Ihrer Zeit voraus

Nachruf Elfriede Brüning ist tot. Stets nur zur zweiten Garde der DDR-Autoren gezählt, wird sie noch wichtig werden
Ausgabe 33/2014

Antonio Gramsci bemerkte einmal, dass das Werk eines kleineren Schriftstellers für die Kulturgeschichte viel nützlicher sein könne als das eines sehr großen. Der kleinere sei meist ein „selbstkritischer Geist“ und liefere mehr „dialektische Momente“ einer Kultur als gefeierte Zeitgenossen. Die am 5. August mit 103 Jahren gestorbene Elfriede Brüning wurde zur zweiten Garde der DDR-Autoren gezählt. In der BRD war sie fast unbekannt, ihre Prosa über die Emanzipationsprobleme einfacher arbeitender Frauen in der DDR interessierte hier einfach nicht. Anschlussfähig an den Mittelklassefeminismus der 68er waren nur die patriarchatskritischen Utopien Irmtraud Morgners, Sarah Kirschs oder Christa Wolfs. Aber warum erfuhr Brüning auch in der DDR, wo Frauenemanzipation Staatsziel war, immer wieder Zurücksetzung?

Im 1955 in der Gewerkschaftszeitung Tribüne gedruckten Roman Regine Haberkorn betrog Arbeiter Erwin seine Frau, weil sie auch arbeiten gehen wollte. Ein Kollektiv des Braunkohlewerks Nachterstedt hatte den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund aufgefordert, einen Literaturpreis für dieses Buch auszuloben. Der Preis wurde geschaffen, aber Brüning bekam ihn nicht, weil die offizielle Kritik ihr Buch geißelte: Es hätte den volkseigenen Betrieb nur zur Kulisse einer banalen Ehegeschichte missbraucht. Die DEFA lehnte das Haberkorn-Szenarium ab, weil Erwins Benehmen untypisch für einen sozialistischen Arbeiter sei, und Regine solle auch wegen ihres gefährdeten Sohnes besser zu Hause bleiben!

Dass die frühe DDR ein fast so braves Ideal der Ehe propagierte wie die von kirchlicher Ideologie durchtränkte BRD, ist kaum noch bekannt. Es war von der aus der prüden Sowjetunion heimgekehrten Partei- und Staatsführung verordnet worden. Brüning, der die Möglichkeit zur Emigration gefehlt hatte, hatte sich dagegen das Bewusstsein der sexuell aufgeklärten Arbeiterinnenbewegung der Weimarer Republik bewahrt und konnte nicht akzeptieren, dass es im jungen sozialistischen Staat negiert wurde. Nun, dies änderte sich zwar, und Regine Haberkorn durfte noch zum Longseller mutieren. Aber Brüning galt als Männerfeindin, weil sie patriarchale Haltungen antifaschistischer Altgenossen literarisch aufs Korn nahm. Ihre 1967 in der Neuen Deutschen Literatur publizierte Septemberreise wurde deshalb im selben Heft schärfstens kritisiert und erschien erst sieben Jahre später als Buch. Brüning hörte nicht auf, die Geschlechterpolitik zu bemäkeln: Die Qualität der Kindergärten genügte ihr bis zum Ende der DDR nicht, weshalb sie 1978 für eine gemäßigtere Emanzipation eintrat. Den Literaturpreis des Freien Deutschen Gewerkschaftsbunds FDGB erhielt sie erst 1983 – nachdem Arbeitskollektive das Buch lange vergeblich vorgeschlagen hatten.

Im Unterschied zu den jüngeren patriarchatskritischen Autorinnen blieb Brüning literarisch dem Realismus verpflichtet, versagte sich jede surreale Ausschweifung. Seit ihrem 16. Lebensjahr publizierte sie auch unzählige Reportagen, die ein kaleidoskopartiges Bild der Geschichte der von Erwerbsarbeit lebenden Frauen über Jahrzehnte vermitteln. Dieser Hintergrund erdete ihre Prosa, weshalb man eben im historischen Abstand aus Brünings Werk mehr über die DDR erfahren wird als bei heute noch bekannteren Autorinnen. Indessen: Seit Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch in der BRD angestrebt ist, wird Elfriede Brüning nun immer deutlicher als bedeutende Vorkämpferin erkennbar.

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