beenden war und dass die Industrialisierung des Landes den Einsatz bürgerlicher Wissenschaft und Spezialisten erforderte. Die spätere Hypertrophierung der Arbeiterklasse im Sowjetmarxismus, die fatale Folgen auch für die internationale Arbeiterbewegung hatte und noch hat, wird von Losurdo nur punktuell gestreift – diese Auseinandersetzung hätte den Umfang der Arbeit gesprengt. Stattdessen bietet er dem Leser Analysen der zahlreichen Volten, die der chinesische Kommunismus nahm.

Die Beweisführung, dass die marxistischen Klassiker die verschiedenen Kämpfe um „Anerkennung“ enthierarchisierten und doch unter den gemeinsamen Nenner des Kampfs gegen Ausbeutung brachten, ist stichhaltig und von hoher aktueller Bedeutung. Diskutabel wäre, ob es sinnvoll ist, diese verschiedenen Konflikte unter den Oberbegriff Klassenkampf zu stellen, zumal Marx, Engels und auch Lenin gerade den klassenübergreifenden Charakter gesellschaftlicher Umbrüche betonten.

Info

Der Klassenkampf oder die Wiederkehr des Verdrängten? Eine politische und philosophische Geschichte, Domenico Losurdo, PapyRossa Verlag 2016, 24,90 EU

06:00 22.01.2017
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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