Generalin, Lehrerin, Schülerin

Begehren Zum 100. Geburtstag von Margarete Steffin ist eine neue Biografie erschienen

Am 21. März wäre Margarete Steffin hundert Jahre alt geworden. Die in einer Kellerwohnung zwischen Berlin-Rummelsburg und Ostkreuz und im schlesischen Kietz aufgewachsene Hochbegabte starb schon 33-jährig an Tuberkulose. Sie hätte wohl keine Chance gehabt, in die Annalen einzugehen, wenn sie nicht Geliebte und Mitarbeiterin von Bertolt Brecht gewesen wäre. Ihr Name steht - neben dem von Ruth Berlau - vor allem als Symbol für seine rücksichtslose sexuelle und arbeitsmäßige Ausbeutung.

Jost Hermand hatte schon 1983 darauf hingewiesen, dass diese, in der jüngeren Vergangenheit wiederholt transportierten Bilder auf feministischer Voreingenommenheit basierten. Wenn sich diese ahistorische Perspektive mit zweifelhaften kommerziellen Überlegungen verband, konnte statt einer Aufwertung der betreffenden weiblichen Persönlichkeit auch mal das Gegenteil herauskommen. Weil Steffins Textband Konfutse versteht nichts von Frauen 1991 kein Verkaufserfolg gewesen war, verfiel man für die Publikation ihrer Briefe auf das unglückliche Konzept, nur Briefe an berühmte Männer zu publizieren, das heißt die an Brecht, Walter Benjamin und Arnold Zweig. Durch den Wegfall der Briefe, die sie an nicht berühmte Menschen geschrieben hatte, zum Beispiel an ihre Familie und ihre Freunde, blieb das Persönlichkeitsbild Steffins gerade in seinem autonomen Potenzial unerschlossen.

Ein frommes Kind

Licht in den Dämmer bisheriger Steffin-Publizität bringt die Biografie von Hartmut Reiber, der sich jahrzehntelang insbesondere mit der Erforschung früher Lebensabschnitte beschäftigte. Ausführlich interviewte er die Verwandten und Freunde Steffins, wobei ein aufschlussreiches Panorama der Berliner Arbeiterkulturbewegung während der Weimarer Republik entstand. Natürlich hat Reiber auch die angesprochenen Kulturinstitutionen und ihren Bezug zur professionellen Kulturszene erforscht.

Aus den autobiographischen Erzählungen Steffins war bekannt, dass der Vater, Hilfsarbeiter auf dem Bau, trank und die inbrünstige Religiosität der kleinen Grete, die schon in der Grundschulzeit Bibelgeschichten aufschrieb, ebenso bekämpfte wie ihr früh erwachtes Kunstinteresse. Aber erst eine Ungerechtigkeit der Religionslehrerin gegenüber der kleinen Schwester machte sie zur Atheistin. Während die Zwölfjährige im Rahmen der Kinderlandverschickung ein halbes Jahr bei einem Bauern in den Masuren Tiere hüten musste, schrieb sie die Erzählung Schwesternliebe, die beim Wettbewerb einer Kinderzeitschrift den ersten Preis gewann. Dichterin oder Schauspielerin wollte Margarete werden. Aber der Vater verbot ihr auch den Besuch des Lyzeums.

Arbeiten, arbeiten, arbeiten

Während ihrer Lehre als Kontoristin und Buchhalterin beim Globus-Verlag verbrachte Steffin ihre Freizeit in Jugendgruppen, die sich gemeinsam weiterbildeten und vielfältige künstlerische Aktivitäten entwickelten, die sie zur politischen Agitatorin machten. Ihr erster Lebenspartner, Herbert Dymke erinnerte sich, welche Bedeutung diese Bildungs- und Kulturarbeit für die jungen Leute hatte, denen die Gesellschaft bislang nur die eigene Bedeutungslosigkeit vermittelt hatte.

Auch Sport wurde getrieben und gemeinsam gewandert, manchmal in entfernteren Teilen Deutschlands. Nach einem eiskalten Bad in der Sächsischen Schweiz erkrankte Margarete Steffin 1926 an Tuberkulose. Sie verdrängte die Krankheit zunächst und verbarg sie vor anderen.

1924 war ihr Treptower Jugendverein "Fichte" zum "Großberliner Sprechchor" gestoßen. Mit expressionistisch inszenierten Revolutionswerken unter anderem von Gerhard Hauptmann, Ernst Toller und Johannes R. Becher veranstaltete dieser Chor Sonntagsmatineen in Max Reinhardts Großem Schauspielhaus, zu denen Tausende, vor allem sozialdemokratische Arbeiter strömten. Steffin, die oft einen "lammfrommen" Eindruck machte, wirkte beim Diskutieren und Rezitieren plötzlich packend, mitreißend, energisch. Bald wurde sie Solosprecherin.

