Fünf Stunden für Osama - 500 für Bush

Der Fernsehkanal "al-Dschasira" Zehn Jahre Unabhängigkeit und Professionalität im Nahen Osten - zehn Jahre Aufsehen und Unbehagen im Westen

Die Berichterstattung hiesiger Medien aus Israel oder dem Irak wird bekanntlich vornehmlich von Journalisten bestritten, die sich gern von israelischen beziehungsweise amerikanischen Militärs "einbetten" lassen und nur das wiedergeben, was sie in speziellen Briefings zu hören bekommen.

Wer unter diesen Umständen während des Libanonkrieges vergangenen Sommer den Kanal al-Dschasira aus dem Emirat Katar einschalten konnte, erlebte wahrscheinlich die objektivste Berichterstattung weltweit. Kein deutscher Sender strahlte ein Interview mit Hisbollah-Chef Nasrallah aus. Al-Dschasira tat nicht nur das, sondern übertrug auch live die Debatten in der Knesset und Briefings israelischer Militärs. Ein Reporter gab sogar Stimmungsbilder direkt aus Mea Shearim wieder, dem Viertel der orthodoxen Juden Jerusalems. Wer nur auf westliche Nachrichten angewiesen blieb, konnte nicht erfassen, dass Hisbollah-Kämpfer keine traditionellen Hemden und Turbane trugen, sondern moderne Uniformen im Tigermuster. Der konnte auch nicht wissen dass ihre Sprache keineswegs die fanatisierter Jihadisten war, sondern - ganz dem Gegner angepasst - die von nüchternen Technikern des Krieges, die man sich auch als Teil des libanesischen Heeres vorstellen konnte.

Es ist nun zehn Jahre her, dass al-Dschasira gegründet wurde und davon profitierte, dass Hamad bin Khalifa al-Thani, seit 1996 Staatsoberhaupt von Katar, im Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt demokratische Reformen ins Werk setzte. Der Emir finanzierte die Gründung al-Dschasiras und schloss mit dem Sender ein Abkommen über dessen Unabhängigkeit nach dem Vorbild der ebenfalls staatlich alimentierten BBC. Von dort wie von CNN wurde dann auch das erste Personal abgeworben, um Professionalität und Staatsferne zu garantieren. Die geistige Autonomie der Anstalt führt vor allem dazu, dass al-Dschasira die Politik der USA und ihrer Alliierten im Nahen Osten bis heute scharf kritisiert, obwohl Katar als einziger Golfstaat weiterhin diplomatische Kontakte mit Israel unterhält und den USA riesige Militärbasen zugesteht, die während des Irak-Krieges 2003 als Hauptquartier dienten - in direkter Nachbarschaft des Senders. Ihn zu bombardieren oder anderweitig zu zerstören, ergab freilich nie einen Sinn - al-Dschasira ist zwar in Katar zu Hause, sein Rückgrat aber bildet ein weit gefächertes Netz von Studios und hochmotivierten Mitarbeitern außerhalb des Emirats. Seit Jahren bemühen sich die USA, wenigstens den Aufbau eines englischsprachigen Programms zu behindern.

Im arabischen Raum war der Kanal von Anfang mit hohen Einschaltquoten gesegnet, schon weil er sich nicht scheute, in der Region bis dato unübliche Formate wie Live-Übertragungen und Live-Interviews einzuführen, an denen sich Zuschauer per Telefon beteiligen konnten. Dabei kamen die profiliertesten Oppositionellen der muslimischen Welt zu Wort, was dem Sender prompt die Feindschaft Saudi-Arabiens eintrug. Riad ließ nichts unversucht, potenzielle Werbepartner al-Dschasiras an einem Engagement zu hindern und damit eine finanzielle Autarkie des Senders in Katar zu vereiteln.

Für Aufsehen und Unbehagen im Westen war und ist stets gesorgt, wenn Videos von al-Qaida-Führern oder die grausigen Botschaften von Entführern gesendet werden. Al-Dschasira schreckt nicht davor zurück, allen Parteien eines Konflikts - zumal eines militärischen - das Wort zu geben, auch wenn dem einen oder anderen die völkerrechtliche Legitimation bestritten wird. Doch stehen den seit dem 11. September 2001 insgesamt ausgestrahlten fünf Stunden mit diversen Statements von Osama bin Laden mehr als 500 Stunden Sendezeit gegenüber, in der Reden und Pressekonferenzen von George Bush übertragen wurden.

Al-Dschasira war der einzige Sender im arabischen Raum, der kurz vor dem Irak-Krieg die Rede des damaligen US-Außenministers Collin Powell im UN-Sicherheitsrat, als mit gezinkten Fotos und Dokumenten der "Nachweis" über Saddam Husseins Waffenarsenale erbracht werden sollte, live ausstrahlte. Um sich direkt an die islamische Welt zu wenden, hielten es Powell und später Condoleezza Rice hin und wieder für nützlich, sich direkt von al-Dschasira interviewen zu lassen.

Bis heute übernehmen nicht nur die europäischen, sondern auch die großen US-Networks gern Aufnahmen der mutigen Reporter des arabischen Senders aus all jenen Gebieten, aus denen sich andere Kamerateams längst zurückgezogen haben. Al-Dschasira war der einzige Sender, der 2001 während des Bombardements der US-Luftwaffe aus Kabul sendete (wobei auch das eigene Büro getroffen wurde) und ist der einzige Sender, der sich in die irakischen Bürgerkriegszonen wagt. Eine publizistische Leistung von gleichem Rang ist die Präsenz in Israel und den besetzten Gebieten, seit die palästinensischen Fernsehanstalten zerstört wurden. Al-Dschasira in Palästina - das ist besonders der aus der Westbank stammende und als Übersetzer in der Knesset tätige Reporter Walid al-Omri. Weil er auch die Korruption der Autonomiebehörde kritisierte, wurde das al-Dschasira-Büro in Ramallah einmal von Mitgliedern der Fatah gestürmt.

Dem Sender wird gern unterstellt, mit "Terroristen" zu kooperieren, und daraus die Rechtfertigung abgeleitet, die al-Dschasira-Mitarbeiter festnehmen, jagen und töten zu dürfen wie jeden anderen "Jihadisten" auch. Es kann daher kaum verwundern, dass Journalisten und Kameraleute des Senders ins Gefängnis von Abu Ghraib kamen oder gar in das Lager Guantanamo deportiert wurden.


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01:00 10.11.2006
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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