In Deutschland zeigt sich wieder der Russenhass

Gesellschaft Mit dem Krieg in der Ukraine brechen in Deutschland langlebige Ressentiments 
auf, die an Klischees
 der Adenauer-Zeit erinnern: „Der Russe“ ist wieder das Feindbild. Eine Analyse
Man muss den Russen nicht lieben, um anzuerkennen, dass auch er Traumata und Ängste hat
Man muss den Russen nicht lieben, um anzuerkennen, dass auch er Traumata und Ängste hat

Foto: Sven Creutzmann/Getty Images

Bekannte aus dem Schuldienst in Berlin erzählten in den ersten Tagen des Ukraine-Krieges, längere Zeit schon mit handfesten Konflikten zwischen ukrainischen und russischen Kindern konfrontiert zu sein. Ich hielt das für nachvollziehbar, was mir aber den Atem verschlug: Dass nicht nur in Deutschland lebenden Künstlern und Wissenschaftlern Bekenntnisse abgefordert werden, sondern dies auch von Russisch sprechenden Kindern verlangt wird, obwohl Lehrer zu strikter Neutralität verpflichtet sind. Mittlerweile fanden zwei Brandanschläge gegen die Internationale Lomonossow-Schule in Berlin statt, die von Kindern aus 20 Nationen besucht wird. Solcherart Enthemmung kann als Folge medialer Kriegsrhetorik gedeutet werden.

Wenn aber Pjotr Tschaikowski aus Konzertprogrammen gestrichen wird und Leo Tolstoi aus dem Lesekanon, geht das darüber hinaus. Dann zeigt sich plötzlich dumpfer, aus dem Zweiten Weltkrieg und der Adenauer-Zeit ererbter Russenhass, der auch vor der Annullierung historischer Schuld nicht haltmacht. Katrin Lange, SPD-Europaministerin in Brandenburg, verkündete, dass zur Beisetzung sterblicher Überreste sowjetischer Soldaten, die in diesem Bundesland noch immer aufgefunden und auf dem Soldatenfriedhof in Lebus begraben werden, keine russischen Offiziellen mehr geladen sind – was bisher üblich war. Entweder wüssten die nicht, „was im Kreml los ist, dann wäre das Zeitverschwendung – oder sie belügen und betrügen uns“.

Beim Russenhass gibt es graduelle Unterschiede zwischen Ost und West. Zu den ostdeutschen Erfahrungen gehört die Zeit der sowjetischen Besatzung. Wirklich akzeptiert wurde sie nur von einer Minderheit. Aber jeder bekam mit, dass sich die unter strengem Regime gehaltenen, zwischen 350.000 bis 500.000 ständig stationierten Soldaten diszipliniert verhielten. Ob freiwillig oder nicht, man kam in Berührung mit russischer Kultur, was langfristig das Feindbild relativierte. Man erfuhr, völlig ohne Zivilisation war „der Russe“ nicht. In Literatur und Film konnte er sogar allgemeinmenschliche Probleme bewegend darstellen. Und trotz Zensur taten sich immer wieder Dissidenten hervor. Ostdeutsche lernten, mit „dem Russen“ auszukommen. Man musste ihn nicht lieben, konnte aber zuhören und feststellen, dass auch er Traumata und Ängste hat.

Russland wird mit Wladimir Putin gleichgesetzt

Wer durch die Westalliierten vom Faschismus befreit, rasch entnazifiziert und mit einem Wirtschaftswunder beglückt wurde, das „der Russe“ den Brüdern und Schwestern im Osten vorenthielt, hatte wenig Grund, das überkommene Feindbild zu hinterfragen. In seiner aktualisierten Variante gibt es nur den Unterschied, dass damals die Ukrainer mit eingebunden waren. Nun heißt es, sie seien seit Jahrhunderten dem westlichen Europa verbunden, die Russen aber nicht. Mit Wladimir Putin, der immer wieder als wahnsinnig bezeichnet wird, personalisieren die Medien die ganze Russische Föderation – und schon erübrigt sich die Frage, ob die Sicherheitsbedürfnisse der Russen genauso ernst zu nehmen sind wie die der Ukrainer.

Zugleich wird historische Kontinuität suggeriert, die beim Zaren Nikolas II. beginnt, der übrigens mehr westeuropäisches Blut in den Adern hatte als russisches. Der Autokrat Putin gilt auch als Nachfolger von Lenin und Stalin, von denen man nur weiß, dass sie sich ganz Europa untertan machen wollten. In dieser Geschichtsklitterung hat unsere historische Schuldenlast keinen Platz. Und die NATO erscheint den Jüngeren, die nicht einmal Wehrpflicht fürchten müssen, als „Papiertiger“. So nannte Mao Zedong einmal die Atombombe, um die Sowjetunion zu mehr Konfrontation mit dem Westen zu drängen. Jetzt behauptet Wolodymyr Selenskyj, dass wir Putins Atomraketen nicht fürchten müssen.

Der Russenhass führt sogar zur Schlachtung der heiligsten Kuh der freien Welt – der Unverletzlichkeit des Eigentums. Ob es rechtmäßig erworben wurde, wird in anderen Fällen kaum untersucht. Nun jedoch wird nicht ohne Hintersinn enteignet: Wenn es russische Oligarchen trifft, kann gepunktet werden. Russland wird zu Recht vorgeworfen, den Einfluss unabhängiger und ausländischer Medien immer mehr einzuschränken. Mit dem Abschalten von Russia Today tun wir aber dasselbe. Hiesigen Medien fällt es nicht ein, außer dem ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk auch einmal den russischen Emissär Sergei Netschajew zum Talk zu bitten. Dass in der Bundesrepublik, wie in der Endphase der DDR, nunmehr der Sputnik verboten ist, erkennen nur Ältere als bösen Witz.

In Deutschland treiben die Medien die Politik an

Deutschen Medien ist das Prädikat „unabhängig“ nicht abzusprechen. Sie arbeiten nicht auf Anordnung „von oben“, sondern frei nach eigenem Gewissen, auch wenn sie meist global aufgestellten Großkonzerns wie Springer oder Bertelsmann gehören. Öffentliche Medien schwimmen in deren Schlepptau. Kanzler Olaf Scholz‘ vergleichsweise sachliches Wording, wird ihm als politische Feigheit ausgelegt. Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) lässt sich von den Medien inspirieren. In Deutschland treibt nicht die Politik die Medien an. Es ist umgekehrt.

Das Ende der sowjetischen Besatzung wurde 1994 selbstverständlich mit Erleichterung begrüßt. Dennoch blieben die in das westliche Modell von Wirtschaft, Demokratie und Freiheit gesetzten Hoffnungen hinter den Erwartungen zurück. Sie wären völlig erledigt, sollte sich der unselige Krieg in der Ukraine zum Krieg zwischen Russland und der NATO auswachsen. Oder bereits, wenn wir tatsächlich für unsere Freiheit frieren oder an Öl und Mehl sparen müssten.

Das wieder „auf ewig“ gesetzte Feindbild Russland sollten wir vermeiden, weil der Ukraine-Krieg nicht dauern darf. Und weil wir nur in besonnener Partnerschaft mit Russland die Herausforderungen der Klimakrise angehen können. Im Geist von Egon Bahr hieße das, den Interessenausgleich zu suchen, wozu die Anerkennung der Sicherheitsbedürfnisse sowohl der Ukrainer wie der Russen gehört.

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Geschrieben von

Sabine Kebir

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