Im Großen Schauspielhaus - dem späteren Friedrichstadtpalast - wurden die jungen Leute "hin und wieder von einem Hauch der Goldenen Zwanziger gestreift. Zum Beispiel, wenn sie dem Flair der pompösen Ausstattungsrevuen begegnen oder androgynen Stars wie Anita Berber, der ersten deutschen Nackttänzerin ... Als die Treptower 1926 einmal auf der Hinterbühne des Großen Schauspielhauses die Requisiten ihres Stückes Großstadt (von Bruno Schönlank) zusammenstellen, kommen ständig die halbnackten Mädchen von der Bühne gehüpft, weil vorne eine Revue lief" - erinnerte sich Steffins Zeitgenosse Richard Müller.

Obwohl sich die Arbeiterjugend nicht an Modellen der kommerziellen Libertinage inspirierte, ging es auch bei ihr freizügiger zu als in vergangenen Jahrzehnten. Steffins Gruppe, die sie ab 1926 leitete, stand in Verbindung zu dem Sexualpädagogen Max Hodann, der die von den Eltern vernachlässigte Aufklärung vermittelte. Experimenten von freier Liebe stand Steffin ablehnend gegenüber. Als ihr Freund sich jahrelang nicht zwischen ihr und einem anderen Mädchen entschied, litt sie und fühlte sich ähnlich ohnmächtig wie später, als sie hoffte, Helene Weigels Platz an Brechts Seite erobern zu können.

1931 gehörte sie zu den Laiendarstellern der Jungen Volksbühne, die zusammen mit Professionellen wie Weigel, Lotte Lenya, Blandine Ebinger und Herwart Grosse die antifaschistische Revue Wir sind ja sooo zufrieden planten. Neben Günter Weisenborn, Bernhard von Brentano, Ernst Ottwalt und Erich Weinert gehörte auch Brecht zu den Textern. Komponisten waren Kurt Weill, Friedrich Hollaender, Hanns Eisler. Es war die Zeit der Maßnahme, als Brecht zu der Überzeugung gelangte, dass Aufführungen aus der Abhängigkeit der "großen, von hundert Bedenken gehemmten Apparate" befreit werden und von denen aufgeführt werden müssten, "für die sie bestimmt sind und die allein eine Verwendung dafür haben: von Arbeiterchören, Laienspielgruppen, Schülerchören und Schülerorchestern, also von solchen, die weder für Kunst bezahlen, noch für Kunst bezahlt werden, sondern Kunst machen wollen".

Die Verbindung, die zwischen ihm und Steffin entsteht, ist überhaupt nur unter dem Aspekt zu verstehen, dass es für ihn grundlegend blieb, Kulturarbeit kollektiv zu organisieren und zwar als Zusammenarbeit von Professionellen und Laien. Dabei kam es ihm gerade auf die Lebenserfahrung der Arbeiterlaien an, die in diesen Prozess ganz neue Aspekte einbringen und sich selbst professionalisieren würden. Steffin vermittelte ihm fortan ein vielschichtiges Bild proletarischen Klassenbewusstseins, das auf das intensive Gruppenleben der jungen Arbeiter zurückging, die er wiederum als sein Publikum ansah.

Ein großes Talent

Erst unter Brechts Einfluss begann Steffin, ihre Krankheit ernst zu nehmen. Er finanzierte zunächst eine Operation, die Ferdinand Sauerbruch durchführte. Als sich Steffins Freundin Hilde Lützenhoff wunderte, dass Brecht und Eisler Anfang 1933 auch noch eine Kur im Schweizer Agra bezahlten, erzählte ihr Steffin, dass sie ihr gesagt hätten: "Wir halten dich für ein kommendes großes schauspielerisches Talent. Und so, wie man auf Pferde setzt, bei ´ner Wette, so setzen wir hier auch und versuchen, eine gute Schauspielerin aus dir zu machen. Und dazu ist wichtig, dass du gesund wirst."

Brechts autoritär wirkende detaillierte Anweisungen, wie sie ihren Kuraufenthalt in der Schweiz zu organisieren hatte, zeigten, dass Steffin sich des Ernstes ihrer gesundheitlichen Situation noch immer nicht ganz bewusst war. Bei der Entlassung war sie schockiert, weil ihr klar gemacht wurde, dass ihre Lebensperspektive begrenzt und sie nie mehr gesund genug sein würde, um Kinder zu bekommen. Auch den Traum, Schauspielerin zu werden, musste sie 1933 aufgeben.

Weil Hitler inzwischen die Macht übernommen hatte und Steffin als Mitglied der KPD wohl schnell in ein KZ gekommen wäre, forderte Brecht sie auf, ihm ins Exil zu folgen, wo sie sich zunächst in vollkommener materieller Abhängigkeit von ihm befand. Auf seinen Ratschlag versuchte sie, schon in der Schweiz - zunächst mit autobiografischen Texten - systematisch zu schreiben. Diese Texte sollte man nicht überbewerten - ähnliches findet sich oft in der damaligen Arbeiterliteratur. Die beiden Kinderstücke Wenn er einen Engel hätte und Die Geisteranna, die sie in Dänemark unter Mitarbeit Brechts verfasste, sind als respektable Arbeiten einer angehenden Dramatikerin zu erkennen. Unbestreitbar ist, dass ohne ihre Mitarbeit Brechts Dreigroschenroman, Die Rundköpfe und die Spitzköpfe, Furcht und Elend des Dritten Reiches, Mutter Courage, Der gute Mensch von Sezuan, Arturo Ui und etliches andere wesentlich ärmer ausgefallen wären.

Allerdings ist die verbreitete Auffassung zu revidieren, dass Steffin wegen ihrer intensiven Arbeit für Brecht ihr eigenes Schreiben vernachlässigt habe. Reibers Buch macht klar, dass sich Steffin im Exil vor allem zur Übersetzerin aus skandinavischen Sprachen und aus dem Russischen entwickelte. Sie übersetzte nicht nur Martin Andersen Nexö, Nordahl Grieg und Hella Wuolijoki, sondern auch Hans Scherfig und Hans Kirk - damals nur wenig anerkannte kommunistische Autoren, die heute neben Nexö als die bedeutendsten dänischen Erzähler des 20. Jahrhunderts gelten. Erst neuere Forschungen des Dänen Nörregaard lassen erkennen, dass Steffin mit solchen Übersetzungsarbeiten soviel Geld verdient hat, um Familie und Freunde aus Deutschland einladen zu können. Diese Verdienste erlaubten es ihr auch, an Trennung von Brecht zu denken. In Form von gelegentlichem Mitarbeiterstreik leitete sie diese auch mehrfach in die Wege, ohne sie freilich letztendlich zu vollziehen.

Subjekt und Objekt

Viele Jahre ist der famose Austausch von Liebes- und Konfliktsonetten zwischen Steffin und Brecht, der 1932 bis 1939 stattfand, kaum beachtet worden - obwohl dieser lyrische Dialog in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts kein ebenbürtiges Pendant hat. Steffin spricht hier unter anderem kein geringeres Thema an als die Lust der Frau im Liebesakt. Es ist wohl kein Zufall, dass sich Germanistinnen in Amerika seit einigen Jahren gerade für diese Gedichte besonders interessieren. Für Simran Karir (Toronto) konnten die "ungleichen Machtverhältnisse", wie sie zwischen Brecht und Steffin bestanden, durch dieses Medium des Dialogs aufgehoben werden, indem sich "beide zugleich als Subjekte und Objekte des Begehrens und der poetischen Ansprache erlebten".

Während Karir in den Anfängen des Sonett-Dialogs auf Brechts Seite noch den Didaktiker kritisiert, der eine Schülerin in Sachen Sexualität belehren will, sieht Gudrun Tabbert-Jones (St. Clara / Kalifornien) diesen Didaktiker positiv. Er versuchte nämlich, Steffin abzubringen von der traditionellen weiblichen Opferhaltung, die sie ihm gegenüber einnahm. Immer wieder hatte sie ihm geschrieben, sie sei ihm "versklavt", könne sich selbst nur lieben, wenn er sie liebe. Aber nicht als "Sklavin", sondern als gleichwertigen, unabhängigen Menschen, als Mitarbeiterin, Kameradin, Soldatin, Beraterin, Generalin, Lehrerin, Schülerin, "braucht" er sie. Für Tabbert-Jones ist Steffin nicht Brechts Opfer, sondern "vor allem Opfer der Zeitverhältnisse, der Lebensumstände im Exil und ihrer Krankheit, aber auch ihrer eigenen konventionellen Liebeserwartungen".

Der Sonett-Dialog und der durch Briefe belegbare Liebesdialog bieten auch heute noch Stoff zu Kontroversen um Weg und Ziel der Frauenemanzipation. Einigkeit herrscht über den ebenbürtigen Sprachgestus der Dialogpartner. Obwohl Reiber recht hat, dass Steffin hier Brechts Sprache kopierte, berechtigen ihre Gedichte insgesamt zu dem Urteil, dass sie auch ein lyrisches Talent war. So bleibt zu hoffen, dass das seit Jahren auf Eis liegende Editionsprojekt des Sonett-Dialogs, das die Berlinerin Heidrun Loeper in der Schublade hat, endlich realisiert werden kann.

Hartmut Reiber Grüß den Brecht. Das Leben der Margarete Steffin, Eulenspiegel, Berlin 2008, 384 S., 24,90 EUR

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
Schreiber 0 Leser 16
Avatar

Kommentare